MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 165)

Claus Peter Egner 
Architektur im Bild 
Akzente der Darstellung in der flän 
sehen Tafelmalerei von Spätgotik u: 
Frührenaissance 
Mit dem Übergang von der Spätgotik zur Frühre 
naissance wird in der flämischen Tafelmalerei ein 
tiefgreifender Wandel sichtbar. Sehr eindrucksvoll 
vollzieht sich dieser Umbruch im Bereich der Bild- 
Komposition, wo nun plötzlich der Hintergrund in 
Form von Landschaft und Architektur intensiv in 
den Blickpunkt künstlerischen Interesses rückt. 
Während die gemalte Architektur der Spätgotik 
noch in vielfältiger Weise dem sakralen Bildthema 
verhaftet bleibt, setzt mit dem neu aufkommenden 
Zeitalter eine wesentlich freiere und subtilere Art 
der Gestaltung ein. Dabei findet die Suche nach 
veränderten Formen in der Baukunst bereits ihren 
sichtbaren Ausdruck, noch bevor die neue Archi- 
tektur in den Bauten Gestalt annimmt. 
Formale Aspekte der Archirekrurgestaltung 
Es liegt in der Natur der Bildarchitektur, daß sie 
der perspektivischen Analyse in besonderem Ma- 
Be zugänglich ist. Da sich der Raum grundsätzlich 
nach den Gesetzen der Luft- bzw. Linearperspek- 
tive erschließen IäBt, muß eine formale Untersu- 
chung der Tafelmalerei beiden Prinzipien Rech- 
nung tragen. Besonderes Gewicht kommt dabei 
R 
jenen Darstellungen zu, in denen eine Kombina- 
tion von Linear- und Luftperspektive auftritt, wie 
beispielsweise in den Heiligenbildern eines Jan 
van Eyck, Fiogier van der Weyden oder des Mei- 
sters von Flemalle, in denen Stadtveduten den 
Hintergrund bilden. Ein Beispiel meisterhafter Be- 
herrschung der Luftperspektive stellt Jan van 
Eycks Stadtpanorama in dem Gemälde Maria des 
Kanzlers Roiin dar (Abb. 1). Von erhöhtem Niveau 
blickt der Betrachter auf eine Flußlandschaft, an 
deren Ufer sich eine Stadt scheinbar bis hin zum 
Horizont ausdehnt. Die Häuser der Metropole, die 
sie bevölkernden Menschen, das Grün der Bäume 
-- sie alle bilden die bis ins Detail erfaßbare Sze 
nerie. Als Träger nahezu gleicher Lokalfarbtöne 
werden sie Ausdrucksmittel der Luftperspektive, 
unter deren Einfluß sich ihr Farbeindruck kontinu- 
ierlich verändert. Beeindruckend ist beispielswei- 
se, wie das Rot der Ziegeldächer im Bildvorcter- 
grund nach hinten zu immer stärker verblaßt, bis 
schließlich als Folge der abnehmenden Beleuch- 
tung die Umrisse der Architektur gänzlich ver- 
schwimmen und sich die Farbe mehr und mehr der 
Hintergrundsfarbe angleicht. 
t Jan van Eyck, i-Maria des Kanzlers Roiin (Detail) 
2 Pieter Pourbus, "Gemalte Ansicht des Zisterzien 
klosters Ter Duinerit. 
3 Meister der Ansicht von St. Gudula, iilnstruc 
Pastoraleii (Detail) 
117 Rogier van der Weyden, i-Sakramentsaltarii, Mitte 
(Detail) 
Anmerkungen 1-4 
l P. Pourbus. geb um 1510 in Brugge 
' Das Gemalde von P. Fnurbus tin Geiiieindeniuseuin zu e 
zeigtdie iin tzuenrriuiiden von Ztsierzisnsermönchen gegrü 
Abtei Ter Dulnen in Cuxyde (Wesiflandsrn). Die im ettd deigi 
teii Gebäude wurden iin 13.JBVNhIJn11Ei1 eiiteritet. 
' c J. kein, Die eiundzuge der linear-perspektivischen Darsfi 
Inder Kunst derGebrüdsrvon Eyck und inrei Schule, Bd t_ L 
1904. 
' es handelt sicri um den Meister vnrt st. Gudula", einen si 
n. v. d. Weydens, der iri der Zeit von 1470 blS 1490 iii Brüssel
	        

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