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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 106)

nur um zwei Vorbauten vermehrt. Die 
Portale wurden zu Anbauten, die Apsis 
zum Treppenturm, wie es den Erforder- 
nissen entsprach. Ein eigentümlieher Zug 
ist die leichte Einsehwingung der geraden 
Seiten. Es entstand ein an sich rationaler 
Bau 7 der einzige rein architektonische 
Ühcrraschungseffekt sind die ovalen Salons, 
die man in einem Polygon eigentlich nicht 
vermutet 7 vielleicht mit dem Hinter- 
gedanken, den Bau als „normales" Lust- 
haus zu verwenden, wenn man der Narretei 
überdrüssig vxar, wie es ja ziemlich bald 
geschehen ist. Das Ungewöhnliche liegt in 
der malerischen und plastischen Ausstat- 
tung, und hiefür bedurfte der geschickte 
Theatermaler kaum eines Vorbildes, hier 
konnte er seiner Phantasie freien Lauf 
lassen. Durch den flimmernden Wechsel 
meist ruinenhafter Scheinarchitekturen und 
verschiedenartige tektonische Absurditäten 
verwandelte er den Baukörper in ein 
amorphes Gebilde. Bei den Seheinarchitek- 
turcn mögen Reminiszenzen an behauste 
antike Ruinen mit ihrer oft wunderlichen 
Verbauung mitgespielt haben, bei der Auf- 
einanderhäufung untektonischer Gebilde 
vielleicht eine Erinnerung an ähnliche 
Spielereien Dürcrs 31. Im übrigen mag das 
seltsame Quodlibet wie im Spiel herangereift 
sein, ein Einfall den andern gebärend. 
Eine Beschreibung des Laxenburger Schloß- 
parkes aus dem Jahre 1851 bemerkt bei der 
Erwähnung des verschwundenen Kurio- 
sums, es sei ungewiß, welche Laune ge- 
meint war, da es ja eine böse und eine gute 
gebe 32. Armes, pedantisches 19. jahrhun- 
dert, das nicht mehr raprire von bumeur zu 
unterscheiden verstand. Aber auch ein 
Zeitgenosse, Gaheis, wußte dem Haus der 
Laune keinen rechten Sinn zu geben, wenn 
er es als leorzlixrh-allegoriube Dichtung be- 
zeichnet und von seinen imaginären Be- 
gleitern eine Jinnlirbe Darrlellung der äxter- 
reirbixcben Cbaraklerr, oder da: Bild der Haf- 
lebenr, oder eine SqIyre auf da: menrrhlirhe 
Leben überhaupt nennen läßt. Einzelheiten 
zu deuten, wie es Gaheis versucht hat, 
führt zu nichts, denn sicher liegt der Sinn 
dieses Quodlibets aus Panoptikum, Grusel- 
kabinett, Verkehrter YVelt, Knusperhäus- 
chen und noch anderen, undefinierbaren 
Elementen im Ganzen. Wenn wir eine 
Deutung versuchen wollen, ist es daher am 
besten, zunächst vom Gesamteindruck aus- 
zugehen und dann nach einem Schlüssel, 
irgendeinem sprechenden Symbol, zu 
suchen. Da fällt zunächst der eigentümlich 
wehrhafte Charakter des Gebäudes ins 
Auge, hervorgerufen durch die Hellebar- 
den, Türmchen, Gitter und die sich in 
lustiger Herausforderung im Winde dre- 
henden Ballons und Fähnchen. Anderseits 
rufen die Maßwerkfenster und die Apsis 
die Vorstellung eines verfallenen Sakral- 
baues hervor. Den Schlüssel finden wir, wie 
es sich gehört, beim Eingang: der symbo- 
lische Sinn der links und rechts aufgemalten 
erloschenen Lichter liegt doch wohl auf der 
Hand. Das Haus der Laune war demnach 
ein etwas brüchiger Tempel der Unvernunft 
(däraixon, nicht rtupidilä), gegen den An- 
14 
srurm der Vernunft in Verteidigungsbcrcit- 
schaft versetzt und mithin zu einer schal ks- 
närrischen Trutzburg geworden. Auf geist- 
reiche Art manifestiert sich hier dic da- 
malige Einstellung dcs Wiener Hofes zur 
Aufklärung bzw. zu ihrer österreichischen 
Spielart, dem Joscphinismus. Daß manch 
zynischer oder frivoler Zug, wie dic 
Klosterzellen zwischen Hieroglyphen und 
Bukranien oder der Abbe im Badezimmer, 
das Gegenteil zu besagen scheinen, paßt 
zum Widerspruchsvollen Bild der Epoche 
und zu einer herrschenden Klasse, die von 
den Ideen, die sie bekämpfte, schon infiltriert 
war. Ein Zeitgenosse, Widemann, hat den 
tieferen Sinn des Gebäudes erkannt, ich 
schließe mit seinen Worten, die uns in die 
Gedankenwelt der empfindsamen Zeit füh- 
rcn: 
War dar ganze Gebäude für eine Bedeutung, für 
einen geheinzen Sinn habe? - Ich glaube keinen 
andern, alr den der Name anzeigt  Laune 
irt der Witze: Halbrrhiuerter, und beide rind mit 
der Phanlzrie verwandt. Sie theilen rirh in dar 
holde Gerrhafl, dem Sterblichen rein Darein zu 
Verrrhänen, und die Kuliuen und Szenen, {wi- 
rrhen denen er die lragirrh-komirrhe Farre, 
Leben genannt, aufgufuhren gezwungen irt, mit 
täurehenden Aurrirhlen, rpanirrhen Srblärrern 
und arkadirehen Gefilden zu bemalen. Alag aurh 
immer nirhir dahinter rejn! Sie zaubern in die 
kalte Gegenwart warme Ahnungen, erhähenjrden 
Genuß, und rindfa oft da: Einzige, war den 
Srbaurpieler an die kahlen Bretter ßrrell. Wie 
gliirklirh irt der Menrrh, re lange rie reinen 
Horen Rarenkränge ßerhten; ra lange rie nur 
durrh ihren magirrben Schleier, mit der Regen- 
bagenr Farben bemalt, ihmjeden Gegenrland er- 
rrheinen larrenl 7 Tritt aber die Vernunft 
hinzu, und {errelßt rie den Skhleier um Wahrheit 
zu rurhen, war finde! rie? Dürtere, unbertinlmte 
Gertallen, ewig rrhwankend durrh einen farben- 
laren Aetber; ein verrinnlirhter Nirhlr, derren 
Anrehauen jeder Gefühl errtarren, die l'hränen 
nerriegen, aber aurh die Freude uerrlummen 
maebt. Sie fühlt den Haurh der Apathie, und 
der Älenrehheit rrhänrte Blulhen welken! er Wa 
ßürhtet rie hin, um der Vernirblung {u ent- 
gehen? Inr Reich der Idealimzur - der S peku- 
lation i der Pbanlarie! 
   
ANMERKUNGEN 31. 32 
31 Vgl. D.Frcy, 3.2.0., S. 13. Irn 3. Buch der "Untat- 
Weisung der Messung" bildet Dürer durch Stapelung on 
Dingen vcrschledcnxler Art eine „Victoria" für cmcn 
Baucmschlächter und bin "Gcdichlnlus" Pur einen Trun- 
kenbold und bemcrkl dazu „S Hchs hab ich von Aben- 
lhcuer wegen wolllcn anzeigen". Von früheren Wcrkcn 
Hohmbcrgs wäre 2.11. die Frstdekontion der FlSildC 
von St. Michael vun 1773 zum Vtrgleich heranzuziehen: 
u. a. xäuschxm dort Schcinaxchireknuren Nebengebäude 
vor, die um RauchgL-schirren und gruncn Pyramiden 
äschmückt waren, vgl. Hainiich. a. a. 0., S. B. 
M calis, 21.10., s. 24.
	        

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