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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 165)

6 Salon; sign; 
uSl. Decken; Aquarell. 
Historisches Museum 
der Sladl Wien 
(lnv. Nl. 9895) 
7 lntevieunsigmuvmGrös 
ser. 1844m Gouache. 
Historisches Museum 
der Stadt Wien 
(lnv. Nr. 138202) 
(Anm. 1-5 s. S. 3) 
sich das Wohngefühi des Biedermeiermenschen 
gegenüber dern des Empire verändert hatte. Der 
Raum wurde nicht mehr einem Form- und Farben- 
kanon unterstellt, sondern als menschliche Be- 
hausung behandelt, die in erster Linie den Leibes- 
bedürfnissen seiner Bewohner zu dienen hatte. 
Demseiben Phänomen begegnet man bei einzel- 
nen Räumen der Wiener Hofburg. Das kaiserliche 
Schlafzimmer (Abb. 8), das wiederum nur Andeu- 
tungen einer Symmetrie aufweist, versucht im Mö- 
beidekor aber gar nicht erst eine einheitliche De 
koration zu verwenden. Dies ist eine typische Sl- 
tuation für die frühe Zeit um 1820. Ein weiteres 
Charakteristikum dieser Phase war das Verteilen 
der Möbelstücke entlang der Wand, so daß die 
Raummitte frei gelassen wurde. Ein ähnliches Er- 
scheinungsbild zeigt ein Salon im SchweizerTrakt 
der Wiener Hofburg (Abb. 1), der eher den Ein- 
druck eines Hoteizimmers vermittelt als den einer 
kaiserlichen Residenz. Altes und neues Mobiliar 
wurde hier den Bedürfnissen entsprechend zu- 
sammengestellt. Während die entlang der Wand 
aufgereihten weiß-goldenen Sessel aus dem Ende 
des 18. Jahrhunderts und die Furniermöbel aus 
dem Beginn des 19. Jahrhunderts stammen, ist 
der Spannteppich eine hochmoderne Kreation aus 
der Zeit um 1820. Das Fehlen eines künstlerisch 
einheitlich geformten höfischen interieurs war si- 
cherlich auch durch die Tradition des Kaiserhau- 
ses bestimmt, das keinen Wert auf kostspielige 
moderne Raumausstattung legte (in dem zuletzt 
beschriebenen Beispiel haben die Fenster nicht 
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einmal Vorhänge, sondern nur einfache grüne 
Hoiziaicusien). Man mag diese Einstellung als be- 
scheidene Haushaltsführung anerkennen oder 
aber als Desinteresse an der Wohnkuitur bezeich- 
nen; das Resultat bleibt dasselbe und macht deut- 
lich, daß der zeitgenössischen Raumgestaltung 
von dieser Seite keine wertvollen Impulse gege 
ben werden konnten. 
Mit den Jahren 1823124 begann sich nun in Wien 
besonders der Stil der Möbel zu verändern und ei- 
gene, von Frankreich oder England unabhängige 
Formen und Richtlinien wurden geschaffen. Es ist 
dies der Moment, von dem an man in der Innen- 
raumgestaitung von einem eigentlichen Bieder- 
meierstil sprechen kann. W.C.W. Blumenbach pu- 
blizierte 1825 einige dieser neuen Möbeiformen, 
die sich durch eine glatte, ohne Bronzeverzierun- 
gen oder bronziertes Schnitzwerk bereicherte 
Oberfläche auszeichneteni. Als einziges Orna- 
ment wurde auf eine schöne Zeichnung der Holz- 
maserung Wert gelegt. 
Gleichzeitig blieben aber immer noch aus dem 
Empire übernommene Formen in Gebrauch und 
wurden manchmal zu besonders phantasievollen 
Gebilden verarbeitet. Die Phantasie des Entwur- 
fes war oft so groß, daB man kaum an die Ausführ- 
barkeit einer solchen Musterzeichnung denken 
würde. Vom Gegenteil kann man sich überzeugen. 
wenn durch einen glücklichen Zufall Entwurf so- 
wie ausgeführtes Objekt erhalten geblieben sind. 
Ein Beispiel dafür ist die Entwurfszeichnung eines 
unbekannten Wiener Einrichtungshauses für eine 
extravagante Kanapee-Kreation (Abb. 15). Das 
ausgeführte Möbelstück stand bis vor dem ersten 
Weltkrieg auf Schioß Perkataz. 
Nun zum Innenraum selbst. Als eine der wichtig- 
sten Neuerungen kam es zur Ausbildung soge 
nannter "Wohninseln-ß. Darunter versteht man die 
Anordnung verschiedener Möbelgruppen, die den 
diversen Tätigkeitsbereichen im Rahmen des Fa- 
milienlebens entsprechen. Durch das Zusammen- 
fassen einzeiner Möbelstücke zu kleinen Gruppen 
entstanden gewissermaßen Raumgebilde im 
Wohnraum, was nach und nach zur Ausfüllung 
des gesamten Zimmers führte, so daß die Möbel 
nicht mehr nur entlang der Wände aufgereiht wa- 
ren. An Hand eines höfischen (Abb. 5) und eines 
bürgerlichen (Abb. 9) lnterieurs der Zeit um 1818 
kann man die Frühstufe dieser Raumausteiiung 
deutlich verfolgen; wobei das bürgerliche Beispiel 
erst sehr zaghafte Versuche, die Raummitte zu 
möblieren, erkennen läßt. Als Wohninseln kann 
man bei dem Hofburg-lnterieur (Abb. 5) die beiden 
Sitzgruppen, den weit in den Raum ragenden 
Schreibtisch und den tiefen Fauteuii mit kleinem 
Büchertisch bezeichen. Das bürgerliche lnterieur 
(Abb. 9) zeigt drei Wohninseln: das Bett mit Nacht- 
Kästchen, das Kanapee mit Tisch und Fußsche- 
mei und der Schreibtisch mit Ohrenfauteuii und 
Fußpoister. Wie man sieht, ist eine jede dieser 
kleinen Gruppen mit einer spezifischen Tätigkeit 
in Verbindung zu bringen. 
Aus dem zuletzt beschriebenen lnterieur ersieht 
man, daß der Platz am Fenster ein bevorzugter
	        

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