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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 200)

die Zeichnung eine gewisse Unsicherheit verrät. S0 
scheinen einige Bögen als Doppellinien auf, und ist der 
Anschluß vor allem an den inneren Begrenzungskreis 
recht ungenau. Hingegen erkennt man den Ortskreis 
der Kreisbogenmittelpunkte recht gut und stellt dabei 
fest. daß diese Mittelpunkte im Verein mit den Kreisbö- 
gen und riRhombenri kein erkennbaresOrdnungsprinzip 
ergeben. Das hängt wohl vor allem damit zusammen. 
daß der Rosette des Planes ein 42-Eck (nzugrundeliegt. 
das konstruktiv nicht gewonnen werden kann. Hinge- 
gen entspricht das Verhältnis der drei Radien mit r, : 
86,5 mm, r? : 53 mm und r3 : 20 mm ziemlich genau 
jenem Verhältnis, das im Absatz 2.5. behandelt wurde, 
nämlich 120.61 8 : 0.232! Die 42spitzige Rosette und die 
Unsicherheit der Kreisbogenziehung sowie der Einsti- 
che der Kreisbogenmittelpunkte deuten jedoch darauf 
hin. daß herumprobiert wurde, und die saubere Kon- 
struktion derRosette noch ausstand. DaderRißauch im 
übrigen eineunbeholfeneZeichenkunstverrät.istermit 
großer Wahrscheinlichkeit in der Steinmetzwerkstätte 
entstanden, die die Pllasterung austührte. 
4. Die archivalischen Nachrichten 
Da sich der Vertrag zwischen der hf. Hofbaumeisterei 
und der von Sebastian Stumpfegger geführten Stein- 
metzgruppe mit Hans Schwäbl und Gregor Götzinger 
vom 5. April 1707 erhalten hat, sind wir auch von archi- 
valischer Seite hergut über die Art der Ausführung und 
Bezahlung der Pflasterung unterrichtet." Während 
allerdings die Vertragsformulierung bezüglich der iirot- 
grauenri Pflasterung in den Schiffsarmen und Ovalka- 
pellen unvollständig und unklar ist. werden für das kom- 
plizierte Pflasterunterder Kuppel pro Stück ohne Unter- 
schied der Größe 20 Kreuzer vereinbart. Das ergibt bei 
360 roten und 400 weißen Platten, also insgesamt 760 
Platten einen Betrag von 15.200 Kreuzer oder 253 fl. 
20 kr. Auf heutige Verhältnisse übertragen. würde das 
Rosettenpflaster etwa dreimal so teuer sein." 
5. Vergleichbare Pflasterurrgsbeispiele 
Über die Pflasterung in Schachbrettform (gerade oder 
schräg) ist kein Wort zu verlieren, sie ist gang und gäbe. 
Bei näherem Zusehen stellt man allerdings fest, daß 
auch die Kreisbogenbüschel-Rosette nicht so selten ist. 
Bei aller Einheitlichkeit der Grundgestalt verfügt sie 
über einen gewissen formalen Spielraum, der durch die 
Anzahl derSpitzen, die Art der Bogenfiihrung und durch 
die Farbgebung bestimmt wird. Wenn die mit Rhomben 
zu belegende Fläche keinen Kreisring, sondern einen 
Ovalring darstellt. wie aufdem Kapitolsplatz in Rom, wo 
außerdem keine kontinuierlichen Kreisbogen, sondern 
gebrocheneGeradendie Rnombenbildemwirddie Kon- 
struktion komplizierter und scheidet aus unserer 
Betrachtung aus." Diese beschränkt sich nur auf 
einige kreisrunde und kurvige Beispiele, denen ich 
begegnet bin und auf die ich hingewiesen wurde." 
Das Motiv war bereits den Römern bekannt, wie ein 
Mosaik im Thermenmuseum und eine Gewölbe des 
Tempels der Venus und Roma in Rom beweisen. Die 
Mosaikrosette ist mittels des 48-Ecks konstruiert und 
erreicht durch die Querteilung der einzelnen Rhomben 
in dunkle und helle Dreiecke geradezu einen Vasarely- 
Effekt." ln der Kapelle des 1546 - 52 erbauten Schlos- 
ses Anet von Philibert Delorme weist die Kuppel eine 
Kreisbogenbüschelkassette auf, die auch auf den Fuß- 
boden projiziert ist. Nach den mir zurVerfügung stehen- 
den Unterlagen beruht die Konstruktion auf einem 
regelmäßigen 1B-Eck.'i Eine ähnliche, aus dem 24-Eck 
gewonnene Figur findet sich im Gewölbe der Matthäus- 
kapelle in Santa Maria in Aracoeli zu Rom (Stuckafbeit 
nach 1582)." Daß dieses Motiv auch im Historismus 
auftaucht. beweist die Verwendung in einem Raum der 
von Karl Hasenauer 1882 - 86 erbauten Hermesvilla in 
Wien." 
6. Der Planer des Vierungsprlasrers 
Die verhältnismäßige Kompliziertheit der Konstruktion 
der Rosette sowie die zeichnerische Unbeholfenheit 
des Steinmetzplanes deuten mit großer Wahrschein- 
lichkeit darauf hin, daß die Idee zu dieser Figur und die 
Konstruktion dafür vom Architekten selbst, also von 
Fischer von Erlach, stammen." Einmal auf das Pro- 
blem der Pflasterung aufmerksam geworden. ergibt die 
Durchsicht von Fischers Werken, daß er auch auf die- 
sen Bereich der Raumgestaltung großen Wert gelegt 
hat." Die Anregungen zum Rosettenmuster dürfte 
Fischer während seines langen Aufenthaltes in Rom 
empfangen haben, dem erja auch den Grundriß der Kol- 
legienkirche verdankt." 
 
Anmerkungen 14 - 2a 
H Salzburger Liandesarchlv. HtJfbauaktt-m c IV in; Frtedr Ptrckmayer, 
Notizsnziir aaii-und Kunstgeschichte Salzburgs. sl: aus MGSL B143 
(1903) 22:1 r; okr lX(t912).238. Der Vertrag vom s Aoril t m1 fanif in 
Sedlmayrs Fischer-Monographien von 1956 und rare. 
1a Die Unklarheitbestehtdarln, daß im Vertrag eingangs von der Verferti- 
gung roterundgrauerhigrabenii)msrrrlorsleinerner Friese gesprochen 
wird und spater von zweischuhigen Friesen. für die je Schuh tu kr. 
bezahlt werden. Sollten mit dem Pries die diagonalen Sctlaohbrettrel- 
16 
dergemelntsein (Zedlers Unlversallexikorlkenrlt diese Begriffsbestim- 
rnungnicht), sdsfahtdamentgegen. daßdladuadratlsctien Platten eine 
Seltenlängevon 1.5 scnuii aufwoisan. eszisht man die zweischuhigen 
Friese auf dIS rahmsnden Streiten, die tatsächlich 2' messen, dann 
werden die scriacnbrattor vertraglich nicht erfaßt Moglicherwelse 
sind aber dOch diese gemeint, dann die Flache ainar Plattebeträgt2,25 
Quadratschuh oder abgerundet 2 ouadratschuh Der Stückpreis die- 
sel Platten zu je tu lir stunde in einer verstandlichen Relation zu den 
komplizierter herzustellenden rhombenförrnigen Platten (20 kr.) der 
Vierungsrosette. - Diese Behauptung der Verteuerung stützt sich auf 
7. Zusammenfassung und Schluß (Fig. 5) 
Bei der Vollkommenheit. die die Gestalt der Kollegien- 
kirche insgesamt auszeichnet, ist es nicht verwunder- 
lich, daß Fischer auch den Fußboden miteinbezogen 
hat. Die peripheren Flächen sind diagonal geschacht: 
dabei fällt auf, daß die Ovalkapellen, obwohl als Subzen- 
tren mitbetontervertikalachse ausgeprägt, kein ausge- 
sprochen zentrierendes Muster aufweisen; vielmehr 
nehmen sie durch die Schrägschachtung an der Langs- 
streckung des Grundrisses teil und unterstreichen den 
Charakter der Seitenraume auch als eines Begleitwe- 
ges. Zentriert ist allein das Pflaster der Vierung als des 
iiAngelpunktesri der Grundrißkomposltion. Das iiFlie- 
ßendeii der sie umgebenden diagonalen Schachbrett- 
tlächen ist in kreisende Bewegung gebracht, die durch 
eine gleichstarke Gegenbewegung zum Stillstand 
kommt und dadurch zur Rosette wird. Das konstruier- 
bare AO-Eck hangt mit dem iwGoldenen Schnittrr zusam- 
men und fügt sich der strengen Durchproportionierung 
des Baues vorzüglich ein. Ob der Figur außer formalen 
lnhalten noch symbolische Bedeutung zukommt, lasse 
ich offen? Das bereits den Römern bekannte Roset- 
tenmotiv scheint im 16. Jahrhundert besonders beliebt 
gewesen zu sein, Seine Verwendung durch Fischer 
könnte als weiteres Indiz für Fischers starke Beziehung 
zuriirömischen Klassikri gerade im Bau der Kollegienkir- 
che angesehen werden." Da die Erzeugung dieses 
Musters gewisse geometrische Kenntnisse voraus- 
setzt, deutet es beispielhaft auch auf die enge Verbin- 
dung von Geometrie und Architektur hin: angewandte 
Geometrie in dienender Funktion." 
Schließlichwirdeinem beisolcher Betrachtung bewußl. 
wie wenig Aufmerksamkeit die Kunstgeschichte im all- 
gemeinen der Bodengestaltung von Räumen zuwendel; 
was man sozusagen ständig nur iimit Füßen trittri, 
scheint der Beachtung nicht wert zu sein. Auf diesen 
Umstand weist auch Hiltrud Kier hin, die nach ihrervor- 
Züglichen Arbeit über mittelalterliche Schmuckfußbö- 
den erstmals sehr verdienstvoll auch eine zusammen- 
fassende Darstellung über das reizvolle Thema der 
Schmuckfußböden in Renaissance und Barock vorge- 
legt hat." 
folgende Umrechnung Nach Ausiiuhft jener Steinmetzflrma, die im 
vergangenen Jahr Ausbesserungen vorgenommen hat. mußte heute 
für eine Platte gleich welcher Grüße, Material und Arbeit rnlteinge- 
SCHIOSSED. S600 - veranschlagtwerden, alsobel insgesamt 760 Plat- 
ten : S 455 ÜÜÜ 7 Als Umrechnungsschlussel nehmen wir einen 
Liter Bier. Er kostet zur Zelt rund S 30.-. also bekommen wir 1ur 
3456000- 15,200 Liter. Ausden Rechnungsbuchelndes Salzbufger 
Burgerspltais um 1700 läßt Sich lul einen Liter Bier ein Preis von 
3.125 kr erschließen (2 Salzburger Viertel Bier : 3 bayerische Maß 
: 3.2 Liter : 10kr,vgl.Ht1lbner, Resfdenzstadt Salzburg, 2 Bd . 424 
und E Bralassavic. Unser neues Maß und Gewicht. Wien c. J {nach 
1B72l, 5. Aufl. IV 57.) Die 760 Platten kosteten seinerzeit 15 200 kr. 
was 4854 Liter Bier entspricht. Da der Matellalprels lur die Platten 
heute rund s es 000 - betragt, liegt die Teuerung im Arbeltspreis und 
wohl auch in dsr Besteuerung begrundet 
" H, Sedlmayr, Die Area Capltolfna. In Epochen und Werke Wien 1959. 
BU1,26611,ÄDD 43 
" Ich danke den Assistenten des lnstltuts für Kunstgeschichte der Unl- 
VErSltät Salzburg Dr J Aplelthaler und Dr. U. Nefzger, die mich hilfsbe- 
reit unterstützt haben. 
1' A. Blunt, Ph de L'Orme, London 1958. Tat 15721 
1' Wie Anm. 1B, Tal 25a und 25b, 
n J.E L Heidemanfhe cfnquecentoChapel Decoratlons in S. Maria in 
Aracoalr In Rorrle, Amsterdam 1982 (Utrechter Diss l, Abb 17 
1' Fuhrer durch die Hermesvilla. Wien 1981, Abb. 36 (Klrchensaall. 
n In verhältnismäßig vielen erhaltenen Archivallen Zur Baugeschichte 
der Kullegrenklrche erscheint der Name Fischers wiederholt lrTt 
Zusammenhang rnlt nSagrnaii oder Rissen auch von Details und In Ver- 
bindung mit Steinrrtetzen. Es rSt daher rnit ziemlicher Sicherheit damit 
zu rechnen, da!) auch ftlr das komplizierte Rcsetterlmuster ein RIB 
Fissliarstvialloicnt der im Vertrag erwähnte] vorlag. 
n Vgl dleAbb lnsedlmayrs Flscherrrtbnograpnlel1976l'Abb.33(Fraln), 
Abb. 52 und 22t fsalzbtirg. Drellaltigkeitskirche), Abb. 9Q(Wl6rl. Palast 
Eatlhyänyl. Abb. tao (Wien. Karlsklrche). Abb. 185 und 230 (Breslau. 
Kurfurstl, Kapelle). Abb. 197, 202 und 236 (Wien. Holbibliothek) 
1' SanCarloaiCatinari. Vgl Sedlmayr, Die Kolleglenkirche linddie Kirche 
der Sorbonne. in, MSLK Bd 120l121 (t980lB1) 371 7 398 
M D Forstner, Die Welt derSymbole. lnnsbruck 1961, 75. m. Diedl] Fen- 
ster in der Kuppel der Hagia soprria setzen ebenfalls die Konstruktion 
des 40-Ecks voraus, 
Nach Hubnef, Beschreibung, Bd 1 , 102, rtließ Erzbischof Johann Ernst 
in dieser Kirche sein Gehirn begraben-r. was F, Martin in seine Barock- 
türsten ts, teflubernommen hat lrri Zuge der Vorbereitungsalbeiten 
liir das Fischer-Jahr 1956 veranlaßte ich eine diesbezugllche Untersu- 
criuhg. dl9 aber kein Ergebnis brachte. Damals wurde allerdings die 
Krelsplatte im Zentrum der Flnsette nicht gehoben. Man sollte dies 
nachholen. um sndgultig Klarheit zu gewinnen. Vlelleicht bekommt die 
Rosette vom Aufbewahrungsort des Gehirns (lrt einem wohlgeformten 
Galari) Zusätzlich einen sinh 
II vgl Anm.24 passim 
H Vltruv, Zehn BücheruberArchttekturtübersetzt von c. Fensterbuschl. 
Darmstadt fsea. 7 Such, irVom Estrictw, 315 lr. L e. Alberti, Zehn 
Bücher Ltberdle Baukunstttibersetztvoh M. Trieuren. Darmstadt 1975. 
7. Buch. 381. 
" Hlltrud Kier. Schmucklußböden in Renalssanceund Barock. Munchen- 
Berlin 1975 (Kunstwlss. Studien, Bd. 49). Klererwähnt auch den Boden 
der Kolleglenkirche (S. 24).
	        

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