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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 145)

Gerd- Dieter Stein 
Egon Friedell 
und die „Judastragödie" 
„Nur ein ganz degenerierter Affe kann auf die 
ldee gekommen sein, aufrecht zu schreiten und 
nicht mehr bequem auf allen vieren zu gehen..." 
(1, 74). Schon aus diesem Zitat geht hervor, wie 
außergewöhnlich subjektiv Friedell - aber das in 
voller Absicht - seinen riesigen Essay über die 
Kulturgeschichte der Neuzeit geschrieben hat. 
Bis um 1910 reichen die Vorarbeiten („Ecce 
poeta", 1912) zurück. Und daraus erklärt sich 
auch der auffallend impressionistisch-aphoristi- 
sche Tenor des gesamten Werkes. Erst ab 1927 
erschien bei C. H. Beck in München die drei- 
bändige „Kulturgeschichte der Neuzeit", die zu 
einem großen Bucherfolg wurde (noch 1960 war 
eine Dünndruckousgabe laut „Seller-Teller" in 
der Wochenschrift „Die Zeit" über Monate hin- 
weg das „Sachbuch Nr. 1") und mittlerweile weit 
mehr als dreißig Auflagen erreicht hat. Deshalb 
ist es auch verwunderlich, daß eine wissenschaft- 
liche Auseinandersetzung mit Friedells Werk im 
deutschsprachigen Bereich bislang fehlt. Vielleicht 
liegt es auch daran, daß sich die Meinungen 
über Friedell in zwei Lager teilen: Die einen 
bewundern ihn enthusiastisch, die anderen leh- 
nen ihn radikal ab. Aber die Diskussion über 
ihn, die Philosophen, Historiker, Kunstgeschicht- 
ler und Germanisten' gleicherweise miteinan- 
der führen könnten, unterbleibt hartnäckig. Man 
muß aphoristisch denken, um Friedell lesen und 
verstehen zu können. Paintiert werden bei ihm 
die Fakten willkürlich zu Schwerpunkten ver- 
dichtet. Es ist nichts spürbar von der Rankeschen 
Akribie des minuziösen Zusammentragens, um 
zu zeigen, „wie es gewesen". Friedell war kein 
Positivist. Er war Optimist - im weitesten Sinn 
des Wortes. Er glaubte zwar, daß sich die Ge- 
schichte der Natur stets wiederholt; die Ge- 
schichte der Menschheit hingegen wiederholt sich 
seiner Ansicht nach nie. Deshalb suchte er in ihr 
auch nicht nach Gesetzmäßigkeiten. Die histo- 
rische Kausalität hielt er für restlos unentwirrbar; 
zumal - seiner Meinung nach - ein erheblicher 
Teil der historischen Wirkungen auch noch un- 
terirdisch verläuft. Die Geschichte pflanzt sich 
somit nur als „Legende" über die endlose Kette 
der Generationen fort. Diese Überlegung traf 
sich mit seinem Wunsch, als Philosoph und 
Künstler die Geschichte nachzudichten, sie aber 
nicht als reiner Historiker in Spiritus zu konser- 
vieren. 
Friedell sah im „großen Menschen" denjenigen, 
der Kultur schafft, der geschichtlich wirkt. Im 
Genie sah er den „Extrakt, das Kompendium, 
das klare Destillat, die starke Essenz, sozusagen 
das Diagramm (edes Zeitalters". Durch das Be- 
tonen, das Hervorheben des überragenden Gei- 
stes, des genialen Menschen gewinnt Friedells 
Geschichtsschreibung anekdotischen Charakter. 
Was ich zu erzählen versuche, ist unsere Anek- 
dote, unsere Legende von der Neuzeit oder, 
wenn man will, ihre Chronique scandaleuse. 
Man könnte einwenden, daß für die Lösung 
der vorliegenden Aufgabe ein einzelner 
Mensch nicht ausreicht, daß niemand auf al- 
len Gebieten kompetent sein kann. Da dies 
zweifellos richtig ist, andererseits eine derar- 
26 
l 
 
ln Reinhardts Deutschem Theater, Berlin: Friedell 
in der Uraufführung von G. B. Shows „Andraklus 
und der Löwe" 
tige Arbeit fast unerlößlich ist, so bleik 
übrig, als daß sie von einem inkomp 
Menschen in Angriff genommen wird? 
Man müßte Gewalt anwenden, wollte m: 
dell in eine bestimmte philosophische f 
einordnen. Er gehörte keiner „Schule" im 
lichen Sinne an und begründete auch kt 
besaß kein System. „Man könnte ...sag 
der Philosoph erst dort anfängt, wo der 
damit aufhört, sich und das Leben se 
nehmen . . f". 
Leidenschaftlich ergriff er Partei für da: 
deutete und Unvollständige, für den b: 
Willen zum Fragment und Ausschnitt: 
Alles Ganze, Vollendete ist eben vc 
fertig und daher abgetan gewesen; da 
ist entwicklungsföhig, fortschreitend, im 
der Suche nach seinem Komplement. V 
menheit ist steril? 
Seine Ablehnung gegenüber sturer Schu 
schaft war geradezu radikal. Er sah nui 
künstlerischen Aussage „das organische 
des Zeitalters, in dem es geschaffen 
Er glaubte, daß die „geistige Geschic 
Menschheit in einer fortwährenden Umi 
tierung der Vergangenheit" besteht, „t 
Leben beginnt, hört die Wissenschaft a 
wo die Wissenschaft beginnt, hört da: 
auf" (1,14 und 15)t. 
Und so ist Geschichtsschreibung für Fried 
losophie des Geschehenen" (l, 3). 
Egon Friedell (eigentlich Friedmann) wu 
21. Jänner 1878 in Wien geboren. Die l 
verlief ruhig und unauffällig. Nach dem 
des Gymnasiums - er brauchte mehren 
wechsel (von Frankfurt bis Wien) und i 
läufe, um endlich das Zeugnis der Reifr 
halten - und einem kurzen Studium [in 
und Heidelberg) schrieb er seine Dokt 
„Novalis als Philosoph" (1904). In Wien c 
er dann als Kabarettdirektor und Privatgt 
der - ähnlich wie Kraus - öffentlich Lt 
veranstaltete. Das Vermögen, das er V01 
geerbt hatte, ermöglichte ihm, als Schri 
Kulturhistoriker und Philosoph zu lebt 
Zusammenbruch des Habsburger-Reiches 
ihn, nach 1918 als Journalist zu arbeit 
seine Kulturgeschichten der Neuzeit c 
Altertums befreiten ihn aus seiner fina 
Notlage. 
Friedell, der in Wien alle Persönlichke 
Zeit kannte, war in seiner Heimatstadt at 
durch seine schriftstellerische Betätigung 
lär geworden. Das hatte er vor aller 
seine zahllosen Auftritte als Schauspi 
reicht (auch unter Reinhardt in Wien u 
lin]. 
Mit Peter Altenberg und Adolf Laos war 
eng befreundet. Alle, die ihn kannten, i 
den gütigen und humorvollen korpulente 
der so unnachahmlich geistreich und int 
zu reden verstand. Diese Methode bes 
er, um sein eigentliches Anliegen verw 
zu können; Er wollte seine Mitmenscl 
seine Umwelt zu kritischem und eigensti 
Denken „verleiten".
	        

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