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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 106)

geführt, ein Aufwand, der in einem ge- 
wissen Gegensatz zu dem epherneren Cha- 
rakter des Baues steht: vielleicht sollte die 
Kaiserin von der Durchführbarkeit ihres 
Einfalls überzeugt werden. 
Das Modell stellt, auf fünf ineinander ver- 
zapften Tischen, die zusammen einen ge- 
streckten Vierpaß mit einem Durchmesser 
von Z67:22Ü cm und einem Gesamtumfang 
von 760 cm bilden, das Haus und den 
umzäunten Garten dar. Die vier äußeren, 
trapezoiden Tische tragen den Gatten mit 
dem aus Holz geschnitzten Hellebardcn- 
zaun und zehn Beeten, deren Erde aus 
dunkelgebeizten und leimgetränktcn Säge- 
spänen besteht. Die kleineren Gewächse 
sind xvie richtige Kunstblumen aus dünnen 
und bunt eingefärbten Geweben, Papier 
und Draht angefertigt, die Bäume und 
Baumstrünke sind aus entsprechend zurecht- 
gesehnittenen Ästen gemacht. Die Wege 
sind mit feinem, gelbem Sand bestreut, der 
auf dem leimigen Untergrund fest haftet. 
Der innere, quadratische Tisch, der eine 
Kantenlänge von 97 cm hat, trägt das Haus, 
das von Grund auf bis zur Spitze der Wind- 
fahne 123 cm mißt. Der Maßstab des 
Modells beträgt ungefähr 1:12. Es ist in 
der Hauptsache aus Holz angefertigt, in 
sehr massiver Machart, und kann aus- 
einandetgenommen werden, so daß jeder 
Raum in allen Einzelheiten sichtbar wird. 
Fast alle Türen und die meisten Fenster 
sind beweglich. Die Scheinarchitekturen an 
der Außenseite sind mit Ölfarben gemalt. 
Die illusionistische Wirkung dieser Male- 
reien ist sehr stark. Die Felsen sind teils 
aus Holz geschnitzt, teils ölfarbengetränkte 
Schlacke. Die Maßwerkfenster sind Laub- 
sägearbeit, die Oberlichtvergitterungen und 
das Gittertor sind aus Zinn gegossen. Die 
Grotte ist wie die übrigen Bekrönungen aus 
Holz und wie die „Ochsenmühle" mit einem 
geflochtenen Drahtnetz vergittert. Auch 
die Mascarons an den Ecken der Anbauten 
sind aus Holz geschnitzt, sie verraten die 
Hand eines geschickten Bildhauers, der mit 
anderen anonym gebliebenen Handwerkern 
zu dem Werk beigetragen haben mag. 
Eine handwerklich feine Arbeit ist die Ver- 
glasung der Parterrefenster, wo durch auf- 
geklebte geschliffene Stückchen farbiger 
Gläser der Effekt von buntgemalten Schei- 
ben erzielt wird. Auch die Verschiedenheit 
der Fußböden ist berücksichtigt, es gibt 
einfache Bretterböden, Fliesen und regel- 
rechtes Tafelparkett, durch Einlegearbeit 
aus Nußfurnier täuschend imitiert. Die 
Innendekorationen sind in der Hauptsache 
mit Wasserfarben auf Papier gemalt. Im 
Kupferstichzimmer sind gestochcne win- 
zige Landschaften in Rähmchen an der 
Wand befestigt; sie wurden wahrscheinlich 
aus einem Almanach herausgeschnitten, wie 
die gestochenen Titel- und Notcnblätter, 
die im Musikzimrner die Wand bedecken. 
Besondere Beachtung verdienen das rei- 
zende Baumkabinett im Parterre und der 
Weinkeller auf dem Dachboden, der ein 
Meisterstück illusionistischer Darstellungs- 
kunst ist. Auf einem scheinbar mit zwei 
Nägeln an die Wand gehefteten Zettel 
Endet sich hier folgende Inschrift: Heda wer 
w! nirbt l [artig sein bgfn f Grhgerl Bier und f 
Glarcrl Wein f jolnmn Zugner 799. Derselbe 
Name steht auch auf einer gleich daneben 
angeschlagenen Weinpreistafel, quasi als 
Name des Wirtes. Es besteht kein Zweifel, 
daß wir in dem lustigen Bruder den Schöp- 
fer der illusionistischcn Bemalung vor uns 
haben. Das schon erwähnte Vollendungs- 
datum 75. Oktober 1799 befindet sich an der 
Außenseite auf einem Faßboclen, oberhalb 
des Festungsturmes. Witzmann hat sich 
nach Tischletart an versteckter Stelle ver- 
ewigt, und zwar in dem Hohlraum zwischen 
Dach und Plafond des Landschaftszimmcrs; 
dort steht von ungelenker Hand geschrie- 
ben: Herr Ignaig {Vilqmnnn lmll zu" Ver- 
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