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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXV (1980 / Heft 172 und 173)

iaissanceformen, die den österreichischen Er- 
gnissen einen bestimmten Charakter, einen ei- 
en Stil, eine iinationale Geschmacksrichtungll 
ren. Dies war ein Grund mehr für Julius Les- 
g, den Direktor des Berliner Kunstgewerbemu- 
ms, über die österreichischen Exponate fol- 
ides zu schreiben: iilm Jahre 1867 war von einer 
etlichen Mitbewerbung um eine Großmacht- 
llung im Kunsthandwerk, von einer wirklich ge- 
rdrohenden Konkurrenz für das herrschende 
nkreich noch nicht die Rede. Das hat sich seit 
l-VGFÜDSSGHQD Jahren gewaltig geändert. Das 
erreichische Kunstgewerbe hat sich auf vielen 
wichtigsten Gebieten von dem französischen 
fluß so gut wie völlig frei gemacht, und es ver- 
ikt diesen Zustand nicht zufälligen Umständen, 
idern einem bewußten planmäßigen und allsei- 
in Vorgehen, dessen Früchte nicht mehr als 
jliche Produkte einer künstlerischen Züchtung 
usehen sind, sondern sich als bereits völlig 
wachsen mit der gesamten Gewerbetätigkeit 
. Landes erweisen. Die Bewegung in Österreich 
einheitlich und systemathisch von dem Öster- 
zhischen Museum geleitet, das sich das eigent- 
ie und hauptsächliche Verdienst um die Her- 
llung des jetzigen Standes des österreichi- 
ien Kunstgewerbes erworben hat." 
Jolf von Eitelberger und das "Österreichische 
seum für Kunst und Industrien 
i Bedeutung des Österreichischen Museums 
ßte man nicht erst nach diesen Erfolgen richtig 
zuschätzen. Von allem Anfang an stand Eitel- 
gers Gründung im Mittelpunkt des allgemeinen 
aresses, war doch die gewerbliche und indu- 
elle Situation in allen mitteleuropäischen Län- 
n die gleiche. Und so waren Wiens erstes Mu- 
im und seine Schule das Vorbild, das bald in 
'lin, Köln, Nürnberg, Hamburg und Dresden, 
zr auch in den österreichischen Kronländern, in 
ig, Brünn, Reichenberg, Lemberg, Olmütz und 
dapest nachgeahmt wurde. Neben den Museen 
l Schulen entstanden überall in Europa Vereine 
Förderung des Kunstgewerbes und vermittel- 
Zeitschriften nach dem Vorbild der Wiener 
itteilungen des K.K. Österreichischen Mu- 
imsu die theoretischen Kenntnisse und neuen 
iormideen. Als schließlich Rudolf von Eitelber- 
im Jahre 1885 starb, hatte sich sein in Wien 
jonnenes Werk zu einer europäischen Reform- 
vegung auf breitester Basis entwickelt, die uns 
I heute aus gesehen mit größtem Respekt erfül- 
muß. Seine museal-wissenschaftliche Reform- 
vegung, die in ihrer ersten Phase bis in die 
inziger Jahre reichte, war eine Antwort auf die 
i Menschen bedrohenden Tendenzen des Ma- 
iinzeitalters. Mit Hilfe ihrer Erkenntnisse und 
sichten war es gelungen, die einander aus- 
iließenden Bereiche von Wissenschaft, Tech- 
und Industrie mit der Kunst in eine positive 
bindung, zu einer Synthese zu bringen. Aus der 
tlichen Distanz können wir feststellen, daß die 
seai-wissenschaftliche Reformbewegung eine 
mulstubeu für alle kunstindustrielien Probleme 
Mesen ist, die dann um 1900 zur Werkstätte des 
istlerisch schaffenden Handwerkers und Ge- 
rbetreibenden umgewandelt werden konnte. 
i 35jährige bewußt geplante Erziehungsarbeit 
i Reformtätigkeit des Wiener Museums für 
nst und Industrie hatte für diesen Umwand- 
gsprozeß gründlich Vorarbeit geleistet. Auf 
itester Basis hatte sie technisch und ästhe- 
:h geschulte Kunsthandwerker hervorgebracht, 
sich über dem Kopieren und imitieren von Vor- 
lem zunächst ihrer eigenen Bedeutung bewußt 
Morden waren. Sie hatte mit der Wiederaufnah- 
alter Kunsttechniken ein steril gewordenes 
wsthandwerk bereichert. Sie hatte durch die 
wissensmäßige Rezeption der Vergangenheit in 
Form von wissenschaftlichen Werken die Bedeu- 
tung der Kunstindustrie und des Kunsthandwer- 
kes für den einzelnen und für die Gesamtheit, für 
die Volkswirtschaft und den nationalen Wohl- 
stand in weiteste Kreise der Bevölkerung getragen 
und eine alle Schichten umfassende Kunstge- 
werbliche Bewegung entfacht. Sie hatte schließ- 
lich durch die Einbeziehung der orientalischen 
und ostasiatischen Kunst den engen kontinenta- 
len Horizont erweitert und den Sinn für Qualität 
geschärft. Der von Gottfried Semper aufgezeigte 
Weg der Reflexion und Bildung hatte mit Hilfe der 
musealen Kunstwissenschaft sein Ziel um 1900 
erreicht: die Geburt eines neuen Stiles aus dem 
Schoße der Kunst und von unten her, von den Be- 
dürfnissen des Alltages, von den Gebrauchsfor- 
men und vom Kunsthandwerk her. 
Mögen für Eitelberger und seine Mitstreiter neben 
den wissenschaftlich-pädagogischen Absichten 
vorwiegend auch noch die patriotischen Gefühle 
maßgeblich gewesen sein, so läßt sich aus der Di- 
stanz eines Jahrhunderts sagen, daß ihr Werk und 
 
die von ihnen eingeleitete Reformbewegung zwi- 
schen 1860 und 1895 gleichzeitig auch eine allge- 
mein menschliche und damit kulturelle Bedeu- 
tung hatten: es war der Versuch, eine Humanisie- 
rung der technischen und industriellen Revolution 
mit Hilfe der Kunst zu erreichen und damit einen 
wesentlichen Beitrag zur nlndustriekulturv zu lie- 
fern. 
Zeugnisse einer österreichischen wlndustriekul- 
turt- 
Die Epoche, in der sich das entfaltete, was wir als 
den "Beitrag Österreichs zur lndustriekulturu be- 
zeichnen, die Zeit von 1850 bis 1918, war noch bis 
vor wenigen Jahren ausschließlich negativ be- 
setzt und ein Gegenstand, für den es sich kaum 
lohnte, sich ihm forschend zuzuwenden oder sich 
in ihn gar liebevoll zu versenken. Sie war ein Ge- 
genstand der Verachtung vor allem für alles, was 
mit dem Stilbegriff bHiSIOfiSmUSn bezeichnet, als 
Leistungen kunstindustrieller, kunstgewerblicher 
Produktion überkommen war. Im Hinblick auf ihre 
gesellschaftlichen Verhältnisse und Aspekte galt 
sie als ein Zeitalter trügerischer Sicherheit und 
Selbstsicherheit, dessen bürgerliche Welt im Feu- 
ersturm des ersten Weltkrieges untergegangen 
ist. Das hat sich seither aber gewandelt, und es 
füllt uns mit gewisser Genugtuung, wenn die 
storische, vor allem kunsthistorische Forschu 
und hier wieder die Projekte der Fritz-Thyssen-S 
tung, sich des 19. Jahrhunderts angenommen 
ben, in welchem ja alle Voraussetzungen für 
Gegenwart, für unsere moderne lndustrieges 
schaft des 20. Jahrhunderts veranlagt W0l'l 
sind. in diesen einschlägigen Fachkreisen kan' 
zu einer Rehabilitierung dieser Zeit und da 
auch im Vergleich mit unserer Gegenwart zu ei 
Neubewertung ihrer Leistungen. Und nicht nu 
Österreich bahnt sich eine Entwicklung an, 
diese Zeit und ihre kulturellen Leistungen - es 
ja das Zeitalter Kaiser Franz Josephs l. - 
Grund von Ausstellungen, Publikationen und I 
her wenig beachteten Fakten positiver sei 
muß, als dies bisher aus vielfach ideologiscl 
Gründen der Fall gewesen ist. 
J. 8 L. Lobmeyr - Vom Glaserladen zur Welt- 
firma 
Zu den besonders typischen Produkten des Kur 
gewerbes zählen vor allem die Schöpfungen 
Wiener Glasfirma J. 8 L. Lobmeyr. Sie präsen 
ren deutlich das, was aus den Reformbestreb 
gen des nÖsterreichischen Museums für Ku 
und Industrien im Hinblick auf die Bewältigi 
der industriellen Produktion und Zusammenl 
rung von Kunst und Industrie entstanden ist. 
von dem Museum ausgehenden Reformtätigl 
wäre kaum im Laufe der Jahrzehnte ein so aul 
ordentlicher Erfolg beschieden gewesen, wenn 
nicht zu allen Zeiten von den Lobmeyrs un 
stützt worden wäre. Die Erfolge des Museums, 
schließlich zur Anerkennung und zur Weltgelti 
der österreichischen Kunstindustrie beitrug 
gingen konform mit jenen der Firma Lobmeyr,- 
aus einem Glasladen hervorgegangen, sich scl 
nach wenigen Jahrzehnten zu einer Weltfirmal 
wickelt hatte. 
im Jahre 1823 war Joseph Lobmeyr aus der l 
vinz, aus Grieskirchen, nach Wien zugewant 
und hatte einen Glaserladen in der Weihburgg 
se eröffnet. in der Folge entwickelte sich die 
ma auf Grund der persönlichen Tatkraft, vor al 
des jüngeren Sohnes Ludwig Lobmeyr, sowie 
industriellen und wirtschaftlichen Aufschwun 
zum prominentesten Glaswarenhändler in W 
ja in der österreichisch-ungarischen Monarc 
Ludwig Lobmeyr, der im Jahre 1864 das Gescl 
übernahm, gehörte zu jenen Männern, welche 
vorn Österreichischen Museum ausgehende 
formbewegung von Anfang an unterstützten. 
waren die Erfolge des Museums auch seine Ei 
ge. Die Firma Lobmeyr war seit 1862 auf den Vi 
aussteliungen vertreten und konnte für ihre I 
dukte viele Anerkennungen und Auszeichnun 
heimholen. Nach vierzigjährigem Bestand wai 
unter der Führung Lobmeyrs gelungen, eine 
derne österreichische Glaskunst von einem g 
bestimmten und einmaligen Charakter aufzut 
en. Ihre Merkmale erlangten als "Lobmeyr: 
Weltgeltung. Auf den Weltausstellungen, an 
nen die Firma Lobmeyr immer teilnahm, trat r 
in umfassenden und einmaligen Darbietungen 
Lobmeyrischen Produktion aller Welt vor Augi 
Ludwig Lobmeyr hatte alle ideale der vom Ös 
reichischen Museum getragenen kunstgewe 
chen Reformbewegung erfüllt. Er hatte die Kü 
ler gelehrt, ihre Entwürfe wieder dem Glas a: 
passen, und alle Glaserzeuger veranlaßt, das L 
te an Wirkungsmöglichkeiten aus dem Mate 
herauszuholen. Seine Erzeugnisse müssen als 
hervorragendsten Beispiele jener bürgerlic 
Epoche angesehen werden, die unter der nicht 
mer gültigen Stilbezeichnung "Historismus-x in 
Kunstgeschichte eingegangen ist.
	        

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