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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 106)

Wiener Künstler in Prag 
Die Szene ist im Sommerschloß Belvedere, 
einem der reprasentativsten und schensten 
Gebaude der Prager Nationalgalerie. Die 
Architektur ist einfach, ein italienischer Fri.ih- 
rerraissancebau mit Sauienurngang und Alta- 
nen, den krartige Anmut kennzeichnet. Ein 
ausgedehnter Garten umgibt sie. Der Bau ist 
Jahrhunderte alt Kaiser Ferdinand hat einst 
das Schloßchen, das sich auf einem Hugel 
gegenüber dem Hradschin erhebt, fur seine 
Gemahlin errichten lassen. Die Klarheit der 
Proportionen macht es auch als Schauraum 
lur moderne Kunst wohlgeergnet. 
wahrend des diesiahrigen l-reger Fruhlirlgs 
sah man dort 45 Plastiken und 40 Zeichnungen 
Fritz Wotrubas (Abb. rs, 19). Das Arrange- 
ment war ubersichtlich und schon, der Besuch 
rege und auch das offizielle Interesse groß. 
Jiri Kolallk, der Direktor der Prager Galerie. 
hatte gute Arbeit geleistet. Neben einem zahl- 
reichen erwachsenen Publikum kamen auch 
ganze schuikiassen unter der Fuhrung ihrer 
Lehrer. 
Die Werkauswahl Wotrubas begann mit dem 
Jungllngsiorso von 1930, der bereits das 
Entzucken von Arrstide Maillul erregte. Auf 
das ungemein lebensvolle bronzene Portrat 
der Mutter von 193a folgte jene noch immer 
realistische „Stehende Figur' von 1946, die 
der Kunstler aus dem Erleben der zerstorten 
Stadt und der Icrstorten Kathedrale schuf. 
Aus dem gleichen Jahr stammt ein antikisch- 
ernlacher Frauerrkopt. oie fruhe kubistlscne 
Phase wurde unter anderem durch die wie 
von Zyklopetthand hrngelageltc „Große tiee 
gende" (1551) dokumentiert. Der rohrenhalte 
„Torstf von 1553154 hat eine feine Lebendige 
lteii 
ln den spaicren iiinrziger und fruhen sech- 
ziger Jahren ist die Figur als saule, als Stele 
Vvoirubas bevorzugtes Thema. Fest abgesetzte 
kantige formen konnen den ruhenden Korper 
zu einer Landschaft machen, in der Exaktheit, 
in der Ordnung und Bau ist. Der „Hockende", 
den eine Gebarde kennzeichnet, welche den 
Menschen als ein Gefangnis seiner selbst er- 
scheinen lalst, kehrt wieder Sturmischere, 
dramatischere Zwischenspiele iaigen, und 
schließlich schreitet die Entwicklung zu ienen 
polyphonen, zuchtvoll sich erhebenden oder 
maiestatrsch aulrauschendcn architektonischen 
Gebilden fort, die Wotrubas Schaffen heute 
ausmachen. 
Dies ist ein eindrucksvolles, geschlossenes 
Werk Es ist eigensinnig. Es hat Logik. Es ist 
sprode und elnnehmend zugleich Es besitzt 
eine eigene Anrnur, Die Ausstellung irri Prager 
Sommerschloß Belvedere laßt etwas von der 
Faszination verstehen, die Wotrubas Werk seit 
langem aui der europaischerr Kunstszene aus- 
ubt. 
In die Stzidtlsche Galerie in Frag ist Carl Unger, 
Praiesser an der Wiener Akademie fur ange- 
wandte Kunst, rriit einer Schau (Abb. 20, 21) 
eingezageii, welche bereits in Mahnsch- 
Ostrau und Ulmutz zu sehen war 77 olbilder. 
Zeichnungen und Aquarelle geben einen Uber- 
blick uber die Entwicklung des Kunstlers von 
der fruhen Nachkriegszeit bis zum Jahre 1967. 
Es ist die erste Gesamtschau Ungers, der einer 
der Begrunder des ArtaClubs und der abstrak- 
ten Malerei in Osterreich war, uberhaupt. Carl 
Unger war ein Schiller von Boeckl Ein kolori- 
stischer Expressionismus ist demgemaß Aus- 
gangspunkt seiner malerischen Entwicklung 
geworden. Das Interesse an der Tektonik der 
Landschaft kam in den Bildern etwa um 1947 
hinzu. Aul die so eingeleitete konstruktivisti- 
sche Periode folgten die kublstische Zeit (seit 
1951i und die tachistische Phese (seit 1957). 
Die rein geometrische Abstraktion mit Qua- 
draten. Rechtecken, Kreisen wird durch Werke 
aus dem Jahre 1955 dokumentiert. Sie lSl 
bei Carl Unger selten. Immer geht er von 
einem Natureindruck aus. Zum Thema der 
Landschaft kommt (meist in sehr vteitgehen- 
der Abstrahiertlng) das Thema der Badenden 
am Strand, die Küste, der Hafen, der Flug. 
Es gibt leichte, duiiige Bilder bei uriger, durch 
deren tlachige Elemente gleichsam der Wind 
weht. Und es gibt brutende, lastende, schwere, 
robuste, vitale. Die harte Analyse wird zu- 
weilen ierlassen. Ein Stuck Landschaft oder 
auch ein Donaukraltwerk, ein Galopprennplatz 
Lind nicht zuletzt auch die menschliche Figur 
konnen dann Wieder auf unmittelbarere Weise 
erscheinen. Mit weit ausholenden starken 
Pinselhieben stellt Carl Unger urzeitliche 
Szenerie dar; auf eine feine, lyrische Weise 
wird das Thema ..Musik im Garten" behandelt 
lrn ganzen gesehen ist uriger kein tragischer 
Maler, viel eher einer des Gleichgewichts und 
des Glucks 
Johann Muschik 
100 Jahre Gewerbemuseum 
Nürnberg a Wiedereröffnung 
Das Gewerbemuseum der Bayerischen Landes- 
gewerbeanslalt begeht in diesem Jahre den 
hundertsten Jahrestag seiner Grundtrrig. 
Ghichzeltlg konnte die Sammlung nach iahre- 
langer oenenierung wieder in grollerem urrie 
fang der Ollentiicnkeit zugänglich gemacht 
werden. 
Sie ist im Haupigebaude der Landesgewerbe- 
anstalt ausgestellt und zeigt wesentliche Teile 
der wertvollen Glass und Keramikbestande, 
außerdem Mobel. Gegenstände aus Zinn, 
Silber, Bronze, Email und Elfenbein sowie 
Bestecke, Uhren und Schmuck, 
52 
 
BILDTEXTE 18-22 
18 
19 
20 
21 
Fritz Wotruba, Torso, 193D. Marmor. 
H. 155 cm 
Fritz Wotruba, Kauernder, 1951. Bronze, 
H. 25 cm 
Carl Unger, Großer Badestrand, 1953, 
OllLwda 180X 242 cm 
Carl Unger. Sommer am Fluß l, 1556. 
Z2 
Z2 
OllLwd, 91X12D ein (Abb. 19-21 aus 
der Ausstellung der Wiener Kunsiier an- 
laßlich des ..Frager Fruhlings" in Prag) 
Bernhard Grisel, Electus Pecturaris, 196a, 
TuschsFeder, 46,7x37.7 ein (üus der 
Ausstellung des Künstlers irri Osterrei- 
chischen Kulturinstitut in Rom) 
Bernhard Grisel - 
Secessionist in Rom 
Seit zwei Jahren lebt der österreichischi 
Bernhard Grisel in Rom und kann bereit 
zu den interessantesten Erscheinung 
Kunstlebens der Ewigen Stadt ge 
werden. Diesem Umstand kommt aui 
gegen, daß Grisel das halt, was man In 
schen Fachkreisen von einem osterrelcl 
Kunstler erwartet, naniiicn die Begri 
seines eigenen Werkes auf die letzte 
ergenstandrge und zielweisendc Strlri 
die von Gustav klimt ihren Ausgang r 
men hat. 
Grisel kam 1967 anlaßlich einer Auss 
zu der ihn die wohlrenommierte Galerii 
di Cavallo" eingeladen hatte, naci 
Mit dieser Ausstellung machte er sul 
Kunsttritik der italienischen Hauptsti 
sich aufmerksam In der Tageszeitung. 
wurde VDI allem auf das prazise grai 
Gefuhl des Kunstlers hingewiesen u 
Grisel von der „Art Nouveau" ausgeht, 
allein in der strengeren Auffassun 
Gustav Klimt und der „Wiener secessit 
standen werden rnuß Aber auch sein 
einaridersetzung niit den gegenwartige 
denzen, etwa der eines Fiov Lichterrstern 
klar erkannt „Mit der ihnri eigenen ze 
schert FElnhClt uberwindet er die aggl 
Botschaften der PopaArt". Loreriza 
nannte damals im „Momento Sera" 
einen außergewohnlichen Virtuosen dt 
gen Tuschzeichriung, der mit der Feder 
eleganten weiblichen Figuren Leben i 
und wies auf eine gewisse Aiiin 
Beardsley und Weselmann hin 
Grisel, dem lur 196Sf69 vom Buridesr 
riurn fur unierrichi ein Flomstipendii 
erkannt worden ist, stellte kürzlich 
gebnisse dieser Zeit in der Galerie de: 
reichischeri Kulturinstituts nein aus (Ai 
Wenn anfangs noch ein Konnex i 
"Wiener Schule" festgestellt werden 
so hat er sich von der lrrealitat der Tra 
volllg gelost und zu einem lyrischen esse 
Realismus getunden 
Arturo Bcvi stellt aniaßlitsh dieser Aus- 
im _Messagero" wohl auch fest, d 
Ursprunge Grisels in der „Wiener Sec 
zu finden seien. Aber die Verbindu 
Krimi ist von einigen wesentlichen A 
her gesehen verschieden. 
In den Werken Klimts erkennt Bovi der 
misrnus Boschs ebenso wie die Melr 
des Syrnbolisrnus irn ausgehenden lE 
hundert In den Bildvorstellungerr 
apres natura hat die lmaginatlon, die t 
lichung einer Idee wie in dem Trii 
"La Enigmatitzi" (nie Rätselhafte) 
einzelnen Varianten ihren Ausdruck. 
Fur BOVI spricht aus Grisels Bildern au 
Ironie, die oft dem osterreichischen Tt 
ment kongenial ist, und er erkennt ii 
eine Lebensfreude, die an die areh 
jcinischen Zeichnungen erinnert. 
Damit hat dieser romlsche Kunstkrriiki 
der wesentlichsten Merkmale von 
graphischer Arbeit getroffen, namlr 
Überwindung der Existenzarigst, der I 
dieslscher Verspleltheit ein rialurlichi 
heitsbegriii entegegengesetzt wird. 
ein 
Wal 
Ausstellungskalender 
ALBERTINA 
Bis 29 Sebtember1569: 
200 Jahre Albertina, Herzog Albi 
Sachsen-Taschen und seine Kunstsa 
7. Oktober blS 30. November 1969. 
Herbert Boeckl, Aquarelle und Zeich 
20. November bis 20. Dezember 156 
Clemens Holzmeisier, Brasilianische A 
turen 
4. Dezember 1969 bis Februar 1970: 
Die Kunst der Graphik Vl., Flembrand 
GALERIE WELZ, SALZBURG 
2. Juli bis 20 Jull1959I 
oita DIX, Zeichnungen und Graahik 
Z4. Juli bis 7. September 1965: 
Alfred Hrdlicka, Zeichnungen. Grapl 
Klelnplastik 
Im Souterrain: Defner-Kodre, Moderi 
Schmuck 
10. September bis 5. Oktober 1969: 
Glselben Hoke, Gemalde und Zercl 
7. Oktober bis 2. November 1969: 
Reiner Schiestl, Aquarelle und Graph 
5. November bis 30. November l969 
Norbert Drekel, Aquarelle und Granhi 
2. Dezember bis 31. Dezember 1969: 
Weihnachtsausstellung 
STAATLICHE KUNSTSAMMLUNGEB 
DRESDEN 
Anfang August 196a (standiq): 
Alberririum (skulbttrensamirilurtg) -i 
ebteilung 
Anleng August bis Ende Oktober iee 
Kupferstichkabirictt: 
Freier Bruegel (zum 400. Todestag) 
Bis Oktober 1959: 
Plllnitz - Bergpalais 
Kunst des 18. Jahrhunderts 
Malerei und Grafik 
Albertinum. 
15 September bis Januar 1970 
RembrandtsRadierungen (zuin 300, Ti 
21. September bis Januar 19701 
Albertinum: 
20 Jahre ori-iiik der DDR 
2B. September 1969 bis auf weiteres 
Albertinum: 
Eroffnung einer 
Gemäldegalerie 
Neue Meister. Bildnerisches Volkssch 
standigen Abteili.
	        

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