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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 165)

meierlichen Innenraumes ist ein gewisser Hori- 
zontalismus, der den Raumeindruck beherrscht, 
entstanden aus der strikten Trennung von Wand 
und Plafond. Verstärkt wird dieser Eindruck noch 
durch die fast nie Mannesgröße übersteigenden 
Möbelstücke sowie die in gleicher Höhe gehäng- 
ten Bilder (Abb. 5, 7, 12). 
Die gegen die Mitte der 30er Jahre eingetretene 
Tendenz, mehr Möbelstücke in die Wohnräume zu 
stellen, verstärkte sich und blieb bis zu Ende der 
hier besprochenen Periode wichtigstes Merkmal 
für die Innendekoration der Raume (Abb. 7). Auch 
die Blumen- und Pflanzenliebe des Biedermeier- 
Menschen artete in dieser letzten Periode gewal- 
tig aus und führte zur Bildung ganzer Grüngürtel 
und Baumgruppen im Wohnbereich (Abb. 7). Diese 
künstliche Dschungelatmosphäre wurde zudem 
noch mit verschiedenen Haustieren bereichert. 
Einrichtungshäuser der Zeit offerierten zu diesem 
Zweck eigene Möbelstücke, die aus einer Kombi- 
nation von Jardiniere, Vogelkäfig und Goldfisch- 
teich bestandene. 
Die Möglichkeit, die Entwicklung des biedermeier- 
lichen Wohnraumes so ausführlich an Hand von 14 
zeitgenössischen Darstellungen verfolgen zu kön- 
nen, hat man der Tatsache zu verdanken, daß dem 
Wohnraum als Schauplatz des täglichen Lebens 
so viel Bedeutung und Wichtigkeit beigemessen 
wurde, so daß er auch als selbständiges Thema in 
der Malerei bestehen konnte. Es zeigt dies ein 
wichtiges Wesensmerkmal des Biedermeier- 
Menschen auf, dem sehr daran gelegen war, seine 
geliebte und vertraute Umgebung zu dokumentie- 
ren und im Bilde festzuhalten. Davon zeugen die 
im Wohnbereich in großer Anzahl aufgestellten 
und gehängten Familienbilder sowie die Ansich- 
ten von Familienbesitzungen und Urlaubsorten. 
Zu welchen Extremen die Familienverehrung füh- 
ren konnte, veranschaulicht ein am Schreibtisch 
aufgebauter Altar mit Miniaturen und Porträts 
(Abb. 1). 
Das Zurschaustellen von liebgewonnenen Dingen 
war ein charakteristisches Verhalten des bieder- 
meierlichen Menschen. Dazu standen In den mei- 
sten Wohnräumen Vitrinen und Etageren, vollge 
räumt mit Souvenirs und Nippsachen (Abb. 4, 5, 7). 
Dies führte zur Entwicklung eines eigenen 
Etagere-Möbeltyps mit unzähligen Variationsmüg- 
lichkeiten für die jeweils darauf abgestellten Ob- 
jekte. Die Servante stand im Salon und diente zur 
Präsentation von Porzellan und Glas, dasselbe 
Möbelstück wurde im Schlafzimmer TaschenIee- 
rer genannt und nahm beim Schiafengehen den in- 
halt der Hosentaschen auf. Im Speisezimmer war 
die Etagere als Buffet ausgebildet; im Herren- und 
Billardzimmer hingegen wurde sie als Pfeifen- und 
Queueständer verwendet. Im Zeitalter der Haus- 
musik, in der ein Klavier fast zur Grundeinrichtung 
eines Wohnzimmers gehörte, gab es eigene Stella- 
gen für die Notenblätter. 
Durch die Wohnkultur des Biedermeier war zum 
ersten Mal ein häusliches Ambiente geschaffen 
worden, das vor allem der Förderung des Zusam- 
menlebens von Menschen innerhalb einer Ge 
meinschaft zu dienen hatte. Erreicht wurde dies 
durch eine weitgehende Vereinfachung der Möbel- 
formen und der Innendekoration, die, den Bedürf- 
nissen des täglichen Lebens angepaßt, von allen 
Gesellschaftsschichten in gleicher Weise akzeo 
tiert werden konnten. Lag es doch in ihrer aller In- 
teresse, das Glück im eigenen Heim, im Kreise der 
Familie zu finden und zu bewahren. Diese durch 
die schwierige Situation Österreichs nach den Na- 
poleonischen Kriegen bedingte Hückbesinnung 
des Biedermeier-Menschen auf die Grundwerte 
und Bedürfnisse des Lebens führte aber bald mit 
zunehmendem Wohlstand zu künstlichem Raffine- 
ment und modischen Auswüchsen des Lebens- 
stils einer Industriegesellschaft. 
 
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