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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 106)

verschiedenen Größen und Formen gefaßt: 
814 Rauten, 209 böhmische Granate, 139 
Smaragde, 112 Chrysolithen, 83 Amethyste, 
73 Rubine, 14 spanische Topase und 2 Gra- 
riatschalen 30. Art, Zahl, Gewicht und An- 
ordnung der Steine sind genau angegeben. 
Die 80 Strahlen des „großen Scheinls" sind 
so im Kreise angeordnet, daß abwechselnd 
je zwei kleineren Strahlen je drei größere 
folgen; jeder Strahl ist mit 7 Edelsteinen 
besetzt. 16 Strahlen des „Heil. Geist 
Scheinls" sind mit je 7, die anderen 16 mit 
je 6 „Räutln" geschmückt. Offensichtlich 
machte es Freude, die Werke des Kunst- 
handwerks mit Edelsteinen reichlich zu 
zieren und die Arbeit des Goldschmieds 
und des juweliers zu verbinden. 
Auf einer profilierten Sockelplatte erhebt 
sich der reich getriebene Vierpaßfuß (30x 
23 cm). Die zahlreichen, in Farbe und Größe 
verschiedenen Edelsteine, gliedernd in Ro- 
cailleform angeordnet, stellen Blumen und 
Pflanzen dar. Am Fuße eines Felsenaufbaues 
hingestreckt liegt Petrus, die Hände zur 
Anbetung gefaltet, daneben zwei Schlüssel. 
Johannes, an den Felsen gelehnt, hält das 
oifene Evangelienbuch im Schoß. jakobus 
blickt voll Staunen zum verklärenden Licht 
empor. Auf der Rückseite zieren Ähren- 
bündel, Trauben und Weinlaub als Sym- 
bole der Eucharistie die Wölbung des 
Fußes, eine der Felsliächen trägt die In- 
scl-irift: „transfiguratus cst antc eos Math. 
XVII v. 2." Den Nodus bildet ein Fels- 
stück, von Wolken umhangen, aus denen 
ein Engelskopf herausschaut. Ein darüber 
schwebender Engel hält ein Wolkengebilde, 
auf dem die Füße Christi stehen, dessen 
Leib die Hostie ersetzt. Wolken umwallen 
Lunula und Schaugefäß. Auf der einen 
Seite steht Elias, in faltigem Kleide, den 
Wanderstab in der Linken, das Haupt hoch 
erhoben, auf einer Wolkenbank, aus der ein 
zvreikunger Wagen mit Feuerrädern her- 
ausfahrt 31. Auf der anderen Seite schwebt 
Moses auf einer Wolke. Die Rechte hält 
er auf zwei Gesetzestafeln gestützt, mit der 
Linken verbirgt er sein Antlitz vor dem 
strahlenden Licht. Um den achtzigstrahli- 
gen Brillantenkranz des leicht ovalen H0- 
stienbehälters sind vier kleine Engelsköpfe 
gruppiert. Auf jeder Seite neigt ein auf 
Wolken kniender Engel in voller Gestalt 
anbetend sein Haupt, der eine die Hände 
gefaltet, der andere über der Brust gekreuzt. 
Über dem „großen Scheinl" schwebt in 
einem Strahlenkranz der Heilige Geist in 
Gestalt einer Taube. Darüber legt Gott 
Vater in wallendem Gewand seine rechte 
Hand beherrschend auf die Weltkugel (mit 
Brillantenreif), die von einem Engel ge- 
tragen wird; die Linkc streckt er in der 
Geste der Verkündigung aus. Ein mit 
Rubinen besetztes Kreuz überragt den Auf- 
bau, der sich vor einem Strahlenkranz 
erhebt. Nur die Lunula, der mondsichel- 
förmige Hostienhalter im Schaugefäß, ist 
nicht, wie in der Spezifikation angegeben, 
mit Brillanten, sondern mit (böhmischen) 
Rubinen dicht besetzt. Außerdem trägt sie 
gut erkennbar die Jahreszahl 1756 und eine 
Punze der Prager Altstadt (Stadtmauer mit 
20 
drei Türmen) 32. Die Erklärung dafür Hndet 
sich in der Eintragung des Sonntagberger 
Memorabilienbuches, daß eine Gräfin Wrbna 
aus Prag eine mit böhmischen Rubinen be- 
setzte Lunula und einen Kelch auf den 
Sonntagberg geopfert habe 33. Die ur- 
sprüngliche Lunula der Sonntagberger 
Monstranz wurde also durch die geopferte 
ersetzt. 
Die Monstranz ist fast 75 cm hoch und 
wird gegenwärtig im Stifte Seitenstetten 
aufbewahrt. Ihre Entstehungszeit ist durch 
die Verträge und das Wiener Beschau- 
zeichen (1762) eindeutig festgelegt. Sie trägt 
auch mehrmals den Repunzierungsstempel 
1806f7 (IZA) und den Befreiungsstempel 
1809[lO. Durch schriftliche Belege und 
durch die Meistermarke IWR an sechs ver- 
schiedenen Stellen, und zwar an wichtigen 
Einzelteilen dcs Kultgerätes, ist klar er- 
wiesen, daß Joseph Wilhelm Riedl die 
Goldschmiedearbeiten ausgeführt hat und 
somit als der eigentliche Meister der Sonn- 
tagberger Monstranz bezeichnet werden 
kann. Die Fassung der Edelsteine stammt 
laut Vertrag von Franz Kick. 
Diese Monstranz, das liturgische Gerät zur 
repräsentativen Darstellung und Anbetung 
des eucharistischen Gottes, ist durch ihre 
ideelle Aussage eindeutig für den Sonntag- 
berg bestimmt. Die Wallfahrtskirche auf 
dem Sonntagberg ist ein Dreifaltigkeits- 
heiligtum, das in alten Schriften vielfach 
„auf dem heiligen Berg"34 genannt wird. 
Auf den Höhen eines heiligen Berges, des 
Berges Tabor, zeigte sich Christus seinen 
Jiingern im Lichtglanz der Verklärung. Die 
Monstranz bringt die geistige Verbindung 
des Dreifaltigkcitsgeheimnisses mit der Ver- 
klärung Christi sichtbar zum Ausdruck. 
Was der Künstler dargestellt hat, entspricht 
ganz der Schilderung von der Verklärung 
jesu, wie sie der Apostel-Zeuge Petrus und 
Matthäus im Evangelium gegeben haben 35. 
Die Komposition der Monstranz ist nur 
vollkommen, wenn der Sohn Gottes in der 
Eucharistie gegenwärtig ist. Christus im 
Zentrum bildet einerseits wesenhaft mit 
Gottvater und dem Heiligen Geist die Drei- 
faltigkeit (Verbindung nach oben) und ist 
anderseits verklärt vor Moses, Elias und 
den drei Aposteln (Verbindung nach unten). 
Inhalt und Aufbau dieses Sakralgerätes 
zeigen deutlich, wie sehr der barocke 
Mensch die Mysterien des christlichen Glau- 
bens in einem fast überraschenden Realis- 
mus bettachtete und mit seinen künstleri- 
schen Schöpfungen verband 36. Es ist also 
aus der Zusammenarbeit zweier Künstler 
ein Meisterwerk der Wiener Goldschmiede- 
kunst entstanden, das durch seine reife 
Konzeption, seinen harmonischen Aufbau, 
seinen malerischen Charakter und seinen 
materiellen Wert Beachtung uncl Anerken- 
nung verdient 37. 
Wenn auch grundsätzlich für diesen Mon- 
stranzentypus Vorbilder vorhanden sind 33, 
konnte doch der spezielle Entwurf, der von 
der Ausführung leicht abweicht, bisher 
keinem bestimmten Autor zugeschrieben 
werden J". 
Auch nach Vollendung der Sonntagberger 
ANMERKUNGEN 30-44 
3" SIAS. 46 B. Spcziliknzimi denen steincrn, welche sich 
auf 110! osscn MODSIISDZCH auf den GDBCICHOKIh Sonmg 
Bcrg bchnclcn und waß sie an Gewicht haben, wclchc ich 
Endis unterschrieben darauf gehst hab." 
H 4. Buch der Königr: 2. 11712. __ 
31 Viktnr lknilzncr, AlK-WiCn-Lexikon für Osterrcichischc 
und Süddeutsche Kunst und Kunstgcwcrbc, 3. Bd., Edel- 
mclallc und dcrcn Punzcn. Wien 1952, S. 289. 
33 Franz Übtrlatkvr. DiC Gtschichtc der Wallfahrt auf dcn 
Sonnmgbcrg, Dm, Wien 1963, ".113. 
34 In monlc sancro. Vgl. 2 Pur . l, 18! ..- . . cum ßscmus 
cum ipso in mome sancio." 
35 Z Petrus, l, 13; Mallh. 17, 179. 
36 Htrmann Fillilz, Das kirchliche Kunstgewerbe der Barock- 
zzit, in: jakob Prandlnucr und sein Kuuslkrtis. Aus- 
slellungskztalog 1960. s. 26a. 
v Die MOHSXTZIIZ ist wiederholt auf Kllnilallßlbllllllgßü ge- 
zeigt wordcn. Siehe etwa: Jakob PKGIIÜXIHICF und scin 
Kunstkreis, Außrullungskamlog 1950, S. 272, Nr, 546. In 
der PfJKIlKiIClIC Maria l-Hih (BH Stty!) befindet sich m: 
freilich kleiner und weniger kostbar ausgeführte K0 i: 
der Sonnlagbvrgcr MOHSHZHZ (Martin Ricsenhuber. i: 
kirchliche Daruckkunsl in Österreich. Linz 1924, 5.178). 
Jß HEKHIEIIH Fillitz. n. a. 0., S. 265. 
1' SzAS, Lade A 7. ME. Einwurf 65 x 46 Cm. 
4" SIAS. CaniinCrcy-Rzipularc d: Anno 1762. S. 32. 
41 SrAS. (hmlTlEfCy-Rüpülarl: ar- Anno 1763164, s. 4a. 
41 StAS. 33 D. Fasz. Coldschmiedrationcs, 6. 5. 1753. 
43 SIAS, 33 l"), Fasz. Goldschmicdraliones. 
44 SKAS, 33 l), Fnsz. Guldsclamiedrakinxzes, 23. 5. 1765. 

	        

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