MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 145)

Zeitgenössische Kunst 
 
Münster 
Das Westfälische Landesmuseum für Kunst und 
Kulturgeschichte Münster konnte kürzlich die 
78 Skizzenbücher erwerben, die August Macke in 
den Jahren 1904 bis 1914 zur ersten Niederschrift 
seiner künstlerischen Konzeptionen mit einer Unzahl 
von Zeichnungen gefüllt hat. Die über 5000 Skizzen, 
Notizen und Entwürfe zu Gemälden, Hand- 
zeichnungen und Druckgraphik, zu Stickerei, Keramik 
und Plastik bilden daher ein Dokumentations- 
material ersten Ranges und wohl auch die Grund- 
lage für die bisher noch ausstehende wissen- 
schaftliche Bearbeitung des künstlerischen Gesamt- 
werkes von Macke. 
Im Zusammenhang mit dem Verkauf der Skizzen- 
bücher hat die Familie Macke drei hachberühmte 
Olgemälde des Malers dem Westfälischen 
Landesmuseum als Dauerleihgabe zur Verfügung 
gestellt: das „Selbstbildnis" von 1906, den 
„Sonnigen Weg" von 1913 und das „ModegeschäfW 
von 1913. Aus Anlaß dieser Erwerbung wurden 
die Skizzenbücher mit anderen Zeichnungen und 
den berühmten Tunis-Aquarellen aus dem Besitz des 
Museums in einer Ausstellung gezeigt (Abb. 1-3]. 
1 
 
Oberfläche, wo die flüssige Farbe vertikal in die 
unkontrollierbaren querlaufenden Faltungen floß, 
um kurvenlinige Zeichen einzuschreiben. Eine 
Inschrift, welche so in die Malerei eingraviert 
wurde, ließ Farbe und Leinwand durchscheinen 
(Sexprime hommage a JP Brisset). Nach 1960 Iäßt 
er das Leinwandgitter fallen und geht dazu über, 
die Leinwand mit einer erst schwarzen dann 
weißen Flüssigkeit vorzupräparieren und faltet und 
knittert diese. Die Farbe wird platt aufgetragen. 
Dadurch erzielt er gemalte und nichtgemolte Falten, 
welche die Oberfläche zersplittern (Abb. 5). 
Jean Degoffex 
charakterisiert die Schrift durch die lntegrierung 
mittels einer einmaligen Bewegung, die er weder 
zusammenstellt noch ergänzt, und die er danach 
auch nicht mehr berührt. Für ihn zeichnet das 
Zeichen den Raum. 
Claude Viallat 
lebt in Nizza. Bei der Fragestellung des doppelt 
ausgedehnten Raumes durch Weglassen des 
Leinwandgitters stellt die Malerei von Viallat 
Beweisgrund durch ihre Zerlegung: Arbeit mit 
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Basel 
Kunsthöndler sind nicht nur Mittler zwischen 
Künstlern und Käufern, sondern oft auch Sammler 
von Rang. Ein hervorragendes Resultat einer 
solchen, noch dem Maßstab höchster Qualität 
getroffenen Auswahl hat das Kunstmuseum Basel bis 
zum 25. Jänner 1976 gezeigt. In sieben Räumen 
waren Meisterwerke der Graphik des 19. und 20. 
Jahrhunderts aus dem Besitz von Eberhard Kornfeld, 
dem Chef des Berner Auktionshauses, zu sehen. 
Die Auswahl mit 338 Nummern reichte von Goya 
bis zur iüngsten Gegenwart und wurde von einem 
vorzüglich gedruckten, wichtigen Katalog begleitet. 
Neben bedeutenden Probedrucken, Frühdrucken, 
neben Zustands- und Farbvarianten enthält die 
Sammlung auch mativische Raritäten, so Robert 
Delaunays Farblitho des Chorumganges von Saint 
Severin von 1907 oder die einzige Radierung, 
die Vincent van Gogh geschaffen hatte: den 
„Mann mit der Pfeife", das Bildnis seines Freundes 
Paul Gachet. Dazu kostbare Mappenwerke - 
Bonnards „Daphnis und Chloe", die Jahresmappe 
der „Brücke", die Merz-Mappe von Schwitters; 
das Schönste vom Schönen war versammelt (Abb. 4]. 
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Paris 
Künstler aus dem Depot 
Die FNAC (Fonds national d'art contemporain) 
organisiert mit dem Musee National d'Art Moderne 
eine Nonstop-Accrochage mit Künstlerwerken aus 
der Reserve. Sie stammen aus Käufen des Museums 
und großzügigen Schenkungen. Dem Publikum 
wird damit die Möglichkeit geboten, einen neuen 
Überblick über Vollständigkeit und Fehlerhaftigkeit 
des zeitgenössischen französischen Kunstbesitzes 
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wie über die Vorbereitungen für das Centre 
Beaubourg zu gewinnen. 
Nach 1947 mit Ausstellungen von Hartung und 
Schneider hat sich die Strömung der lyrischen 
Abstraktion der geometrischen Abstraktion des 
Bauhauses, des Stiil und des Konstruktivismus 
entgegengestellt. Die Beweissetzung der informellen 
Elemente wird durch Arbeiten der Materialmalerei, 
der Schnelligkeitsprinzipien und iener ohne 
Vormeditation verwirklicht. Die Arbeiten der drei 
folgenden Künstler stimmen mit den Auseinander- 
setzungen dieser Strömung überein. 
Simon HantoT 
ist Ungar und lebt seit 1922 in Frankreich. Er stand 
anfänglich unter dem Einfluß des Surrealismus. 
Hantai forschte durch die verschiedensten Techniken 
nach Materialeffekten: Prägung, Schichtung und 
frottieren des Farbauftrages, Collagen, Faltungen, 
Integrierungen fremdartiger Materialien, wie 
Bindfaden, Knochen, Federn etc. Nach 1954 beendet 
Hantai diese Versuche, die Breton „etres fabuleux" 
nannte, und wendet das Verfahren der Schrift- 
outomatik an (vom Surrealismus erarbeitet und vorn 
Action Painting entwickelt]. Er begann mit 
Gegenständen (ein Wecker) auf der vertikalen 
 
Seilwerk, Netzen, Knoten, Splissungen, Wieder- 
holung von einer gefärbten Form, welche die 
Leinwand rhvthmisiert und die Form, zum Vorteil 
der Farbausdehnung, neutralisiert. 
Mechtild Wierer 
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Großarl 
Das Ergebnis einer mutigen Idee des Salzburgers 
Erich Cevela ist nun schon zu einer Großarler 
Tradition geworden: Vom 24. bis zum 30. Jänner 197i 
fand in Großarl zum achten Male das alliährliche 
Treffen europäischer Alt-Pfadfinder statt - iener 
sich durch das ganze Leben verbunden fühlenden 
Menschen, denen Vergangenheit, Gegenwart und 
Zukunft eine Einheit ist. Zeichen für solche Haltung 
war neben den vielen anderen Aktivitäten dieser 
Tage unter dem Leitwort „Der Menschlichkeit eine 
Chance" eine Ausstellung mit Werken zeit- 
genössischer Plastik inmitten der Großarler Pfarr- 
kirche. Ein unkonventioneller Weg, bildende Kunst 
„auf dem Lande" zu pflegen, gewiß, aber wohl 
ein sinnvoller; besonders hierzulande, wo volks- 
verbundene Kunst leider nur zu oft mit dem 
„G'würzbüscherl" anfängt und beim Hinterglasbild 
aufhört. Die Bronzeplastik „Befriedeter Vietnamese 
von Erich Sauer (vgl. Seite 40) in der katholischen 
Kirche des Gebirgsdorfes war viel mehr als manche 
der üblichen Krieger-„Denkmale"; dieser Torso 
mit aufgerissenem Brustkasten und zerfetzten 
Beinen war wohl für alle glaubwürdiges Zeugnis 
nicht nur aller menschlichen Erniedrigung, allen 
Elends und aller Verzweiflung, sondern auch 
ununterbrochene Anklage an den „Willen zur 
Macht", iener uralten Totschlägermentalität, die 
heute wie ie Haß, Neid und Unmenschlichkeit 
auszuspucken imstande ist. 
Franz Wagner
	        

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