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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 114)

'ogel 
ILIEN IN DEN 
HOLZSCHNITTEN 
.INDE WABER 
Vielleicht würden wir es anders erwarten, tropisch 
üppiger, farbensprühender und greller, das Bild von 
Brasilien; doch die Künstlerin zeigt uns ein Brasilien 
vor dem ewig wuchernden Grün der Urwälder, ein 
Brasilien unendlich langer Küsten und vor allem ein 
Brasilien der gewaltigen Spannungen von Luxus und 
Armut, von barocker Kultur und elenden Slums, von 
westlicher Zivilisation und den immer wollenden, 
bedrohenden Mächten der Natur. Vielleicht bringt 
die Künstlerin vieles von der Tanigkeit der Farben 
schon mit, ist uns manches zum Teil von ihren Holz- 
schnitten nach Motiven aus ihrer niederösterreichi- 
sdien Heimat schon vertraut, und doch will es uns 
scheinen, als würden in den zehn großen Farb- 
holzschnitten, die Linde Waber als Niederschlag 
einer Reise durch Brasilien im vorigen Winter schuf, 
neue Wertigkeiten auftauchen. 
Wir wissen: Der Holzschnitt bedingt eine harte, 
zuchtvalle Arbeit und neigt, schon vorn Material 
her, eher zu einer herben, strengen Linienführung 
denn zu weichen, fließenden Komponenten. Trotz- 
dem sind die Werke dieser Künstlerin - wie wir 
schon in einem Vorwort eines Kataloges zu einer 
Ausstellung ihrer Holzschnitte feststellten - von 
überraschend malerischen Modulationen geprägt. 
Wir führten letztere einerseits auf die frauliche 
sich Ungeordnetes breitet, ebenso wie hinter der 
Horizontlinie. Selbst in dem Blau des Himmels oder 
des Meeres ist keine Eindeutigkeit, eine Spur zieht 
ins Ungewisse. Ähnlich verhält es sich bei dem Bild 
von Rio de Janeiro, nur daß hier der Atem des 
Meeres alles blau überhaucht. Der mit Elend wie 
mit Krätze überzogene „Leidende Berg" bringt 
ein verwandtes Motiv wie das zweite Blatt. Bewegter 
kurven sich die Konturen, in schroffen Einschnitten, 
zernagt, zersägt ist das Massiv. 
Bei den Bildern „Sao Paula", „Churasco" und „Sal- 
vador de Bahia" sind wieder Architekturen in ver- 
schiedenen Abstufungen die wesentlichen Bild- 
inhalte, und wieder sind sie Ausdrucksmittel und 
Träger der sozialen Gegensätze. „Sao Paulo" im 
brennenden Rot, mit den getürmten Hochhäusern, 
„Churasco" mit den winkeligen Gassen im Vorder- 
grund und ebenso „Salvador de Bahia", nur daß 
bei letzterem nicht die steinernen Wohntürme hinter 
den verfallenden Elendsvierteln aufragen, sondern 
die Türme des alten Domes, zu dem die elenden 
Gestalten der ausgepawerten Massen auf der ge- 
wundenen Straße in feierlicher Prozession einmal 
im Jahr hochpilgern. 
In den beiden sehr schmalen, im Breitformat gehal- 
tenen Blättern „Die Geschichte um Brasilia" und 
 
Naher, Brasilianische Tragödie, 1969. Farbholx- 
Komponente der Künstlerin, andererseits auf ihre 
technische Versiertheit zurück. Das technische Rüst- 
zeug erarbeitete sie sich in der Meisterschule bei 
Prot. Christian Ludwig Martin und Prof. Max Mel- 
cher an der Akademie in Wien. Besonders der 
technischen Anleitung Max Melchers verdankt Linde 
Waber, wie manch anderer iunger Druckgraphiker, 
besonders viel. 
Was uns bei den Blättern aus Brasilien nun beson- 
ders auffällt, ist die Bedrängnis, das Überhand- 
nehmen des Ungewissen, des bedrohlich Chaoti- 
schen. Sicher, bei dem ersten Blatt, das den Titel 
„Ohne Brücke" trägt, ist das nur gleichsam am 
Rande und aus dem Unterbewußtsein zu spüren. 
Und doch, auch hier beginnt schon das Feste, die 
wunderbare alte Barockarchitektur im rechten Stadt- 
viertel, zu wanken. Die Wasser des Meeresarmes 
trennen diese Stadt von der anderen drüben, wo 
die elenden Hütten und Notquartiere der „Teutel" 
sind. Noch ist alles hier, doch schon geht der Riß 
quer durch. Telegraphendrühte gehen andeutungs- 
weise über das Bild hinaus. Wohin? 
Sicher, das sind kompositorische Elemente, und doch 
ist es auch mehr. 
Bei „Las Favellas", einem Bild mit starkem Dia- 
gonalautbau, tritt die Fragwürdigkeit dieser Er- 
scheinungswelt schon deutlich hervor. Im Zentrum, 
an einem Hang, befindet sich die Bretterbudenstadt 
der Armen, im Hintergrund, rechts darüber, ahnt 
man die Hochhäuser der City, und vorne, die ganze 
Fläche querend, liegt ein kahler Tierschädel,var dem 
„Brasilianische Tragödie" wird gewissermaßen das 
ganze Erlebnis Brasilien zusammengefaßt. Beide 
Blätter zeigen andeutungsweise die zwei großen 
Figuren, die in der Stadt Brasilia aufgestellt sind, 
die Kirche und andere charakteristische Gebäude, 
das Grün der Urwälder, das Ocker der Wüsteneien 
breitet sich aus, und während die Bewegung im 
Bild bei der „Geschichte um Brasilia" zu den Blatt- 
röndern und über sie hinausdrängt, anscheinend 
ohne Ende, schiebt sie sich gewissermaßen bei der 
„Tragödie" im linken Drittel zusammen. Bei beiden 
ist das eingangs erwähnte Ungewisse, Unfaßbare 
dominierend geworden: die longgezogenen, wie 
tadig gewischten Partien, die, einem Sandsturm 
ähnlich, um die Hauptstadt des Landes ebenso wie 
um das chaotisch Zusammengepreßte der „Tragödie" 
sind. Auf letzterer Darstellung vereinigen sich die 
verschiedenen Eindrücke: Die Wolkenkratzer links 
und die charakteristischen Obiekte der Hauptstadt 
rechts, dazwischen, in einem magisch hellen Streifen, 
werden die alten, wankenden Bauwerke der Kolo- 
nisationszeit zerquetscht. Dunkel herrscht da und 
dort, Risse tun sich auf, spitz und eckig greifen die 
Konturen in das ungewiß Weiche der über dem 
Horizont schwebenden Helle. 
Wenn wir diesen Zyklus mit Linde Wabers früheren 
Arbeiten vergleichen, will es uns scheinen, daß sie 
sich einer dynamischeren Arbeitsweise nähert und 
doß sie die Bezugspunkte immer öfters über die 
Blattränder hinausschiebt, womit auch das nicht 
Gezeigte in das Bildgeschehen einbegriften wird. 
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