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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 145)

dominierend werden und somit die Menschen in 
die Rolle bloßer Staffage drängen". Friedell 
sah für den Dramatiker der Zukunft den Weg 
ins Halbe, Unausgeführte, Abgerissene vorge- 
zeichnet. Ferner wird auch die Pantomime an 
Einfluß bedeutend gewinnen", weniger weil sie 
dem Naturalismus" verhaftet ist, sondern weil 
„die stumme Handlung sehr oft die vielsagen- 
dere Handlung ist"". 
Friedell befaßt sich in diesem Zusammenhang 
auch mit der „Poesie der Historie". Er geht dabei 
von dem Erfahrungswert aus, daß häufig Träume 
wesentlich stärker auf den Menschen wirken als 
wirkliche Erlebnisse. Seiner Ansicht nach hat das 
Erlebnis eine „geringere Realität" als die Phan- 
tasie. Die überlieferten Geschehnisse der Histo- 
rie haben für uns Charaktereigenschaften des 
Traumes, sie stehen im Bereich der Phantasie. 
Die zeitgeschichtlichen Entwicklungen, an denen 
wir teilhaben, denen wir zusehen, „sind blaß 
wirklich"? Die Fülle verschiedenster alltäglicher 
Details nimmt der Angelegenheit, die sich ereig- 
net, viel der tieferen Wirkung. Den Zeitgenos- 
sen fehlt für das Zeitgeschichtliche die Distanz, 
da die Nähe und das Körperliche zu „aufdring- 
 
8 Egon Friedell in der Rolle des Gottes Merkur 
aus seiner Bearbeitung von Offenbachs „Schö- 
ner Helena" für Reinhardts Berliner Kurfürsten- 
dammfheater 
WIFÖ, geht rrledell GUSTUHTIICH Eln'". I 
bedeutet ein „Wunder" eine Naturersch 
die wir mit unserer Wissenschaft noch n 
gründen können. Hier unterscheidet er 2' 
der „DUfCltSCltUÜilSWlSSEDSChCIlWJG und der 
Wissenschaft". „Je tiefer eine Wissens: 
die Sphäre des Wunderbaren einzudring 
mag, desto wissenschaftlinher ist sie. L 
Kultur einer Zeit lößt sich an der Zahl de 
der messen, die sie exakt nachzuweisen v: 
hat. Ein Zeitalter ist um so aufgeklärter, 
Rätsel es entdecktw. 
Abschließend stellt Friedell die Frage: 
sagt Gott dazu?" Gemäß seiner tiefen G 
keit fällt die Antwort aus. Er glaubt, d 
mand diese Frage „so rein, tief und in 
stellt" hat wie Jesus, „und niemand hat 
vollkommen beantwortet, für alle Din 
Himmels und der Erde, die größten i 
kleinsten: für Denken und Handeln, Liek 
Hassen, Essen und Trinken, Gebüren ur 
ben. Und darum wird, solange Wesen ' 
serer Art und Anlage leben werden, mit 
Recht er und nur er der wahre Sohn 
genannt werden"? 
Anmerkun en 31-42 
i" Ebd., S. B: „Kurz: die kinematographisdie Tedinik auf 
das Theater zu übertragen, wäre eine der Aufgaben des 
Dramatikers der Zukunft." 
" Ebd., S. 9B. 
13 Ebd., S. 98. 
"Ebdv S. 98, In diesem Zusammenhang heißt es weiter: 
„Denn man darf nie vergessen: der wahre Dichter iedes 
Dramas kann immer nur das Publikum sein. Die innere 
Phantasie des nüchternsten und beschränktesten Men- 
schen ist immer noch hundertmal packender und geheim- 
nisvoller als alle gesprochenen Worte der Welt. Wie 
wäre es denn möglich, daß alle Mensdien die Natur so 
wunderbar sahön finden, wenn nicht alle Menschen 
stumme Dichter wären? Wie könnte denn irgendein 
Mensch etwas Zusammanhängendes denken oder etwas 
Leidenschaftliches empfinden, wenn er nicht ein Dichter 
wäre? Und welcher Dramatiker vermag auch nur an- 
nähernd S0 originell, dnsdidniidi und ergreifend ge- 
stalten wie der nächtliche Traum eines gewöhnlichen 
Handwerkers oder eines kleinen Kindes? Die schönsten 
und tiefsten Verse können nidit annähernd das aus- 
drücken, was der einfachste Galeriebesudier unartikuliert 
am findet. Wie töricht ist es daher, wenn der Theater- 
dic ter seinem stärksten, hegabtesten und hilfsbereitesten 
Bundes enossen: der Publikumsphantasie, nicht den wei- 
testen pielraum läßtl" 
Anschließend versucht Friedell (an Shakespeare und Schil- 
ler) nachzuweisen, daß das „Mitspielenlassen der Szene- 
rie" nicht unbedingt neu ist. 
Unter Naturalismus versteht Friedell nicht iene Stilrichtung 
innerhalb der Kunst- und Literaturgeschidite, deren 
Schwerpunkt gewöhnlich in den einschlä igen Fachwerken 
in die Zeit der sogenannten Gründeria ra verlegt w: d. 
Der Friedellsdie Naturalismus greift viel weiter aus; er 
sieht in ieder Epache eine naturalistische Piidse. 
„Wenn die stummen, "a selbst die taten Dinge auf diese 
Weise in den Dienst des Dramatikers gestellt werden, so 
ist das eigentlich der äußerste Naturalismus; und wenn 
man will, isi es so dr der roheste, platteste und kunst- 
loseste, der sich enken läßt. Aber von der anderen 
Seite gesehen, ist es höchster Stil, Stil: das ist etwas 
möglichst Festes, Starres, Manumentales. Daher hat die 
Baukunst die größte stilbildende Kraft, sie ist die 
,stilvallste' Kunst. Ebendarum hat die Skulptur stets mehr 
den Charakter des Stilisierten als die Malerei. Die Natur 
hat immer Stil. Auf diese Weise lößt sich also - und 
gAerade auf dem We e über den Naturalismus - wieder 
anumenlalilüt auf er Bühne erreichen. Um es in eine 
kurze Farmel zu fassen: der Weg der Entwicklung geht 
vom naturalistischen Stil zum naturalistischen Stil." (S. 99.] 
"Ebdi. S. 99 („Die Französische Revolution hat auf alle 
späteren einen tieferen Eindruck ernadit als auf die 
Sensibelsten unter den Zeitgenossen. ') 
5' Ebd., S. 100. „Die Dinge sind nur groß, wenn man die 
Möglidikeit hat, sie von oben zu sehen.  Je ferner 
wir einer Sache stehen, desto tiefer wirkt sie auf uns, 
desto poetischer erscheint sie uns. Die Natur hat immer 
etwas Poetisches, weil sie uns so fremd ist, weil wir so 
gßr nichts van iiir wissen,  Das, wds war, wirkt DUf 
uns allemal tiefer als das, was ist." 
"Ebd" S. 100. "Schon Aristophanes und Menander haben 
sich um die Historie ebenso wenig gekümmert wie 
Moli ra und Nestra . Der größte deutsche Tragiker, 
Heinrich von Kleist, hat nur ein einliges Stück esdirie- 
ben, das in der Gegenwart spielt: die Komä ie ,Der 
zerbrochene Krug'. Und der größte Kamödiendichter 
aller Zeiten, Henrik lbsen, hat GUCll eine der größten 
Tra üdien geschrieben: die ,Kranprätendenten', die aber 
im reizehnten Jahrhundert spielen." 
ln „Das Altertum war nicht antik" (S. 100-101) macht 
Friedell darauf aufmerksam, daß wir uns sehr lange ein 
völlig verzerrtes und falsches Bild von der sogenannten 
30 
J Unser Autor: 
Dr. Gerd-Dieter Stein 
Assistent am Institut für deutsche Sprache und 
Literatur der Universität Salzburg 
A-5020 Salzburg, Schleinlackenstraße 26 
m 
Antike, von den Griechen und Römern gemacht 
bedurfte ganzer Generationen, bis die Altertum 
verlernt hatte, „ihr Forschungsgebiet mit ihren b 
und Wünschen zu sehen". Den Griechen mit i 
nenauge und den Römer mit der Erzstirn kar 
gegeben haben. "Ein Volk wie die Griechei 
ervarstediendste Eigenschaft in der lebhafte 
weglichsten Fähigkeit des Aufnehmens, in ein 
traphisch entwickelten Gabe des Sehens bestand, 
wie die Römer, dem die ganze Welt gehö e, 
dem kältesten Naturalismus ieder Nation ihi 
esetz ablausrhte, um sie dadurch um so si 
eherrschen: - neu entdeckt und ,verstanden' 
Menschengruppe, die überhaupt nach nicht gew 
von ihren Augen Gebrauch zu machen, die il 
Weltbild aus Büchern, Exzerpten und Urte 
Urteile anderer holtel" 
Abschließend beschäftigt sich Friedell mit der 
ständnissen, die aus ienem früheren Bild, das 
van der Antike gemacht hatte, resultieren. Er 
Schiller, Goethe und Cornelius hin: „. .. sie I 
sie die vielen anderen übernahmen ohneweiters 
sizistische Pensum; und Napoleon . . . hatte als 
nichts Eiligeres zu tun, als den leeren lackierte 
stil zu schaffen." 
ln dem Abschnitt „Jesus der Antichrist" (S. 
behandelt Friedell kritisch die „Lebensbesch 
Christi" von Renan und D. F. Strauß. Anschliet 
faßt er sich mit der Frage „nach der Messian 
und versucht, für das Judentum typische ( 
aufzudecken. 
„Das Wunder als eine Farm der physikalisc 
gie" (ebd., S. 105 f.). 
„Die echte Wissenschaft, die schöpferische i 
lich fortschreitende, hat nämlich zu allen Zeiten 
der einen ihrer Fundamentalbegriffe gesehen; l 
in die Tiefe gehende Erklärung einer empiris 
sache ist nichts anderes als die Feststellung ei 
ders. Der Philolo e beschäftigt sich mit der! 
der Sprache, der otaniker mit dem Wunder d- 
zenlebens, der Historiker mit dem Wunder des 
und so weiter; lauter Geheimnisse, die noch ke 
zu entziffern vermacht hat. Ja selbst der P 
 
wenn er nämlich enial ist A stößt fortwül 
Wunder." (Eh , S. 05.) 
Ebd., S. 106; esen Abschnitt beschließt er 
 
wenig erfreulichen Feststellung: „Es geschet 
keine Wunder mehr, aber nicht weil wir in 
fortgeschrittenen und erleuchteten, sondern w: 
einer sa heruntergekommenen und gattverlass 
leben." 
„Was sagt Gott dazu?" (ebd., S. 106-107): 
tensität, mit der diese Frage gestellt wird, ist 
das, was iedem Zeitalter und iedem lndividui 
Rang anweist. Die Frage selbst lebt in iedem 
denn der Glaube an das Göttliche hat ganz 
den Charakter eines lnstinkts. .. . Dieselbe Kra 
Pflanzenwurzel Phosphor wählen lößt, treibt 
sehen zum Gattglauben und allem, was damit 2 
hängt. Wir können die Existenz Gattes mit 
Stringenz beweisen, mit der wir die Existen 
weiß beweisen können", vielleicht mit keiner 
aber sicher mit keiner geringeren. 
Inhalt und Zweck aller schöpferischen Tätig! 
steht in nichts anderem als in dem Nachweis 
Gute, der Sinn, kurz: Gott in der Welt ü 
handen ist. Diese höchste, in einzige Realität 
da, aber meist unsichtbar. Der Genius macht 
bar: dies ist seine Funktion. Man nennt ihn 
Vorliebe gotterfüllt.  Dieses Wiedererkenn 
in der Welt ist die eigentümliche Fähigkeit und 
iedes großen Mensdien." 

	        

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