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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 114)

genannt (s. Lit. 20), in welchem Jahr, nach den 
Datierungen zu schließen, die drei anderen 
Meister (Giese 1760, Hamer 1762, Keppelman 
1764) ihre Tätigkeit bereits eingestellt hatten. 
Es ist wohl anzunehmen, daß Becker mit 
Lohman deren Betriebe und auch Prägestödte 
übernahm und später, wenn diese bereits aus- 
gedruckt waren, durch neue ersetzte. So gibt es 
auch Dosen, deren Dedtel und Boden seine und 
Gieses, wie aud-i seine und Lohmans Signatur 
tragen. Beckers Datierungen beginnen erst 1770 
und enden 1777. Doch noch 1786 heißt es in 
der Gothaisdien Handlungszeitung und gleich- 
lautend im Westfälischen Magazin: 
,Di.e Dosenfabrilt war am stärksten im sieben- 
jährigen Krieg im Gange. Vornehmlich wurden viel 
messingene, geprägte und ausgestochene Dosen 
fabriciret. Sie hat zwar jetzt noch geschickte Meister, 
aber ihr Debit ist nicht mehr so groß, wie vormahls. 
Jedoch wird noch eine ziemlich starke Anzahl an 
kleinen Dosen, weld-ie man hier Tünteldosen zu 
nennen pfleget, jährlich verfertiget" (s. Lit. 20). 
Am 23. November 17987 sudite Bedter um 
Aufnahme in die Drahtziehergilde an und 
wird 1810 nodi als Gildecamerarius genannt 
(s. Lit. 20). 1802 hatte er mit seinem Sohne die 
beste Fabrik. Die Fabrikation bestand damals 
aus sieben Werkstätten und drei Meistern, vier 
Gesellen und einem Lehrling, welche messingene 
Rauch- und Schnupftabakdosen sowie unter 
anderem Tünteldosen herstellten (s. Lit. 20). 
Noch im Jahr 1779 wollte der limburgisdw 
Fabrikant Conrad Hengstenberg in Iserlohn 
eine Rauchtabaksdosenfabrik anlegen (s. Lit. 
20), dod-i ist keine signierte Dose von ihm be- 
kannt, Bedter und Lohman verhinderten wohl 
die Gründung, denn die Mode und der Absatz 
der Dosen waren im Abflauen. 
Doch auch in dem 50 km von Iserlohn entfern- 
ten Elberfeld gab es eine Fabrik, von der aber 
bloß eine einzige geprägte Dose vom Iserlohner 
Typ mit der DarstellungFriedridis und PRINTZ 
FERDINANDS SIEG BEI MINDEN bekannt 
ist. Sie ist beiderseitig signiert: H 8c WID öeH 
fecit ELBERFELD 1759 (Abb. 29 und 29a). 
Aus den Notizen von 20 Jahren konnte, nadi 
Meistern geordnet, eine kleine Aufstellung der 
Prägungen zusammengestellt werden, weld1e 
noch zu ergänzen sein wird '. Meist haben die 
Darstellungen Querformat, nur wenige weisen 
Hochformat auf. Die obligaten Insdiriften be- 
ziehen sich auf die Darstellungen. Viele Dosen 
haben noch Sprüdie, Devisen, Zitate 1" und 
Gedidite, meist in lateinisdien Blodtbuchstaben 
mit Apotheosen bombastiseh-naiven Inhalts. 
Drei Dosen (G 3, G 11 und H8) weisen die 
seinerzeit so beliebten Chronogramme auf, zum 
Beispiel: 
FRIDERICVS BORVSSORVM REX VENIT 
ID ICV V VM X V I 
501 106 5 1005 10 5 1 
VICIT FVGAVIT HOSTES PATRIAE SVAE 
VICI V VI I V 
107 5 6 1 5 s 1757 
Sprachlich sind in der Aufstellung 30 Dosen 
deutsch, 16 holländisch, sedis latein, vier latein- 
deutsch, neun latein-holländisdi, zwei latein- 
englisch und fünf deutsch-holländisch beschrif- 
tet. 
Die meisten Darstellungen auf den Dosen zei- 
gen Begebenheiten aus dem Siebenjährigen 
Krieg und geben Aufschlüsse über die Formie- 
28 
rung der damaligen Heere, der Infanterietaktik 
und der Bewaffnung oder Apotheosen auf 
Friedrich d. Gr., der in Ganz- oder Halbfigur, 
als Kniestüdt, Brustbild oder in einem Medail- 
lon dargestellt wird (G 1, 3, 11, H 3, 6, 7, K 1, 
10, 12). Außer ihm sind noch abgebildet sein 
Bruder Prinz Friedrich Heinrich (G11, K 12), 
Herzog Ferdinand von Braunschweig (G 2), der 
Prinz von Soubise (K 2), Kaiser Franz I. und 
seine Gemahlin Maria Theresia (G 10, H 9, 
B 1a), deren Feldherren Daun und Laudon 
(G 2) 11 und die Könige von England Georg II. 
und III. (H 3a), die ja audi Großherzöge von 
Braunschweig waren. Andere Darstellungen 
sind der Friede von Fontainebleau (1762) 
(H 8), der Friede von Hubertusburg 1763 
(K3)11, der Friede von Focxani 1774 (B 1) 
und der Friede zwischen Rußland, Preußen und 
Schweden 1762 (H 4). Weiters kommen vor die 
Städte Hamburg (G 9), Amsterdam (G 9, G 9a), 
Rotterdam (K 14, H 9a), Breslau (G 15), Lissa- 
bon (H 5, K 1) und Prag (G 10), ferner reli- 
giöse und biblische Themen, Hirschjagd und 
Sauhatz. Sonderbarerweise ist bisher noch keine 
Darstellung von Iserlohn noch aus dem Berg- 
werksleben bekannt geworden. 
Den Hinweis auf die Verwendung als Raudi- 
tabaksdosen bezeugen uns die Verse am Boden 
einer Dose, auf deren Deckel (Abb. 3) pfeifen- 
raudaende Kavaliere in Damengesellschaft gra- 
viert sind, sie lauten: 
Unter denen seltenen Wuaren 
Die man uns in vielen [ehren 
Hat aus Indien gebracht 
Wird Tobark bey jung und Alten 
fernerhin den Preiß behalten 
Weil er frohe Geister mudrt 
Unter den für den Export nach Holland be- 
stimmten Dosen zeigt uns die, deren Dar- 
stellung die Macht verherrlidit (G 7, H 9, K 7 
und B 3), neben den vier Erdteilen die Wappen 
der sieben holländischen Provinzen und an 
einem Tisch drei pfeifenraudiende Kaufleute. 
Die darunter gesetzten holländischen Verse 
lauten wörtlich übersetzt: 
Id1 fahre gleich einem Helden nadi fern gelegenen 
Küsten 
Was hat man nidit dies Geld, viel lieber sollt idi 
rasten 
und bleiben in diesem Land und haben meine Ruhe 
und trinken ein Glas Wein und rauchen eine Pfeife 
Tabak. 
Und eine Dose von Bedter (B 8) (Abb. 28) zeigt 
am Deckel und Boden rauchende Kavaliere und 
Kaufleute und darunter beiderseits den Spruch: 
TOBACK DU EDELES KRAUT WIR PREISEN 
DEINE TUGEND 
DU BIST DER ALTEN LUST UND DAS 
CONTECT DER IUGEND 
WER DICH MIT MASSEN BRAUCHT ALS EIN 
GESCHENK VON OBEN 
UND EIN PAAR PFEIFFEN RAUCHT DER 
WIRD DICH MÜSSEN LOBEN. 
Die Iserlohner Dosen sind fast alle signiert, die 
meisten, auf welchen Zeitereignisse dargestellt 
sind, audi datiert. Entsprechend dem Raum auf 
dem Bildfeld sind die Namen oft willkürlich 
gekürzt oder monogrammiert, mit oder ohne 
Vornamen und Ortsbezeichnung. Bei Giese, 
Hamer und Becker ist diese mit Iserlohn an- 
gegeben und bei Keppelman wohl anzunehmen. 
Die in der Vorliteratur (s. Lit. 2, 3, 10 t 
angeführte und fälsdwlidi weiter "berno 
angebliche Signatur „SECUER" dürfte e 
stümmelt entstelltes, daher verlesenes BE 
bedeuten. Bei Bedter 3 und 6 lernen 
den vier Erdteilen eine bisher unbekanr 
einmalige Signatur H. C. LOHMAN l 
 
 
LITERATURNACHWEIS 
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