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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIX (1984 / Heft 195)

anmutig abgestimmten, ja fast rokokomaßigen Verfei- 
nerung führte. 
Daß Prag am Ende des 17. Jahrhunderts zu einem Zen- 
trummitgroßarAnziehungskraftemporwuchs,bezeugt 
die Schar der hier sich niederlassenden Maler. Außer 
Liska war es hauptsächlich der sozusagen protäisch 
sich verwandelnde Schweizer Johann Rudolf Bys. 
Maler von Wand-. Mythologie und Altarbildern, wie 
auch von Blumen- oder Jagdstilleben, in denen allen die 
Bedachtnahme auf gefällig durchgearbeitete Details 
häufig zu einem etwas starren Aufbau führte. 
Die Farbfrohheit von Bys bedingte gemeinsam mit dem 
ebenfalls satten. aber durch schroffe Lichtkontraste 
unterbauten Kolorit des Österreichers Michael Wenzel 
Halbax das Jugendwerk des großen Synthetikers Peter 
Brandl. Die Modellierung des farbreichen Gebildes und 
die Auflockerung des üppigen Kolorits sublimierten im 
Zenit von Brandts Schaffen seit der Neige des zweiten 
und im Verlauf des dritten Jahrzehnts. An der Schwelle 
Brandts letzter, durch menschlichen und gesellschaftli- 
chen Verfall begleiteten Lebens- und Schaftensperiode 
lockerte sich noch die Handschrift des Meisters sowie 
die Farbgebung in einen prachtvollen Zusammenklang. 
Aus allen diesen Quellen fließt das vielströrnige Schaf- 
fen Fteiners zusammen, Am stärksten reagierte er 
jedoch an das unmittelbar vorgehende Werk Brandts. 
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offensichtlich aber nicht in der Absicht, mit ihm wettzu- 
eifern, sondern eher im Bestreben. dessen Werk in Art, 
Stoff und Form zu ergänzen. von Brandl unbeachtete 
Wege zu betreten, ia ganze weite Felder, die bisher in 
Böhmen für Brachland gelten konnten, zu bebauen. 
Neben hervorragenden Altarbildern und packenden 
Bildnissen kann man in Reiners Werk zwei reiche 
Zweige unterscheiden. Den Hauptschwerpunkt verv 
legte Reiner in die in Böhmen bisher kaum geübte Fres- 
komalerei, in der ervon allem Anfang an zu einer ausgef 
prägten Individualität emporwuchs. Ein zweites, in 
seiner Bedeutung den Wand- und Deckengemälden 
ebenbürtiges Gebiet stellt die Landschaftsmalerei dar, 
die sich vom iiheroischenw Arrangieren und den an Will- 
manns Vorbild anknüpfenden, allegorisch motivierten 
Tier- und Vügelversammlungen bis zur lebensfrischen 
Naturbeobachtungen im Gewand italienischer Stilisie- 
rung ausbreitet. Alle Impulse und alle Eindrücke, die 
Fleiner von seinen Vorgängern empfing, hat er prinzi- 
piell umzuwandeln und umzustimmen gewußt. Es 
waren viele konkret faßbare Einflüsse der Werke Skre- 
tas. Willmanns, Liskas, Halbax' und Brandts. die er nie 
als passiver Epigone, sondern stets als schaffender 
Geist umwertete und auf eine höhere Stilstufe empor- 
hob. 
Reiners dominante Eigenschaft war seine künstleri- 
sche Selbstgenügsamkeit. Bei Brandl erwähnte sein 
Biograph Johann Quirin Jahn (der auch als erste 
ners Leben und Werk zusammentaßte), daß ihm 
Hybel (Johann Hiebel), wenn die Nebenwerke zu s 
Arbeiten Architekturen erscheinen, meistens hier 
dienteuz. Da es sich bei Brandl ausschließlich un 
feleibilder handelte. war seine wie auch Hiebei 
gabe viel einfacher als die Reiners. der - un 
bezeugt die absolute Homogenität seiner Skizzei 
eindeutig A die oft anspruchsvollen Archite 
nicht nur selber erfand, sondern auch deren Kor 
tionen auf die sphärischen Flächen der Gewöli 
sicherer Hand übertrug. Das handgreiflichste Zi 
dieserseiner außerordentlichen Universalität bis 
Skizze zu dem eindrucksvollen Deckenlresko im l 
schifl der Prager Dominikanerkirche. Diese Arch 
ren - hier eine räumlich entfaltete Kulisse hinte 
sich entfaltenden Kampf der Ordensheiligen geg 
Haresie, anderswo wuchtige Einrahmungen ein 
Szenen oder illusionistische Gebilde - sind ir 
ungemein reichen und ebenfalls nur selten sich v 
holenden Skala ausgebreitet. 
Ein ganz besonders kompliziertes Werk stellt da 
glomerat der Fresken in der Ursulinerinnenkirci 
hl. Johannes von Nepomuk am Hradschin (172 
Ein epischer Zyklus aus der Lebensgeschichte dr 
ligen bildet einen Kranz rund um die zentralisiei 
sionische Kuppel, die jedoch bloß eine Erhdhui 
Gewölbes zur Raumschatfung für die fünf Eng 
stellt, die im waghalsigen Flug in kühnen Verkürz 
die Nepomuksterne als Reflektoren benützen. un 
strahlen an gemalte Reliefs und allegorischeStat 
werfen. Tapisserien mit Szenen aus der Legeni 
heiligen Johanneswerdenvon iilebendigenmzeit 
sisch kostümierten Kirchendienern über die her 
fende Balustrade ausgespannt. Das Ganze ste 
höchst komplizierte und raffinierte Vielschict 
verschiedener "Realitätsgraderr vor. in dem das 
im-Bild-Prinziprr in einem ungeheuren Umfang ei 
wurde. Mit Reiners Schaffen war organisch 
Sammlerlätigkeit verbunden. Bis unlängst war 
über sie nur das bekannt, was Dlabacz in seinem 
lerlexikon im Jahre 1815 schrieb: iiEr besaß e 
sehnliche Sammlung von Antikenabgüssen. Ul 
Werken berühmter Meister. so wie auch eine 
Menge von Kupterstichen und Zeichnungen, w 
Künstler damals in Böhmen gehabtmrii Da la 
ners letztem Willen kein Inventar seines Eige 
zusammengefaßt wurde. schien ein Zeugnis 
waserteilsselbst.teilswohl auch alsErbeoderN 
von seinem Onkel, einem Kunsthändler, erwar 
gültig verschollen. Einen Lichtstrahl auf den v 
sten Teil seiner nHausakademieu warf der unerv 
Fund des iiCafhalogus der Reinerschen Bildern in 
lienarchiv der Grafen Nostitz. der wohl knapp i. 
ners Tode angelegt worden ist,' 
In diesem Verzeichnis findet man nur drei ausdri 
als iiSchkitzerw bezeichnete Gemälde, eine vs- 
von Solimena (von dem hier noch ein Schul 
erwähnt ist), eine vgroßeu von Liska und eine et: 
inhaltlich unbezeichnete von Brandl, von den 
zwei Bilder, eine Dreifaltigkeit und ein hl. l-lierol 
angeführt sind. Mit Reiners Namen sind hier 
überhaupt keine verbunden. Die von ihm stamn 
Bilder waren nach den Preisangaben größeren 
tes. Wo sind die vermutlich vielen Skizzen f 
geblieben? Die einzige Erklärung wäre. daß es 
war, sie als "Beilagerr zu dem ausgeführten We 
Auftraggeber zu übergeben. Daß Reiner keiner 
allgemein üblichen Werkstattvorrat von Skizz 
Zeichnungen aufbewahrte, stünde im Einklang 
ner Eigenschaft und offenbar planmäßig durch 
ten Devise. sich nie zu wiederholen. was tatsäct 
Hauptattribut seines Schaffens gelten kann. E: 
wohl mit seiner üppigen lnvention. mit seiner ur 
lichen Lust am Aufsuchen anderer als der bishe 
tenen Wege und Stege zusammen, daß er nie be 
ausgesprochenen Rückgriff auf bereits einmal 
lierfes ertappt werden kann.
	        

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