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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 165)

byzantinisch-provinzieli, 6.17. Jahrhundert be 
stimmt wird. Wohl sicher christlich ist der kleine 
(H 7,5 cm) Goldkelch von Gourdon, den man we- 
gen der Münzfunde des gleichen Hortes iium 500:: 
datieren kann. Diesen drei der Antike noch sehr 
nahe stehenden Kelche ist das Verhältnis von gro 
ßer Kuppa und kleinem Ständer gemeinsam, wo- 
bei der Unterteil der Kuppa gerippt ist. Es gibt 
auch frtihchristliche Kelche, die diese Rippen in 
Arkaden umdeuten. Zu den Kelchen von Gourdon 
und Zalesie gehören auch Platten, die aber mit 
den späteren Patenen wenig gemeinsam habenf. 
Aus der Epoche zwischen 950 und 1050 verzeich- 
net der Katalog von Elbern nur zwei erhaltene 
Henkelkelche, den 13,2 cm hohen Goldkelch "des 
hl. Gauzelinir von Nancy und einen 9 cm hohen 
Grabkelch, der im Grabe des 1067 verstorbenen 
Bischofs Gervasius von Reims gefunden wurde. 
Zum Gauzelin-Kelch, der wohl um 950 entstanden 
ist, gehört eine Patene mit eingetieftem Fünfpaß. 
1 
Soweit ich sehe, ist dies das früheste Beispiel für 
die uns so geläufige Zusammengehörigkeit von 
Kelch und Patene, bei der die Schale wie ein 
Deckel auf den Kelch paßt. Dieser Goldkelch, den 
die Tradition mit Bischof Gauzelin (922-962) ver- 
bindet, hat in den Proportionen und im Aufbau 
manche Übereinstimmungen mit dem Kelch von 
Cividaie. Fuß und Kuppa sind gleich hoch. Alle 
Teile sind klar voneinander abgesetzt. Der Nodus 
ist flach. Lippenrand und Fuß sind mit einem ab- 
gesetzten Streifen geschmückt. Die Patene ist 
ähnlich gestaltet. Nur die Henkel am Goldkelch 
von Nancy sind klein, fast unorganisch. Der silber- 
ne Grabkelch von Heims, den Elbern erstmalig ver- 
 
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öffentiicht und von dem er schreibt, er sei fast 
identisch in der Form, ist, wohl schon wegen sei- 
ner Bestimmung als Reise- und Grabkelch, nicht 
so fein gearbeitet wie der fast gleich große Kelch 
von Cividaie. Wie dieser hat er aber S-förmig ge 
schwungene Henkel, die über dem breiteren Bo- 
den der Kuppa aufsitzen. Aus dem späteren 10. 
und aus dem 11. Jahrhundert gibt es etliche kleine 
Kelche, die in Gräbern gefunden wurden, einige 
auch mit zugehöriger Patene, aber keiner von ih- 
nen hat Henkels. im gleichen Zeitraum gibt es 
auch mehrere bildliche Darstellungen von Henkel- 
kelchen, die alle untereinander und mit dem Kelch 
von Cividaie Ähnlichkeit haben. Die Frankfurter El- 
fenbeintafel (um 980) wurde schon erwähnt, weil 
schon Santangeio auf sie hingewiesen hat. Neben 
sie stellt Elbern die Darstellung des Abendmahl- 
kelches vom Aachener Goldaltar (Fulda, um 1020) 
und den Henkeikelch zu Füßen des Kruzifixus vorn 
Ephrokreuz in Münster. Auch diese drei abgebilde 
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ten Kelche sind in der Gesamtform, in den Propor- 
tionen und in der Gestaltung der Kuppa dem 
Kelch von Cividaie sehr ähnIichQ. 
Aus der gleichen Zeitspanne sind mehrere byzan- 
tinische Kelche im Schatz von San Marco in Vene- 
dig erhalten. Abb. 10 zeigt den Kelch des Kaisers 
Fiomanus, wahrscheinlich um 940 entstanden. 
Das ist kein Henkelkelch, aber die arkadenförmi- 
gen Rippen der Onyxkuppa sowie die Form von 
Kuppa und Ständer sind dem Kelch von Cividaie 
besonders nahe verwandt. Unter diesen byzantini- 
schen Kelchen und Tassen sind auch solche mit 
S-förmigen Henkeln, in einem Fall sind sie sogar 
mit Blättchen und Trauben geziert. Die erhaltenen 
byzantinischen Patenen haben um den mittleren 
eingetieften Vieipaß meist einen Rand mit 
Edelsteinen"). 
Alle diese angeführten Vergleiche machen die 
Entstehung des Kelches von Cividaie um 1000 
wahrscheinlich, während eine Beziehung zu den 
großen Henkeikeichen der zweiten Hälfte des 
12. Jahrhunderts nicht besteht". 
Außer dem allgemeinen Formvergieich bietet un- 
ser Kelch noch die Möglichkeit, Einzelheiten sei- 
nes feinen Schmuckes, so die Evangelisten und 
die Figilrchen von Abel und Melchisedek, neben 
andere Kunstwerke zu stellen: Die Darstellung von 
schreibenden, paarweisen Evangelisten ist bei ot- 
tonischen Miniaturen und metaligravierten Arbei- 
ten häufig. Mit großer Kunstfertigkeit und Feinheit 
sind die Evangeiistenpaare auf der gekrümmten 
Flache des Kelchfußes angebracht. Sie sitzen 
steil auf Stühlen mit halbhoher Lehne und schrei- 
ben mit großen Federn eifrig in die geöffneten B0- 
cher. Jeweils einer hat die Beine (Jbergeschiagen, 
der andere nebeneinandergesetzt. Gravierte Li- 
nien, auch in der charakteristischen Hakenform, 
geben die Binnenmodeilierung an. in Metall gra- 
vierte Zeichnungen sind in der ottonischen K 
sehr häufig (Fleichskreuz, Heinrichsport: 
Buchdeckel . . .). Dem selben heiligen Gauz 
dessen Kelch uns schon beschäftigt hat, 
auch ein Buchdeckel zugeordnet, dessen Eva 
listen wohl etwas früher sind als die des Keir 
Ihre gerundete Silhouette scheint näher den i 
lingischen Vorbildern. Die gestreckter auf: 
sitzenden Evangelisten von der Elfenbeinp 
des Evangeiiares der Äbtissin Theophanu VOi 
sen repräsentieren dagegen die Stilstufe 
ßi1U20u ebenso wie die gereckte Beweglichkei 
gravierten Sitzfiguren vom Heinrichsportatile 
vom Fieichskreuz. Die vergieichweise großen 
fe und Hände und eine gewisse Naivität des 
drucks verbinden dagegen die Figürchen von 
daie mit niedersächsischen Handschriften, 
den Sakramentaren von Bamberg und Götti 
oder dem Evangeliar von Abdinghoflz. 
Die kleinen Figürchen der Henkel, Abel und 
 
chisedek, sind von erstaunlicher Feinheit unc 
zision. Das wird noch deutlicher, wenn mal 
mit Gottvater und Adam von der Krümme de 
kanbaid vergleicht. Sie ist auch aus vergold 
Silber und nur 11 cm hoch. Bernward von Hi 
heim ließ sie 996 für seinen Lehrer, den Abt E 
bald, gießen. Auch Adam reitet auf der Flanke 
Intensität der Aussage der Gestalten ist groß 
gesehen von der überlegenen Gießkunst der F 
chen des Kelches ist die Ähnlichkeit bedeu 
Auch erscheint unser inständig sein Lamn 
Gotteshand hinaufhebender Abel als der zier 
Bruder des Abel der Hiidesheimer Türen. - . 
hier werden wir zum Essener Leuchter zurüi 

	        

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