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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 128)

Kanzelkorbes gestaltet. In lebhafter Gestik sind 
hier zwei sitzende Patriarchengestalten darge- 
stellt (Abb. 4, 5). Mit Hilfe eines Spruchbandes 
und der darauf befindlichen Aufschrift (links): 
QUIESCIT AGERE I PERVERSE ISA . 1 . V . 16 . 
(: „Waschet, reiniget euch, tut euere bösen 
Gedanken von meinen Augen, höret ouf,verkehrt 
zu handeln")" bzw. einer Schrifttafel (rechts): 
FACITE IUDICIUM I ET IUSTITIAM I JERE 22 - 
V 3 (I So spricht der Herr: Übet Recht und 
Gerechtigkeit, errettet den Unterdrückten aus der 
Hand der Gewalttätigen; betrübet nicht Fremd- 
linge, Waisen und Witwen, verübet nicht Drudr 
und Unrecht an ihnen; und vergießet kein 
unschuldig Blut an diesem Orte") '5 lassen die 
als Pendants aufgefaßten, sehr räumlich kom- 
ponierten Gestalten sich als die alttestament- 
lichen Propheten Jesaias (links) und Jeremias 
(rechts) identifizieren". In der Mitte des Kanzel- 
korbes ist in Gestalt von zwei auf einer Volute 
postierten Engelkindern und einem dreifenstrigen 
und dreitürigen Tempietto ein plastisches „Bild" 
dargestellt (Abb. 6). Dieser Tempietto darf als 
das Symbol der Ekklesia" gedeutet werden, 
wobei die drei Fenster bzw. die drei Türen auf 
die Trinität hinweisen". Zu Füßen des Engel- 
kindes mit dem Ekklesia-Symbol liegen kirch- 
liche Kleidungsstücke (u. a. eine Stolaä). In der 
Gestik der beiden Engelkinder spiegelt sich das 
Verhältnis von Prediger und Zuhörer wider. Der 
rechte Kinderengel hat die rechte Hand zum 
Segensgestus erhoben. Sein Gefährte hört ihm 
aufmerksam zu und legt im Adorationsgestus die 
Linke beteuernd auf die Brust. Zwischen der 
Gruppe in der Mittelachse und den seitlichen 
Prophetengestalten ist in einer tiefer liegenden 
Schicht [e ein Relief angebracht. Kartuschen in 
Hochovalform umrahmen die gemäldeartigen 
Reliefs (ie: ca. H 90 x B 65 cm), die an die 
leicht konkav ausschwingenden Seitenwände des 
Kanzelkorbes angelehnt sind. Durch die ge- 
nauestens überlegte Anordnung der vollplastisch 
ausgeführten Seitenfiguren und der ebenfalls 
vollrund geschnitzten Kinderengelgruppe in der 
Mitte bzw. durch die dazwischen liegenden Re- 
Iieffelder läßt sich mühelos das dem Kanzelkorb 
zugrunde liegende Kampositionsschema erken- 
nen. Es hat drei deutlich markierte Ansichtsseiten. 
In unmittelbarer Nachbarschaft der links außen 
angebrachten Figur des Propheten Jesaias ist 
aufdem linken Relief die Bußpredigt desVorläufers 
Jesu, Johannes des Täufers, dargestellt, von der 
bei Matth. 3, 7 und Luk. 3, 7-14 berichtet wird "'. 
Das von großem atmosphärischem Reiz erfüllte 
Relief besticht durch die Lebendigkeit der auf 
ihm wiedergegebenen Szene: man beachte etwa 
die Repoussoirfigur im Vordergrund: eine zu 
dem Täufer hinaufblickende, sitzende Frau, die 
ihr Kind im Arm hat bzw. ein anderes Kind, 
das im Begriff ist, einen hohen Baum zu erklet- 
tern, der am rechten Rand dargestellt ist. Auf 
dem rechten Relief zu seiten des Propheten 
Jeremias ist thematisch die Szene gewählt, bei 
der es um den Gottesauftrag an den Propheten 
Jonas ging, der Weltstadt Ninive Buße zu predi- 
gen (Jon. 1, 1 ff)". Beide Szenen aus dem 
Alten und Neuen Testament basieren auf einer 
lange zurückzuverfolgenden Bildtradition. So ist 
etwa die Predigt Johannes des Töufers schon 
Gegenstand der Fresken (13. Jh.) im Braun- 
schweiger Dom bzw. an der Bronzetüre des A. 
Pisano am Baptisterium in Florenz zu finden, 
sind Szenen aus der Jonas-Erzühlung bereits im 
Mittelalter an vielen italienischen Kanzeln dar- 
gestellt". Ein deutlich erkennbarer Ansatz zur 
Uberleitung von Kanzelkorb und Schalldeckel ist 
sowohl durch die Anbringung von reliefiertem 
ornamentalem Schmuck auf der Rückwand (Blu- 
20 
menfestons sowie Laub- und Bandelwerkdekar) 
wie durch eine aufder linken Seite erscheinende, 
geflügelte Gestalt eines schwebenden Engels 
gegeben (Abb. 7). Die rhetorische Geste seiner 
linken Hand folgt dem Blick, der nach links 
unten gerichtet ist, so, als wolle er sich damit 
direkt an den Zuschauer wenden. Als einziges 
Attribut trägt der barhäuptige Engel in seiner 
ausgestreckten Rechten ein Schwert, einen Bi- 
denhänder, dessen Bewegungsrichtung der Ver- 
tikalen derTürumrahmung der Kanzel entspricht. 
Es ist der Engel des göttlichen Gerichts, auf 
das schon die Textstelle des Propheten Jeremias 
am Kanzelkorb hinweist. Von diesem Engel als 
Schwertträger ist in dem visionären Brief des 
Sohnes Gottes an die Gemeinde Pergamus in 
der Apokalypse die Rede: „Das sagt, der da hat 
das scharfe, zweischneidige Schwert" (Geh. Off. 
2, 12). Entsprechend der sich in drei Hauptan- 
sichtsseiten gliedernden Einteilung des Kanzel- 
korbes (Abb. 8) ist auch der Schalldeckel dreifach 
geschweift. Die einzige Stelle, wo statt der son- 
stigen Vergoldung bei der Fassung eine Versil- 
berung gewählt ist, findet sich bei der Taube des 
Heiligen Geistes. Von einem vergoldeten Strah- 
lenkranz umgeben, schwebt sie auf der Unter- 
seite des Schalldeckels. Als Bekrönungsfigur er- 
scheint auf dem Schalldeckel die Gestalt Johan- 
nes des Evangelisten. Mit dem Blick nach oben 
gerichtet und in ekstatischer Gebärde, die Arme 
weit ausbreitend, kniet er auf Wolken. Unter 
ihm schwebt ein großer Engel, der zu ihm hin- 
aufsieht. Zur Rechten der Evangelistenfigur kniet, 
ebenfalls auf Wolken, ein Engelkind mit einem 
geöffneten Buch. Auf Christus bezieht sich die 
darin angebrachte Inschrift: DEUS I ERAT I 
VER I BUM Jahani (: Joh. 1, 1: „Am Anfange 
war das Wort, und das Wort war bei Gott und 
Gott war das Wort")". Über dieser Gruppe 
schwebt das Auge Gottes im Dreieck, umgeben 
von einem Strahlenkranz und einem Wolkenkreis 
mit Engelkindern und geflügelten Engelköpf- 
chen. Zu erwähnen sind noch zwei besonders 
gut geschnitzte, im Blick alternierende Engels- 
köpfe mit Blumen im Haar. Beiderseits von Or- 
namentdekor eingerahmt, füllen sie die beiden 
Zwickel des geschweiften Schalldeckels. 
Im Mittelpunkt der einzigartigen lkonographie 
der Laxenburger Kanzel steht das Wort. Unter 
dem Auge Gottes verkündet der Evangelist Jo- 
hannes, daß das Wort (z Christus) von Gott 
ausgeht, wobei in Gestalt des Engels mit dem 
doppelschneidigen Schwert mahnend an das 
göttliche Gericht erinnert wird. Das Wort Gottes 
wird im Alten Testament durch die Propheten 
Jesaias, Jeremias und Jonas bzw. im Neuen 
Testament durch Johannes den Täufer, den Vor- 
läufer Christi, verkündet. Das Wort Gottes ist 
in Christus Fleisch geworden. Die Offenbarung 
Christi wird von der Kirche (Ekklesia-Symbol in 
Gestalt des „Tempietto") weitergegeben. Das 
von Christus gegebene Wort wird an Ort und 
Stelle von dem realen Priester in der durch die 
Kinderengelgruppe allegorisierten Predigt auf 
der Kanzel verkündet, deren Realitätscharakter 
damit besonders betont ist. 
Unwillkürlich legt man sich die Frage vor, wer 
die Konzeption dieses singulären Kanzelpro- 
gramms erdacht hat. Es ist theologisch derart 
sinnvoll ineinandergefügt, daß das der Kanzel 
zugrunde liegende Programm mit der Disposi- 
tion einer Kanzelpredigt förmlich identisch ist. 
Mit großer Wahrscheinlichkeit ist der Autor des 
Kanzelprogromms und ihr Auftraggeber ein 
und dieselbe Person. Der Auftraggeber für den 
Bildhauer Straub war der bereits eingangs er- 
wähnte amtierende Prälat des Schwarzspanier- 
klosters de Monte Serrato: Anton Vogl von 
Krallern". In der Trauerrede, die der Barnabit 
Don Pius Manzador auf ihn im Jahre 1751 hielt 
und die im gleichen Jahre in Wien gedruckt 
wurde, rühmte dieser Geistliche besonders die 
großen Verdienste, die der Verstorbene sich um 
den Bau der Kirche und des Klosters erworben 
hatte. 
Als typusmäßiges Vorbild für die Laxenburger 
Kanzel bietet sich im Wiener Kunstkreis vor 
allem eine Kanzel an, deren auffallende Ver- 
wandtschaft mit dem etwas iüngeren Werk 
Straubs bisher noch nicht erkannt ist. Diese 
ebenfalls ganz vergoldete Kanzel, deren Korb 
gleichfalls mit zwei sitzenden Patriarchenfiguren 
(Petrus und Paulus) sowie mit Reliefs ausgestattet 
ist und deren Bekrönungsfigur eine von zwei 
schwebenden Engeln umgebene Ekklesia ist, be- 
findet sich in der Pfarrkirche St. Martin in der 
unteren Stadt Klosterneuburg (einst dem gleich- 
namigen Augustinerchorherrenstift inkorporiert). 
Diese ausgezeichnete Kanzel erscheint, abgese- 
hen von ihrem auffallend großen Format, für die 
vergleichsweise schlicht ausgestattete kleine 
Pfarrkirche fast etwas zu aufwendig. So ergibt 
sich die naheliegende Frage, ob diese Kanzel 
auch ursprünglich dort hingehörte oder ob sie, 
auch darin dem Schicksal der Straub-Kanzel 
vergleichbar, sich einst in einer anderen Kloster- 
kirche in Wien befand, die durch Kaiser Jo- 
seph Il. aufgehoben wurde. Es spricht vieles da- 
für und - soweit wir sehen - bisher nichts da- 
gegen, daß es sich dabei um die Kanzel handelt, 
die sich ursprünglich in der im Jahre 1783 auf- 
gehobenen Weißspanierklosterkirche Heilige 
Dreifaltigkeit (Trinitarierkirche) in Wien Vlll, Al- 
serstraße 17," befand, die der Schwarzspanier- 
klosterkirche unmittelbar benachbart war. Ihrer 
Ornamentik nach zu urteilen, ist die heute in 
Klosterneuburg befindliche Kanzel in der zwei- 
ten Hälfte der zwanziger Jahre entstanden, wo- 
zu die Jahreszahl der Vollendung der Weiß- 
spanierklosterkirche (1727) ausgezeichnet paßt. 
Infolge der radikalen Durchführung der Josephi- 
nischen Reform gingen bekanntlich unersetzliche 
Archivalien verloren. So sind keine Urkunden 
mehr erhalten geblieben, aus denen man etwas 
über die Werkstatt erfahren könnte, der die 
Ausführung der ietzt in Klosterneuburg befind- 
lichen Kanzel zu verdanken ist. Mit einiger 
Wahrscheinlichkeit ist sie dem mit J. B. Straub 
gleichaltrigen Matthäus Donner (1704-1756), dem 
Bruder von G. R. Donner, zuzuschreiben, wenn 
sie nicht, was auch im Bereich der Möglichkeit 
liegt, zu dem Kunstkreis (M. J. Gunst bzw. J. Ch. 
Mader?) gehört, mit dem nach der Mitteilung 
von J. K. v. Lippert (1772) der Bildhauer J. B. 
Straub befreundet war. Der Vergleich der Klo- 
sterneuburger mit der Laxenburger Kanzel zeigt, 
daß die gesamte Formensprache des einige 
Jahre älteren Werks erheblich strenger ist, ganz 
abgesehen davon, daß auch ihre figurale Ge- 
staltung wesentlich pathetischer erscheint. Zwi- 
schen den einzelnen Figuren und dem Kanzele 
gehäuse ist längst nicht die Homogenität der 
Form vorhanden, die ein besonderes Kennzei- 
chen der Straubschen Kanzel in Laxenburg ist. 
Andererseits ist zu vermuten, daß durch die 
Klosterneuburger Kanzel die thematische Vor- 
aussetzung für die Konzeption des sich zu ihr 
variant verhaltenden Programms der Kanzel in 
Laxenburg gegeben war. Möglicherweise wurde 
die Programmgestaltung der iiingeren Kanzel 
zwischen den Geistlichen der beiden benachbar- 
ten Klosterkirchen des Benediktinerordens abge- 
sprochen. Wenn man von der lkonographie ab- 
sieht, kommt also allenfalls der Typus der Klo- 
sterneuburger Kanzel als Vorbild für Straub 
in Betracht. Stilistisch haben jedenfalls beide
	        

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