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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 165)

I Aktuelles KunstgeschehenlÖsterreich 
 
Wien 
Museum moderner Kunst 
Kunst der letzten 30 Jahre 
Mit dieser Ausstellung wurde das vieldiskutierte, viel- 
umstrittene Projekt, im Palais Liechtenstein das Mu- 
seum moderner Kunst zu installieren, verwirklicht. Es 
wurde allerdings schon bei der Eröffnung festgestellt, 
daß diese Adapatierung, die mindestens 27 Millionen 
Schilling verschlungen hat, auch nur ein Provisorium 
ist, da es sich bereits herausstellte, daß auch hier nicht 
alle Bestände gezeigt werden können. Alle Bestände 
heißt in diesem Fall, jene, die bis jetzt im Museum des 
20. Jahrhunderts zu sehen waren, die Sammlung Wolf- 
gang Hahn, die Österreich im Vorjahr erworben hat, die 
Sammlung Ludwig, die etwa für 5 Jahre dem österreichi- 
schen Staat zur Verfügung gestellt wurde, und die ver- 
schiedenen Kunstwerke. die durch die Kunstförderung 
des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst in 
Staatsbesitz kamen. Der größte Teil der Eröffnungsans- 
stellung wird durch die Bestände der Sammlungen 
Hahn und Ludwig bestritten. Mit ihnen werden den in- 
teressierten Österreichern wichtige Werke des Abstrak- 
ten Expressionismus, des Fotoreaiismus, vor allem der 
Pop-Art, der Geometrischen Abstraktion, des Neuen 
Realismus, der Aktionskunst u. a., das sie bis jetzt nur 
zum Teil in befristeten Sonderaussteiiungen im Museum 
des 20. Jahrhunderts in Wien sehen konnten, vorge- 
stellt. Vor allem sind sehr wichtige Künstler aus aller 
Welt der in den letzten 30 Jahren oft wechselnden Kunst- 
richtungen vertreten, die in dieser Fülle und mit solch 
beispielhaften Werken noch nicht hier zu sehen waren. 
Sicher wird viel davon nicht bleiben, manches in einigen 
Jahren schon überholt sein. Hermann Fillitz der für die 
Planung und Durchführung der Erstausstetiung verant- 
wortlich ist, schreibt in dem umfassenden Katalog dazu: 
wEin Museum, das sich mit der Gegenwart und ihren 
Voraussetzungen befaßt, hat eine Orientierung über die 
schöpferischen Strömungen der Zeit zu bieten." Und Pe- 
ter Ludwig sagte in einem Vorwort des Kataloges des 
Waliraf-Richartz-Museums: nDer breite Strom der Kunst 
ist immer in Bewegung. Was uns heute als neu aufregt, 
ist morgen vertraut und vielleicht übermorgen überholter 
Vielleicht? Vieles von dem in der Ausstellung gezeigten 
sogar sicher. Trotzdem ist die Ausstellung wichtig, zeigt 
sie doch, in weicher geistigen und seelischen Verfas- 
sung unsere Zeit ist. Der neubestellte Direktor Dieter 
Ronte aus der Deutschen Bundesrepublik, betonte bei 
der Eröffnung, daß das Haus im Schweizergarten, nach 
Fertigstellung der Renovierungsarbeiten, in die Planung 
einbezogen wird. Man hörte auch, daß im neuen Haus 
dem Besucher nicht nur ein optisches Erleben geboten 
werden soll, sondern viele neue Möglichkeiten der Akti- 
vierung des Besuchers beschritten werden. Freilich, 
Konzerte, Führungen und Videoaktlonen sind noch kei- 
ne neuen Wege zur Aktivierung, da wurde unter Alfred 
Schmeiier im alten n20er Hausi- oft mehr in dieser Rich- 
tung inszeniert. 
Drei große, sehr ausführliche Kataloge, die alle Werke 
der Sammlungen sowie die ausgestellten Objekte in Ab 
biidungen zeigen, die ausführlichen, gut geschriebenen 
Einführungen (leider mit verwirrenden Druckfehlern) 
ergänzen die Schau entsprechend. (27. 4. 1979) - 
(Abb. 1, 2) 
Secession 
Osterreichische Kunst 1880 - 1945 
Es handelte sich bei dieser Ausstellung um eine reine 
Verkaufsaussteliung des Auktionshauses und Antiqua- 
riats Woifdietrich Hassfurther. Es war erstaunlich, wie 
viele sehr gute Arbeiten von österreichischen Künstlern 
aus jenen Jahren noch im Kunsthandei zu linden sind. 
Sehr schön waren besonders die Graphiken, hier wieder 
an der Spitze Schiele, Klimt, Boeckl, dann Löffler, einige 
qualitativ recht unterschiedliche Blatter von Kubin, frü- 
he Aquarelle von Laske, schöne Öiskizzen von Engel- 
hart, die mit recht niedern Preisen überraschten, ebenso 
nicht sehr teure Ölbilder von Andri. Wie überhaupt die 
Preisgestaltung eine sehr individuelle zu sein schien, 
die sich offenbar hauptsächlich der Nachfrage anpaßte. 
Ausgesprochen schwache Bilder waren von Romako 
und Makart zu sehen. Auch Jettmar nur zum Teil er- 
träglich. Sehr wichtig waren die Blätter von Oskar Ko- 
koschka, dabei war der Plakatentwurf "Heilt den baski- 
sehen Kindernri ein besonders wichtiges Exemplar. 
(8. - 31. 5. 1979) - (Abb. 3) 
Formulation Articulation von Josef Albers 
Der Maler gehort zu den wesentlichen Gestaltern 
strenggeometrischer Bilder, der bereits am Bauhaus in 
dieser Richtung arbeitete und damit auf viele Generatio- 
nen auf den verschiedensten Gebleten der Formgebung 
arbeitenden Künstlern elnwlrkte. Seit 1933 als Lehrer 
am Black Mountain College In North Carolina wirkend, 
war dem 1974 in New Haven Verstorbenen das Aufzei- 
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gen der Wechselwirkung von Farbe und Form ein le- 
benslanges Anliegen. in dieser, leider viel zu wenig be- 
achteten Ausstellung, kam das in einigen Beispielen 
zum Tragen. Sein Einfluß auf die Op-Art ist aus dem 
Zyklus i-Huldigung an das Quadrat" sehr deutlich er- 
sichtlich. Eine Anzahl von Texten aus den theoretischen 
Schriften des Meisters zeugen davon, daß Albers sich 
intensiv mit der Materie auseinandergesetzt hat und sie 
denkerisch zu ergründen suchte. (9. - 31. 5. 1979) 
Neue Galerie Wien 
Joannis Avramidis und 
Annemarie Avramidis 
Mit dieser Ausstellung eröffnet Elisabeth Schaumber- 
ger, die bis jetzt die kleine, aber sehr rege Galerie am 
Rabensteig führte, im Haus gegenüber des kleinen Lo 
kales zusätzlich ein sehr schönes, modern eingerichte 
tes, in strengen Formen gehaltenes, in zwei Etagen ge- 
gliedertes, neues Ausstellungsarreal. Es ist mit einer 
Schau eröffnet worden, die eines solchen Anlasses 
durchaus entspricht. im Parterre sind die Exponate 
Joannis Avrimidis. Dominierend sind dabei natürlich die 
Plastiken. immer wieder ist es der Mensch und seine in 
rhythmische Formen gefaßte Erscheinung, die, von vie 
ien Biickpunkten angegangen, noch immer und immer 
wieder als wichtigste und diese Weit bewegende Artiku- 
lation betrachtet werden kann. Noch in der unendlichen 
Kette zum Himmel ist es die menschliche Gliederung 
die vorherrscht und Maß gibt. Avramidis Kunst ist - 
und damit unbedingt zu recht vor dem Gebäude der 
UNO-City plaziert - eine zutiefst humane Kunst. Sie ist 
vielleicht genau das Gegenteil von dem Großteil jener 
Erscheinungen, die uns im Palais Liechtenstein geboten 
werden. Und es ist sicher kein Zufall, daß der Schöpfer 
dieser Figuren aus altem jonischen Siediungsraum 
kommt und im Bewußtsein seiner Aufgabe sich nicht 
von den Fatalitäten der Zeit ablenken läßt. 
Sehr gekonnt und mit einer einmaligen Leichtigkeit und 
Könnerechaft in der Führung des Striches sind auch 
seine Zeichnungen, Akte, Baumstudien und feinhinge- 
hauchten Landschaften. Eine große Ehrfurcht vor der 
Gesetzmäßigkeit aller innerweltlichen Strukturen spricht 
aus diesen Bleistiltzeichnungen. 
im ersten Stock stellt seine Frau Annemarie Skulpturen, 
Bronzen und Bilder aus. Es sei gleich vorweg gesagt: 
bei der wesentlich jüngeren ist im Formaten keine Be 
einflussung oder Nachfolge des Meisters festzustellen. 
Annemarie Avramidis, die in Graz, Salzburg und Wien 
(bei Gütersloh und Wotruba) Malerei und Bildhauerei 
studierte, hat einen ganz anderen Ausdrucksduktus. 
Zwar sind ihre Steinskulpturen auch streng und von gro- 
ßer Geschlossenheit, doch bereits die Bronzen haben 
etwas Beschwingteres. Auch ihr ist das Humane Trieb 
kraft und immer wieder festzuhaltende Verpflichtung, 
doch scheint ihr das mit attischer Beschwingtheit eher 
zu gelingen. Gruppierungen lassen ein Zu- und Vonein- 
ander und damit eine Bezogenheit von Mensch zu 
Mensch erkennen. Die Malereien sind erlebte antike 
Szenen, wie wir sie auch heute noch in Heilas schauen 
können. Menschen, leicht farbige Flecke in einer arka- 
disch grünen Landschaft voll weicher Ausgeglichenheit. 
Oft ist man versucht, bei diesen Bildern an Merkel zu 
denken. Hier ist der starke, freudige Glaube an die Un- 
zerstörbarkelt der Natur, des alles bergenden Schoßes 
der Gäa zum Ausdruck gebracht. (21. 5. - 29. 6. 1979) 
- (Abb. 4, 5) 
Galerie Würthie 
Rudolf Spohn 
im Zuge der vielen heute wieder aktualisierten Künstler, 
die durch die Zeitumstande bedingt, oft unverdient in 
Vergessenheit gerieten, wurden hier die Aquarelle und 
Zeichnungen Spohns gezeigt. Seine Starke war sicher 
die Graphik. Der reine Strich beweist Sicherheit, beson- 
ders bei manchen Aktzelchnungen kommt das zutage. 
Versucht er, was hier öfters gezeigt wurde, Themen an- 
zureißen, gleiten die Arbeiten bis zur simplen Karikatur 
herab oder zu einem, leider auch verkrampften Linien- 
spiel. Seine Aquarelle sind sehr steif, ziemlich trocken, 
wohl ehr eine topographische Erfassung. 
August Franz Svoboda 
im Kabinett waren 24 größere Aquarelle dieses Wieners 
zu sehen. Naß in naß gemaien, sind Svoboda vor allem 
die Winterlandschaften am besten gelungen. Hier läßt 
er viel Weiß, der Betrachter hat Raum zum Mitschaffen, 
seiner Phantasie wird kein Zwang angetan. Besonders 
schon sind zwei Stllleben, die ganz schlicht, streng und 
doch locker hingehaucht wirken. (10. 5. 7 1. 6. 1979) 
Galerie auf der Stubenbastei 
Robert Zielasco 
Die mit sparsamsten Mitteln erreichten Aussagen bei 
den Bildern Zielascos haben bei den geglücktesten Wer- 
ken etwas Bedrückendes, lassen uns nicht los, er 
mit einer gewissen Magie. Das Material, aber au: 
falligkeiten spielen dabei mit, Gerinnseln, Fransu 
Die Beschränkung, das scheint der Autor sehr ge 
wissen, bringt eine Steigerung. (2. 6. w 26.5. 197 
(Abb. s) 
Grete Yppen 
Die bekannte österreichische Malerin stellte 52 E 
te, meist Arbeiten in Mischtechniken aus. Besoni 
aussagekräftig schienen uns jene in den kraftvoll 
ben. Diese Linienknoten fesseiten. Die starken K: 
lassen die Flachen aufleuchten. Figurale Ankläng 
zeugen das Herkommen vom Kubismus (Picasso) 
kleinen "Kompositionenu in sanften Farben erreir 
eine besondere Dichte. Die 1950 - 1955 entstandr 
Monotypien zeigen noch starke Bindungen an der 
genstand, doch wird auch schon hier der Strich z 
Balken, der starker Ausdruck ist. Überraschend u 
die niedrigen Preise, wenn man sie mit jenen jun 
Nichtskönner und Erfinder nebuloser Techniken l 
gleicht. (30. 5. - 23. 5. 1979) - (Abb. 7) 
Junior Galerie 
Karl Anton Fleck, 
Retrospektive 1958 - 1979 
Eine sehr sehenswerte Schau, weil sie die Entwii 
des Künstlers schon erkennen läßt. Die Tuschezr 
nungen, die zwischen 1959 und 1961 entstanden 
lassen schon die sichere Handschrift des Graphi 
kennen. Hier, in den kalligraphischen Zeichen, di 
ostasiatische Pinselzeichen, an ZEN-Maiereien e 
scheint uns Fiecks iyrischste und verinnerlichste 
einen Ausdruck gefunden zu haben. Die Ölbilder 
hen 60er Jahre sind offensichtlich einer Krise en 
gen. Sie sind in dieser Ausstellung auch die schi 
sten Arbeiten. Die Zeichnungen, Aquarelle und F. 
zeichnungen der letzten Jahre zeigten uns dann i 
seiner ganzen Kraft und Konzentration. Seine übt 
energisch gezeichneten Akte, in harten Überschn 
gen und kühnen Ansichten sind fern jeder Hübsc 
sind erschütternde Zeugnisse menschlichen Gevl 
seins in fieischliche Substanz mit all ihren Konsi 
zen. Die gezeigten Farbstiftzeichnungen brachten 
auch Programmanaiysen mit Symboifiguren (in A 
sie sind hart in der Deutung, auch zynisch und sl 
Mit den neuen Aquarellen kommt wieder eine m2 
sche Note in KAFs schaffen. Hier ist besonders 
Flirt-i zu nennen. (31. 5. - 14. 7. 1979) - (Abb. 8 
Galerie in der Staatsoper 
Günter Brus 
Der Aktionist und Verachter aller bürgerlichen Kt 
schlug einen Purzelbaum und gefallt sich in süß 
tenden Kreidebiidern zu Franz Schrekers Oper nlI 
zeichneten". Mit vielen Elementen des Jugendsti 
gereichert und unter Verwendung mancher Vorbi 
ner Zeit ist der Zyklus "Reizfiutenu schließlich Wl 
ein Zeichen der Ratlosigkeit, die zu jenen pubert 
Äußerungen führen, mit denen gewisse Gruppen 
zu machen glauben. (3. 6. - 30. 5. 1979) 
Galerie Alte Schmiede 
Francese d'A. Casademont 
Der in Barcelona geborene Spanier zeigte über 3 
der. Es geht eine sonderbare Ruhe von diesen st 
verhaltenen Farben gemalten Bildern aus. Sehr s 
und nobel gearbeitet erinnern sie oft an die Neu: 
lichkeit. Mit sehr viel lichtem Rosa, Blau, mit Oc 
Silbertönen erreicht der Künstler eine verhaltene 
ziertheit, die aber doch alles klar und scharf erke 
laßt. Meist waren es Landschaften, viele aus Öst 
die er in der Alten Schmiede zeigte und uns dam 
neue Schau von Dingen brachte, die wir durch al 
traute Variationen oft nicht mehr richtig wahrner 
(25. 4. - 26. 5. 1979) 
Otto Wagner Pavillon, Karlspiatz 
Herwig Zens 
Der bekannte Graphiker machte 10 Radierungen 
Thema "Was blieb von Otto Wagneru, die in eine 
nen Mappe vereint wurden. Das Werk wurde am 
präsentiert und war der Anlaß zu der Schau, die 
Zeichnungen und Bilder erweitert war. Zens besr 
te sich schon langer mit den Bauten des großen 
tekten, hier sind seine typischen Stadtbahnbilde 
nennen. die, wie von einer Haltestelle ausgeheni 
ungreilbar Verschwimmende der Bewegung weis 
allem aber natürlich die in zügigen, verdichteten 
wieder gelichteten Strichen auf das Blatt geworl 
Zeichnungen. (25. 5. - 24. S. 1979) - (Abb. 9) 
AIO
	        

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