MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 128)

ner 1785 konnte die erste Predigt in der Kirche 
stattfinden, in deren umgestalteten Inneren man 
bewußt den Stil des Mittelalters kopieren wollte. 
Es ist immerhin erstaunlich, daß damals doch 
einzelne, ursprünglich in der Schwarzspanier- 
klasterkirche beheimatete und im 18. Jahrhundert 
entstandene Kunstwerke Gnade vor den stren- 
gen Augen J. F. v. Hohenbergs fanden, der als 
kaiserlicher Hofarchitekt unter ihnen die erste 
Wahl hatte. So wurden die für die Hofpfarrkirche 
gerade noch tauglich erscheinenden Kunstwerke 
von ihm begutachtet, ausgewählt und schließlich 
ab 1784 ff. in sie überführt. Es sind dies die 
eingangs erwähnten Wolkenglorialen mit Engels- 
kindern und Puttenköpfchen, heute über den 
beiden nördlichen und südlichen Seitenaltciren, 
dann das Chorgestühl mit seinen ausgezeichne- 
ten Reliefs, die uns noch in anderem Zusammen- 
hang beschäftigen werden, und schließlich die 
schönen Bekrönungsengel an der Henge-Orgel. 
Diese wurden mit der Orgel durch eine Flieger- 
bombe (1945) zerstört. Die „Vergotisierung" 
machte auch vor anderen ehrwürdigen Stücken 
der Innenausstattung nicht halt. So wurde am 
19. Juli 1784 die alte Kanzel abgebrochen, auf 
der einst Abraham a Santa Clara gepredigt 
hatte. Als Ersatz dafür war anfangs die uns hier 
in erster Linie interessierende Straub-Kanzel im 
Gespräch, die sich, zur Wiederverwendung vor- 
gesehen, damals noch an ihrem ursprüngli- 
chen Standort in der seit Jahren geschlosse- 
nen Schwarzspanierklosterkirche befand. Von 
Kaiser Joseph II. ließ sich J. F. v. Hohenberg 
deshalb die Kanzel zunächst für die Augustiner- 
hofpfarrkirche zusprechen. Nach dem Pfarr- 
protokoll Nr. 234 im Pfarrarchiv von St. Augustin 
vom 17. Oktober 1784 hielt es der Architekt ie- 
doch für angemessen, die Straub-Kanzel anders- 
wohin verkaufen zu lassen, „weiI sie sich zu 
dem Gathischen Geschmack, der bei der neuen 
Umgestaltung der Kirche in sich selber herrschen 
wird, nicht schicken würde"". Nach Zeichnun- 
gen von J. F. v. Hohenberg, und zwar im Ge- 
schmack „a Vantique", wurde schließlich eine 
in den damaligen Modefarben Weiß und Gold 
gefaßte Kanzel errichtet, mit deren Aufstellung 
man am 17. November 1784 begann. Fertig war 
das völlig epigonale Werk bereits am 6. Jänner 
1785. Für die heutigen Begriffe zeigt die Hohen- 
berg-Kanzel eine bemerkenswert naive Vermi- 
schung von gotisierenden mit klassizistischen 
Motiven. Die von Kaiser Joseph II. gewünschte 
Umgestaltung der Augustinerhofpfarrkirche 
durdw J. F. v. Hohenberg führte zu scharfen 
Kontroversen, vor allem mit dem damaligen 
Hof-Unterarchitekten Gottlieb Niggeli (1744 bis 
nach 1812) ". Er hatte bereits im Jahre 1783 
einen Entwurf für den neuen Hochaltar in der 
Hopfpfarrkirche gezeichnet. Kurz darauf erschien 
ein Pamphlet gegen Hohenberg, geschrieben von 
einem Anonymus mit dem angenommenen Na- 
men „Baumeister", unter dem vielsagenden Ti- 
tel „Zweytes Stück über den neuen Altar und die 
Veredelung (sicl) der Hof-Pfarrkirche bey den 
P. P. Baarfüßer Augustinern" (Wien 1785, mit 
Weimanschen Schriften). G. Niggeli hatte schon 
vorher eine Schrift lanciert, „Antibaumeister" 
(Pseudonym), mit dem Titel „Baumeister als 
Wiens Trasylus mit einer Prüfung der Apotheosis 
seines Lieblingsarchitekten" (Wien 1784). lhm 
folgte eine zweite Publikation, diesmal unter 
seinem eigenen Namen, „Ein paar Worte zur 
Verteidigung seiner Ehre gegen die vornehmsten 
Verfasser der Broschüre Wiens Trasylus oder 
Antibaumeister" (Wien 1785). Von diesem Streit 
sprach ganz Wien. Er endigte mit einer Nieder- 
lage Niggelis. Siewor gleichbedeutend mit seiner 
Versetzung (1788) an die mährisch-schlesische 
18 
Provinzial-Baudirektion in Brünn. Erst im Jahre 
1793 wurde G. Niggeli, der Vorkämpfer der noch 
radikaleren Richtung des Klassizismus, an das 
Wiener Hofbouamt zurückberufen, und zwar als 
Nachfolger des mit ihm verfeindeten J. F. v. 
Hohenberg. Nach dieser Episode, die ein inter- 
essantes Schloglicht auf die mit der Durchfüh- 
rung der Josephinischen Reform betrauten Pro- 
tagonisten in Wien wirft, stand erneut zur De- 
batte, was mit der bereits genannten Straub- 
Kanzel geschehen solle. Vermutlich war es eben- 
falls J. F. v. Hohenberg, der - mit Zustimmung 
des Kaisers - sie ietzt der Administration der 
vor den Toren Wiens gelegenen Pfarrkirche „bey 
dem Heiligen Kreutz" im Kaiserlichen Markt 
LaxenburglNO. zum Kauf anbot. Laxenburg war 
Iandesfürstliche Patronatskirche (Abb. 2). Sie 
wurde gelegentlich vom Hof frequentiert, wenn 
er in dem unmittelbar benachbarten kaiserlichen 
Lustschloß Laxenburg residierte, das seit der 
zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts Frühsom- 
merresidenz der Habsburger war. Nach Aus- 
sage der erhaltenen Ankaufsnotiz im Pfarrarchiv 
wurde die aus der Schwarzspanierklosterkirche 
stammende Straub-Kanzel (Abb. 3) von dem 
damaligen Laxenburger Pfarrherrn Joseph 
Dreyer im Jahre 1785 für den Preis von 120 fl. 
erwarben". Wie hoch die Erstsumme war, die 
einst vom Schwarzspanierorden vor mehr als 
einem halben Jahrhundert für die gleiche Kanzel 
bezahlt wurde, ist nicht überliefert. Sehr wahr- 
scheinlich war sie beträchtlich höher. Dies ist 
indirekt auch aus den Kosten für die Neufassung 
zu entnehmen. Über sie verlautbart eine Kirchen- 
rechnung (1785), daß einschließlich der dazu 
verwendeten Materialien dafür der Betrag von 
300 fl. aufgewendet wurde. Daß eine Neufas- 
sung damals notwendig geworden war, ergibt 
sich aus der Tatsache, daß die Kanzel nicht nur 
einen Transport hinter sich hatte, sondern bereits 
fast 50 Jahre lang in Benützung gestanden 
hatte. Die über rotem Bolusgrund aufgebaute 
Vergoldung, deren Ausführung auf eine nament- 
Iich nicht bekannte, ausgezeichnete Wiener 
Werkstatt schließen Iäßt, zeigt noch keinerlei 
klassizistischen Einfluß. Sie wurde technisch so 
perfekt durchgeführt, daß sie bis heute nicht 
erneuert zu werden brauchte. Es ist zu begrüßen, 
daß gerade in der Laxenburger Pfarrkirche die 
Straub-Kanzel einen neuen Verwendungszweck 
erhielt. Hier paßt sie auch größenmaßstäblich 
ausgezeichnet hinein. In dem durch gute Be- 
Ieuchtungsverhältnisse sich auszeidmenden, 
überkuppelten, völlig weiß getünchten Zentral- 
raum wurde die Kanzel, ganz in Gold gehalten, 
zum Hauptakzent. So könnte man auf den ersten 
Blick hin meinen, daß die Kanzel schon von 
Anfang an für diese Kirche konzipiert gewesen 
sei, in der sie endgültig ihr adäquates Ambiente 
gefunden hat. Die einstmals vorgenommene 
Transferierung der Straub-Kanzel nach Laxen- 
burg hatte, wie man nachträglich feststellen 
muß, auch insofern etwas ausgesprochen Posi- 
tives, weil sie hier trotz schwerer Gefährdung 
in den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges 
glücklicherweise völlig unversehrt erhalten blieb. 
Im Kircheninnern von Laxenburg befindet sich 
die Straub-Kanzel auf der nordwestlichen Seite, 
vor einem Doppelpilaster zwischen dem Zen- 
tralraum und dem Chorioch. Sie ist etwa acht 
Meter hoch bei einer Breite von ca. 3,50 Metern. 
Über einem etwa annähernd halbkreisförmigen 
Grundriß mit konkav ausschwingenden Seiten 
erhebt sich der Kanzelkorb, über den der vor- 
gezogene geschweifte Schalldeckel noch hinaus- 
ragt. Eine sich entsprechend veriüngende Mu- 
schelkansole dient als unterer Abschluß. Sehr 
eindrucksvoll ist der figürliche Hauptschmudc des 
4 Pfarrkirche Laxenburg, Prophet Jesaias un 
lief: Predigt Johannes d. T., Ausschnitt 
Kanzelkorb 
5 Pfarrkirche Laxenburg, Prophet Jeremias 
Relief: Jonas-Predigt in Ninive, Ausschnitt 
Kanzelkoib 
6 Pfarrkirche Laxenburg, Engelkindergruppi 
Ekklesia-Symbol. Ausschnitt vom Kanzelkoi 
7 Pfarrkirche Laxenburg, Gerichtsengel. Auss 
von der Kanzel 
Anmerkungen 8 ff. (Text S. 16, 17)-13 
kirche), Wien IX, Balllmdnngasse. Strittig ist dar, 
ob das von Antonio Bellucci signierte Gemälde „H 
fahrt Maria", später verkleinert, heute in der Je 
kirche St. lgnatius (Alter Dorn) in Linz eltemdl 
Hochaltarbild der Schwarzspanierklosterkirche war 
ob es nach anderer Ansicht aus dem ehem 
Nikolaikloster in Wien stammte. Vgl. Dehio, Hai 
der Österreichischen Kunstdenkmäler, il, Wien- 
1935, S. 510 (Schwarzspanierklosterkirche) bzw. 
Oberösterreich, 3. Aufl., Wien 1958, S. 67. - F 
F. Maschek, Baracke Kunstwerke aus der N 
Schwarzspanierklosterkirche, wiederentderkt in der 
tinskirche zu Klosterneubur in: Unsere Heimat. M 
blatt des Vereines für Lan eskunde von Niederösti 
und Wien, 26, 1955, Nr. 7-9, S. 115 ff., bes. Anmerk 
S. 117. Zusammen mit drei weiteren Seitenaltark 
aus der Schwarzspanierklosterkirche, von denen nr 
sprechen sein wird, wurde_ das Gemälde „Di 
Leopold ründet Klosterneuburg" (557 x 290 cm 
Martino giltomonte (signiert und 1736 datiert) vor 
Präfekten der italienischen Kongregation Joseph 
von Kaiser Joseph ll. für die Minoritenkirche 
Schnee in Wien erworben, wo sie sich heute bei 
Vgl. H. Aurenhammer, Martina Altomonte, Wien 
chen 1965, S. 59, Nr. 197, S. 49. - Ebendaher s 
von Bartolomeo Altomonte „Glorie-des hl. Johan 
Nepomuk" 561 x 288 cm), heute gleichfalls i 
Minaritenkir e Maria Schnee, Seitenaltar. Vgl. B. 1' 
Bartalomeo Altamante, Wien-München 1964, S. 2 
Das dritte Bild ist von Daniel Gran: „Aufnahm 
hll. Maurus und Placidus durch den hl. Bened 
seinen Orden", ietzt Seitenaltarbild in der Miflt 
kirche Maria Schnee. Zugehörige Entwurfszeic 
(310x202 mm), ehem. Sammlung Dominik Artaria, 
Vgl. K. Garzarolli-Thurnlackh, Die barocke Handzeir 
in Österreich, Wien 1928, Abb. 29. - Ebenfall 
Daniel Gran ist „Das Wunder des hl. Nikolaus" 
auch in der Minoritenkirche Maria Schnee. Zuge 
große Ülskizze in der Prälatur in Stift Geras. Vgl. 
XIV, S. 499. - In der Gumpendorfer Pfarrkirche 
Ägidius, Wien VI, befinden sich zwei aus der Scl 
spanierklosterkirche stammende Altargemälde: l' 
Drei Könige bez. Cosmos de Lastrofranco um 16 
Nudidhniung der Bdisdni), naditräglidi vergrößer 
geblich aus der Kunstkammer Rudolfs ll. stam 
sowie „Hl. Franz Xaver" von Jan Erasmus Que 
signiert und datiert 1661. Von einem unbekannten N 
ausgeführt sind sechs lebens rofie Stuckfiguren mi 
Darstellungen: hl. Leopold, l. König, die hll. J 
Evangelist und Baptist (heute in der Minoriten 
Maria Schnee) sowie die hll. Augustinus und Amb 
(heute in der Augustinerkirche). 
Vgl. Dehio-Handbudi der Kunstdenkmäler Usteri 
Wien, 3. Aufl" Wien-München 1954, S. 36 und 18. 
A. Schnerich, Wiens Kirdien und Kapellen, Z 
Leipzig-Wien m1, s. m9, wurden die GIOCkel 
Schwarzspanierklosterkirche in die Pfarrkirche St. Lt 
am Schattenfeld, Wien Vll, gebracht, deren Fass 
turm im Jahre 1787 vollendet wurde. -_Unberüd(s 
darf hier ein großes Kreuzigungsbild (1653) 
Joachim von Sandrart bleiben, e emals in St. St: 
Wien. Es wurde erst im Verlauf des 19. Jahrhunde 
in die ehemalige Schwarzspanierklosterkirohe gek 
wo es 1945 zerstört wurde. Vgl. dazu: K. G: 
Wiener Kunstgeschichte, Wien 1943, S. 101. 
' ADB, 12, S. 323 - Th B XVIII, S. 312-314. 
I" äwschnerich, Wiens Kirchen und Kapellen, a. c 
" Pfarrei-Prof. Nr. 234 in St. Augustin in Wien _- Z_it. 
c. Wolfsgruber, Die Hofkirche zu St. Augustin in 
Augsburg 1888, S. 24l25. Grundlegend wichtig fü 
erstmals hier erbrachten NadiweiS, ddis sdwoi d. 
der untern Kirche stehenden Bänke" (sic!) sowie d 
24. Au ust 1785 wieder in Betrieb genommene Oigi 
der S warzspanierklosterkirche stammten. - H. 1 
Wiener Gotik im 18. Jahrhundert, in: Kunstgeschich 
Jahrbuch der k. k. Zentralkommissiori, lll, Wien 
S. 162 ff., be 175 f. mit Abb. 117, S. 177 bzw. 
124, S. 184 Kanzel). - Zu Hohenberg_vgl 
allem: E. Hainisdi, Der Architekt Johann Fifdlhülti 
Hohenberg im; Wiener Jahrbudi für Kunstgescl 
XII-XIII, 1949, S. 19-90, bes. S. 33. 
" Th B XXV, S. 472l473 (E. Hainisch). g v 
"A. llg, Die Pfarrkirche in Laxenburg in. Berichti 
Mitteilungen des Alterthurns-Verains zu Wien, XXIII, 
S. 1-5, und Nachtrag, S. 130, wo der dem _Verf. 
laufene Irrtum, die Kanzel stamme angeblich au 
ebenfalls damals aufgehobenen Weißspanierklosterli 
bbridiiiQiwird-oib übrige Literatur über die Ldleftk 
Kanzel ist bemerkenswert gering. So galt sie be 
Henle, Die Typenentwicklung der süddeutschen K 
des 18. Jahrhunderts, Diss. Heidelberg 1933,  
irrtümlich als "Umkreis Auwera, nicht vor 1750 . 
Werk Straubs genannt, ist dib Laxenburger Kanzel 
L. Pühringer-Zwanawetz, Matthias Steinl, Wien- 
dien 1966. S. 147 ff., S. 220 ff., Abb. 98-113, bes. 
105 (: lnnenarisidit gegen den Hochaltar mit Abi 
Kanzel). Nadtzutragen ist hier nbdi, ddis n. s. 1 
die Schwarzspanierklosterkirdie in_ Wien dds 
leicht variierte" Vorbild der rofonierten Wiener 
städter Karmeliterkirche (1697 f.) war. - F. Eppel, 
im Lande rings Um Wien, Wien D. J. (z nach 
s. so („aufwendige vergoldete ROkOkOkßnZeI" 
Nennung des Künstlernamens). - J. Zykan, LGXGI 
Wien-München 19m, S. 190 (: Straub. - Richtii 
sehen, ist die Bedeutung der Sirdub- ürllal be_ 
Schweigert, Die Entwicklung der barocken Kanzel l 
Steiermark. Eine stilkritische Untersuchung des Ki 
baues in der Zeit von 1600 bis 1800. Diss.: Graz 
Ms., bes. s. 73-75 mit Anmerkung 200. - Diesen_ Hi 
verdanke ich der Freundlichkeit von Dr. K. Woiset 
ger, Graz (Mitt. v. 12. März 1973). 
 
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.