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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 128)

 
 
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faßt, ganz abgesehen davon, daß es gegenüber 
seinen beiden Vorgängern im Sinne der Stilent- 
wicklung des reiten Rokoka auch wesentlich 
lockerer komponiert ist. Ein erstes Werk des 
sich als „fattore di putti" betätigenden Künstlers 
bildet die schöne Engelkindergruppe am Kanzel- 
korb in Laxenburg (Abb. 16). Zeitlich folgt ihr 
die sehr ähnlich komponierte Bekränungsgruppe 
am Tabernakel des Rosenkranzaltares (um 1739) 
in Diessen am Ammersee" (Abb. 17). In Hal- 
tung und Bewegung ihnen nächst verwandt sind 
zwei von J. B. Straub für Gartenvasen gezeich- 
nete Entwürfe (Abb. 18, 19), von denen wir ie 
einen Ausschnitt zeigen (München, Staatliche 
Graphische Sammlung, Halm-Maffei V, 87; lnv.- 
Nr. 30.501 und 30.502). Sie wurden von P. Volk 
als Werke Straubs identifiziert. Den Beschluß 
dieser sich gegenseitig so nahestehenden Reihe 
von Kinderdarstellungen Straubs macht die dem 
höfischen Bereich entstammende Puttengruppe 
(Abb. 20) mit dem Kurhut (um 1751-1753) über 
der Proszeniumsloge im Alten Residenztheater in 
München. 
Ein letzter Vergleich soll sich schließlich mit den 
großen Engeln J. B. Straubs beschäftigen. Außer 
den von uns noch an anderer Stelle zu publizie- 
renden, leider nicht erhaltenen Musikengeln, 
ehemals an dem Orgelprospekt in der Augusti- 
nerkirdie in Wien, sind im Werk Straubs seine 
frühesten Schöpfungen dieser Art, die beiden 
ausgezeichneten Engel an der Laxenburger Kan- 
zel. lhnen nächst verwandt sind die beiden 
Engelsfigürchen (Abb. 21, 22), die J. B. Straub 
im Jahre 1739 für die Heiligenstatuetten schuf, 
die in der Pfarrkirche seines Heimatortes Wie- 
sensteig an Seitenaltären aufgestellt sind. Einen 
weiteren Aufschluß für die ieweils modifizierte 
Kampositiansweise Straubs auf diesem Gebiet 
hätte man sicherlich auch durch einen van ihm 
gezeichneten Entwurf für die Kanzel in Diessen 
am Ammersee erhalten, eine Zeichnung, die 
heute nicht mehr nachweisbar ist 3'. Van größter 
Ähnlichkeit mit der zeitlidi vorausgegangenen 
Bekrönungsgruppe am Schalldeckel der Kanzel 
in Laxenburg (Abb. 23) ist ein im Vergleich zu ihr 
entsprechend abgewandeltes Gegenstück: eine 
Glorifikation des hl. Paulus (Abb. 24), eine Fi- 
gur, die wie dort von einem Engel begleitet 
wird. Diese Gruppe befindet sich am Schall- 
deckel der um 1738139 von J. B. Straub ausge- 
führten, bereits genannten Kanzel in Diessen am 
Ammersee. Durch die weitgehende Mativgleich- 
heit mit der Laxenburger Bekrönungsgruppe bie- 
tet sich hier die Möglichkeit eines Stilvergleichs 
an. Er zeigt, wie stark die Stilverönderung ist, 
die zwischen den Jahren kurz nach 1730 bzw. 
vor 1739 im Werk Straubs stattgefunden hat. ln 
Laxenburg ist die Figurengruppe zweifellos ent- 
schieden räumlicher angelegt, bei einer Ober- 
fläche, die mit wechselnder Licht- und Schatten- 
wirkung rechnet, so daß das Ganze von einer 
flackernden Unruhe erfüllt ist. Im Gegensatz 
dazu ist die ein knappes Jahrzehnt iüngere 
Diessener Gruppe bedeutend flächiger angelegt. 
Sie nähert sich damit überraschenderweise be- 
reits der Einansichtigkeit, womit zugleich eine 
stärkere Reduzierung der Formensprache ver- 
bunden ist. In der Diessener Kirche gibt es 
außer der Engelherme an der Kanzel (Abb. 25) 
ein weiteres Werk Straubs, das annähernd 
gleichzeitig ausgeführt wurde. Es ist ein voll- 
plastisch geschnitzter Glariaengel (Abb. 26). 
Seine Präfiguratian besitzt er zweifellos in dem 
Gerichtsengel an der Laxenburger Kanzel. Diese 
schwebenden Engelsgestalten Straubs haben 
ihrerseits wieder unverkennbare Spuren im Werk 
des Straub-Schülers Franz lgnaz Günther hinter- 
26 
engel aufs nachdrucklichste zeigt. Aus dem für 
die Abfolge des Straubschen Schaffens wichtigen 
Vergleich geht hervor, daß der Diessener Gloria- 
engel seine zweifellos bedeutenden Vorgänge 
durch seine wirklich einzigartige Qualität über- 
troffen hat. Die formalen Qualitäten der Straub- 
Kanzel in Laxenburg hat H. Schweigert ausge- 
zeichnet beschrieben". Seine Warte möchten 
wir deshalb zu den unseren machen: „Primärer 
Wesenszug dieser Kanzel ist die Spannung zwi- 
schen dem Kanzelkorpus und dem sphärisch ge- 
krümmten Schalldach, das allseitig konvex nach 
oben schwingt. Die feste Schalldachmasse ist 
in eine flexible Flache umgewandelt, die als 
Untergrund für einen malerisch szenischen Fi- 
gurenaufbau dient. Die lineare Korpusfarm wird 
durch eine an die Wandungen applizierte Re- 
liefschicht sowie durch Brechung aller geraden 
Kanten in der Sockelzone verunklärt, wodurch 
sich für die Gesamtwirkung der Kanzel eine 
flackernde Unruhe ergibt." Die aus der Wiener 
Schwarzspanierklasterkirche stammende und spa- 
ter nach Laxenburg transferierte Kanzel (Abb. 27) 
ist ein hervorragendes Beispiel einer ausgespro- 
chenen „BildhaueW-Kanzel. Stilistisch steht sie 
unverkennbar am Beginn des Friihrakoko. Sie 
wurde zur Präfiguratian der anschließend von 
J. B. Straub geschaffenen Kanzeln, die als cha- 
rakteristische Werke der bayerischen Rokako- 
plastik bisher stets beachtet wurden. Es handelt 
sich dabei nicht nur um die großen frei stehen- 
den Kanzeln in Diessen (Abb. 28) und in Schaft- 
larn (um 1760-1764) (Abb. 29), sondern auch um 
ein in der Form wesentlich reduzierteres Werk in 
Ettal (Abb. 30). Bei ihm war der Bildhauer var 
die formal nicht leicht zu lösende Aufgabe ge- 
stellt, die Kanzel dem zentralen Hauptraum an- 
zupassen. Er half sich (JOdUfCh, daß er die 
Kanzel zwischen zwei gleich großen Seiten- 
altären anbrochte. Zu diesen Kanzeln kommt 
noch ein bereits dem frühen Klassizismus nahe- 
stehendes spätes Werk in Wiesensteig. Diese 
Kanzel wurde nach Entwürfen Straubs von sei- 
nem Schüler Joseph Streiter um 1780 geschaf- 
fen". Zwischen ihr und dem eigenhändig aus- 
geführten Erstlingswerk in Laxenburg ergibt SidN 
demnach ein Zeitraum von annähernd 50 Jahren. 
Johann Baptist Straub ist nicht in die Linie J. B. 
Fischer von Erlach-G. R. Donner einzureihen. 
Weder die plastische Form der Figuren Straubs 
noch die seiner „malerisrh" gestalteten Reliefs 
sind vom Wiener Kunstkreis abzuleiten. Als J. B. 
Straub die Laxenburger Kanzel schuf, war seine 
Stilvorstellung längst voll entwickelt und nicht 
mehr zu beeinflussen. Die unmittelbaren Vor- 
aussetzungen für den Stil Straubs sind daher 
keineswegs in Wien, sondern ausschließlich im 
oberschwäbisch-bayerischen Bereich zu suchen, 
dem der Bildhauer auf Grund seines Geburts- 
ortes und seiner künstlerischen Ausbildung nach 
angehört. Wie anhand der obengenannten Kla- 
sterneuburger Kanzel einwandfrei nachzuwei- 
sen ist, gibt es - abgesehen von dem dort be- 
reits vorhandenen Typus - im Wiener Kunstkreis 
für Straub keine stilistischen Voraussetzungen. 
Kennzeichnend für die var dem Jahre 1732 
ausgeführte Laxenburger Kanzel ist das Zurück- 
drängen des Architektonischen und die sich 
hieraus ergebende Verwandlung des mäbelarti- 
gen kirchlichen Einrichtungsstücks in eine frei 
fließende plastische Komposition. Es steht außer 
Frage, daß die auch hinsichtlich ihres Programms 
einzig dastehende Kanzel in Laxenburg, ein 
frühes Meisterwerk J. B. Straubs, zu den schön- 
sten Kanzeln gehört, die in der ersten Hälfte 
des 1B. Jahrhunderts im deutschsprachigen Kunst- 
bereich entstanden sind. 
Anmerkungen 30-33 
"C. Giedian-Welcker, J. B. Straub, München 1922, 
S._2B. - Als Werk Straubs bereits unter der Nr. 53 
bei J. K. v. Lippert (1772) erwähnt: „Für das Kloster 
Diessen zwey Altäre, zwey Tabernokel, und die Ver- 
zierungen m; Kanzel." 
i" Der Beschreibung nach soll es sidi um eine Tuschzeich- 
riung," ehemals im Besitz der Graphischen Sammlung 
in Munchen, gehandelt haben. Ihre Maße sind nicht be- 
kannt. Vgl. Malerei und Plastik des 18. Jahrhunderts in 
Elayeirar; und Grenzlanden, 2. Aufl, München 1913, Kot.- 
r. . 
" A. a. 0., S. 73. 
"A. Henle, Die 
r tw'ckl d "dd d. 
Kanzel deslß. ieiiriiifnfirigfig, Ä. e." "g er s" au" e" 
0., S. 38-42. 
Cl Unser Autor; 
Dr. Gerhard P. Woeckel 
Zentralinstitut für Kunstgeschichte! 
Forschungsunternehmen 
Meiserstraße 10 
Z-München
	        

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