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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 145)

in schwarzer „Ave gracia plena dominus telcum 
benedicta tui in mumlieribus (l) et benedictus 
fructus". Rechts unten Tod Mariens (kniende ster- 
bende Maria, die von einem Apostel gestützt 
wird, links kniender, daneben und hinten ste- 
hende Apostel; darüber in Wolken Gott-Vater, 
Maria auf dem rechten Arm haltend) mit ln- 
schrift „Assumpta es malria in celurn exaltata 
super choros angelorum". Bei iedem Relief sind 
im oberen Viertel gefaßte Steine und Perlen 
appliziert. 
Auf der Rückseite des Mittelteiles fällt die wie 
eine Urkunde aussehende Inschrift auf (vollstän- 
dig gedruckt bei Kürsinger, S. 541), in der in vier- 
undzwanzig Zeilen die im Altörchen verwahr- 
ten Reliquien, der Name des Stifters und die 
Jahreszahl 1443 in tief gestochenen Buchstaben, 
wie wir sie von Siegelstempeln kennen, verzeich- 
net sind: „ln presenti tabula per d(omi)n(u)m 
petrum Grillinger plebanum huius ecclesie pfarr 
Anno d(omi)ni M"CCCC"XLIII comparata et ad 
eandem parrochiale(m) ecc(les)iam dato conti- 
ne[n)tur Reliquie infrascripte(;) de ligno s. cru- 
cis... - Agne dei miserere mei. s. Nicolai 
ep(iscop)i." Darunter in drei kreisrunden Me- 
daillons, von spötgotischem Blattwerk umrahmt, 
sieht man in gravierten Darstellungen das Lamm 
Gottes und die Symbole der Evangelisten Mar- 
kus und Lukas. Diesen beiden Symbolen ent- 
sprechen oberhalb der Kielbogen, wo sich die 
Medaillonrahmen mit der spätgotischen Rah- 
mung verbinden, die des Adlers und des Engels. 
Dazwischen befindet sich noch ein kleines, nach 
oben dreieckig auslaufendes Feld, das einen 
Engel mit dem Schweißtuch der Veronika zeigt. 
Auf den Außenseiten der im Gesamtaufbau glei- 
chen Flügeln scheint eine zweigeschossige Archi- 
tektur gezeichnet zu sein, beziehungsweise ist sie 
tief eingraviert: Im unteren Teil öffnet sich das 
„Geböude" in einer von zwei Rundbogen über- 
fangenen breiten „Türe"; darüber folgt ein Ge- 
sims, ein mit Maßwerk versehenes Zwischenge- 
schoß und wiederum eine große Öffnung, deren 
oberen Abschluß nun zwei Spitzbogen bilden, 
die von einem Kielbogen zusammengefaßt wer- 
den. Vor diesem „Gebäude" beziehungsweise 
vor den Öffnungen stehen ieweils zwei Heilige: 
oben Petrus und Paulus beziehungsweise Johan- 
nes der Täufer und Johannes der Evangelist, 
unten Katharina und Barbara und zwei heilige 
Bischöfe, die durch keine individuellen Attribute 
näher identifizierbar sind, in denen man aber 
wohl die Salzburger Diözesanheiligen Rupert und 
Virgil erkennen darf. 
Abgesehen von allen anderen künstlerischen Ei- 
genschaften des Mariapfarrer Altörchens, abge- 
sehen von der vorzüglichen Qualität der Kreu- 
zigungsgruppe im Schrein, abgesehen von allen 
ikonographischen und ikonologischen Überle- 
gungen dieses Flügelretabels - wie Walter 
Paatz" mit Recht solche Werke bezeichnet wis- 
sen wollte und worüber einmal an anderer 
Stelle ausführlich zu sprechen sein wird - sind 
es gerade die gravierten, also mit dem Grab- 
stichel „gestochenen" Darstellungen der Rück- 
seite und der Flügelaußenseiten, die, wie Johann 
Michael Fritz" nachgewiesen hat, die besondere 
Bedeutung dieses Hauptwerkes der Salzburger 
Goldschmiedekunst bedingen. Denn deren vor- 
zügliche handwerkliche und künstlerische Durch- 
bildung unterscheidet sich nicht nur grundlegend 
von früheren derartigen Arbeiten im salzburgi- 
schen Bereich, etwa vom Ziborium der Bürger- 
spitalkirche von 1411. 
Sie sind mit einer Sorgfalt, Genauigkeit und einer 
Überlegung gestochen, die auch international 
gesehen ihresgleichen sucht. Bedenkt man, so 
meinte Fritz, daß die Gravierungen drei Jahre 
vor dem ersten datierten Kupferstich (vgl. Ein- 
10 
 
 
leitung) entstanden sind, so muß man fest 
daß dieser Stecher (der [a zugleich de 
führende Goldschmied war] im Vollbesit 
technischen Möglichkeiten der Gravier 
Stechkunst des 15. Jahrhunderts war I 
manchem alle Stecher vor Schongauer, 
den Meister E S in den Schatten stellt. Doc 
nur dies; neben dieser einzigartigen techi 
Vollkommenheit offenbart sich in diesen ( 
rungen ein erstrangiger Zeichner und K 
Seine Figuren sind zwar noch in manche 
„weichen Stil" der Zeit des ersten Jahrh 
viertels verpflichtet, der in Salzburg lang: 
wirkt. Doch kündigt sich in den breiten, kr 
Gestalten, in dem mächtigen eckigen F 
Falten, der Herbheit der Gesichter und c 
nig eleganten Bewegung schon der Stil c 
in der Malerei und Bildhauerei etwa d: 
ster des Albrechtaltares und Jakob Ka: 
vertreten. 
Damit sei selbstverständlich nicht gesag 
der namentlich leider noch immer unbe 
Meister der Mariapfarrer Silberretabel de 
ferstich „erfunden" hat. Doch steht wo 
daß er nicht nur im Kreis der zu dieser 
der Stadt Salzburg namentlich nachgew 
Goldschmiede zu suchen ist. Sicher ist, d 
seiner Hand auch die silbernen und ve 
ten Meßbuchbeschläge an iener groß: 
prunkvollen Bibelhandschrift",5 stammen 
wie uns das Verbrüderungsverzeichnis der 
tusbruderschaft an der Salzburger Kat 
kirche",f mitteilt - Peter Grillinger dies 
derschaft (im zeitgenössischen Wert vt 
Pfund Pfennigenl zum Geschenk machte. 
Auch ist zu bedenken, daß nur an den 
der großen Handelszentren - wie gerad 
burg im 15. Jahrhundert eines war - der 
schmieden iene Edelsteine zur Verfügun 
den, wie wir sie am Mariapfarrer Altärcl 
wundern können. Neben Smaragden, ß 
sten, Almadinen und einem Topas lenkt 
ders ein durchbohrter Saphir das Augenm 
sich. Nora von Watteck" hat die Frage 
worfen, ob diese Durchbohrung - die a 
den Saphiren der spätgotischen Prunkmi 
Rupert Keutzl, des Benediktinerabtes von 
ter in Salzburg, aber an keinen ander 
spätgotisch gefaßten Edelsteine an diese 
ken vorkommt - noch im Heimatland r 
phire, in Indien, oder erst in Europa g 
Jedenfalls scheint der Hinweis wichtig, c 
Saphir im Spötmittelalter der bevorzugt 
hoher Geistlicher war, da er seiner H 
bläue wegen als Sinnbild von Andacht 
und himmlischer Liebe angesehen wurd 
Beispiel tragen alle mittelalterlichen Rin 
man in namentlich bekannten und daher 
zu datierenden Bischofsgräbern der grof 
thedralen Englands gefunden hat", durcl 
Saphire. 
War die Pfarrkirche zu Mariapfarr der i 
Ur- und Mutterpfarre des Lungaus, so e 
nahe Tamsweg im dritten Jahrzehnt des 1 
hunderts ein neues kirchliches Zentrum d 
gaus. Wie die Legende berichtet, hatte d 
fällige Verschwinden eines Leonhardsbili 
ziehungsweise dessen wiederholtes Wie 
finden im Jahre 1421 auf einem Bühel o1 
von Tamsweg jenen prachtvollen Kirchenl 
Steinmetz-Architekten Peter Harperger zu 
der am 20. September - am Sonntag nacl' 
erhöhung - des Jahres 1433 durch Jc 
Ebser, Bischof von Chiemsee und Suffrag 
Salzburger Metropoliten, geweiht wurc 
rasche und mächtige Aufblühen der Leo 
Wallfahrt war nicht nur Grund zu einer 
zwischen Pfarrer Peter Grillinger und 
Johann Gschürr von Tamsweg - [edel
	        

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