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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Sonderheft Europäisches Denkmalschutzjahr 1975) (1975)

Hans Koepf 
Problematik und legistische 
Schwierigkeiten bei der 
Wiedergewinnung 
wertvoller historischer 
Bausubstanz im Bereich 
der Salzburger Altstadt 
Grundsatzfragen 
Wie alles im Leben ist die Stadt einem dauern- 
den Wandel unterworfen. Bei ihrer Entstehung 
oder Gründung, die nie zufällig und willkürlich 
geschah, sondern fast immer topographischen, 
geschichtlichen oder wirtschaftlichen Notwendig- 
keiten entsprach, waren gewisse Charakteristika 
zwar oft für Generationen vorgezeichnet. Sie 
sind deshalb auch bis auf den heutigen Tag er- 
halten geblieben. Andere Erscheinungen - vor 
allem die „Nutztbauten" einer Stadt - haben sich 
dagegen gewandelt, und dies sogar oft mehr- 
fach im Laufe der Geschichte. Dies ist nur natür- 
lich, haben sich doch die Lebensgewohnheiten, 
die man oft ganz charakteristisch unter dem Be- 
griff „Lebensstil" zusammenfaßt, ebenso gewan- 
delt wie der Stil der Zeit selbst. 
Als genutzte Architektur sind die Wohnbauten 
am stärksten den veränderten Anforderungen 
der Zeit und somit dauerndem Wandel unter- 
worfen. Wohnbauten sind aber auch die am 
stärksten genutzten und somit abgenutzten Bau- 
ten einer Stadt. Die „Abnutzung" wird sich am 
Ende auch in rein technischem Zerfall bemerk- 
bar machen, wobei ober hier nicht allein der 
„natürliche" Zerfall diagnostiziert werden kann, 
sondern oft auch ein Zerfall vorliegt, der nur 
durch menschliches Fehlverhalten, jahrelangen 
„Raubbau" oder unsachgemäße Umbauten her- 
vorgerufen wurde. Es ist einleuchtend, daß man 
ein relativ bescheidenes Altstadthaus, in dem 
ursprünglich nur eine „Großfamilie" wohnte, 
nicht im Laufe weniger Jahrzehnte in ein Domi- 
zil für zehn Familien umgestalten kann, ohne 
daß der Wohnwert, aber auch die technische 
Substanz schweren Schaden leiden. Dies ist 
aber häufig geschehen. 
Grundsätzlich wird immer angenommen, jeder 
Umbau erhöhe den Gebrauchswert eines Ge- 
bäudes. Nach dem oben Gesagten ist aber oft 
genau das Gegenteil der Fall, was ia auch der 
8 
 
l Salzburg - Haus Kranzlmarkt 3. (An der West- 
seite zeichnet sich unter Putz teilweise noch der 
alle Zinnenkranz ab.) 
2 Salzburg - Kranzlmarkt 3. Wiederherstellungs- 
Vorschlag Koepf 
3 Regensburg - Haus ln der Grieben 8. Dreifen- 
stergruppen unter Entlastungsbogen (das linke 
Fenster teilweise verbaut). Ähnlich war ursprüng- 
lich die Dreifenstergruppe an der Nordseite des 
Hauses Kranzlmarkt3 in Salzburg 
Begriff „verbout" schon sprachlich eindeutig aus- 
sagt. Daß aber eine „verbaute" Substanz auch 
formal unschön ist, braucht nicht näher belegt 
zu werden. So besteht die ebenso einfache wie 
klassische Methode einer Sanierung meist darin, 
wieder den ursprünglichen Bestand herauszu- 
arbeiten und diesen dann einer neuen soch- und 
zeitgerechten Nutzung zuzuführen. „Der Bau re- 
stauriert sich selbst", pflegte der bekannte 
Schweizer Denkmalpfleger Linus Birchler etwas 
überspitzt zu sagen '. 
Natürlich ist dabei Voraussetzung, daß die spä- 
teren Einbauten oder Veränderungen selbst wie- 
der keinen eigenen stilistischen Rang haben. In 
der Denkmalpflege ist die Zeit der „Stilrenova- 
tionen" der Epoche des Historismus, in der man 
Barackaltäre in gotischen Kirchen durch neo- 
gotische Schreine ersetzte, glücklicherweise über- 
wunden. Eine weitere Voraussetzung ist, daB der 
Altbestand absolut sidter nachweisbar und zu 
großen Teilen noch im Bau an Ort und Stelle 
(„in situ") vorhanden ist. 
Die Salzburger Problematik 
Bisher hat man angenommen, daß die Salz- 
burger Bürgerhäuser auch in ihrer Grundsub- 
stanz kaum mehr beachtenswerte Räume oder 
Bauteile aus mittelalterlicher Zeit aufwiesen, ob- 
wohl doch der Grundbestand der Salzburger 
Bürgerstadt um Getreidegasse, Kranzlmarkt, Ju- 
den-, Gold- und Brodgasse ohne Zweifel auf die 
Zeit vor dem 16. Jahrhundert zurückgeht. Dabei 
entdeckte bereits in der Zeit nach 1920 der ver- 
dienstvolle Stadtbaumeister Franz Wagner an 
einigen Salzburger Bürgerhätusern gotische Fen- 
sterwände, die in einer Zeit, als es nach kein 
Salzburger Altstadterhaltungsgesetz gab, auf- 
gedeckt werden konnten und sogar sichtbar blei- 
ben durften. Heute steht aber eine auf Grund 
des Altstadterhaltungsgesetzes gebildete Sach- 
verständigenkommission, deren Vorsitz ex lege 
der Landesbaudirektor innehat, auf dem Stand- 
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7 NORDSEITE 
punkt, daß eine Freilegung gotischer Bül 
stanz eine „Störung des Stadtbildes" bedeute 
Bauanalyse zweier bemerkenswert 
Salzburger Altstadthäuser 
Diese Problematik möge als eine weit über l 
burgs Grenzen hinaus interessierende Grund 
frage am Beispiel von einigen Salzburger 
stadthöusern angeschnitten werden: Dem O 
Kranzlmarkt 3 und dem Baublock Brodgasst 
Alter Markt BIResidenzpIatz 2. 
Genaue Beschreibungen und Bauanalysen d 
Objekte, die den Rahmen dieser Untersuc 
sprengen würden, sind bereits an anderer St 
gegeben worden. Die zur Diskussion stehe 
Objekte sind für zwei Epochen wie für 
wichtige Bauträger des hohen und späten M 
alters ganz besonders signifikant; 
Das Objekt am Kranzlmarkt für die Salzbi 
Ratsherren und Bürgermeister aus dem s; 
14. Jahrhundert und der Baukomplex am ß 
Markt für die Hofchargen der Fürstbischöfc 
dem frühen "I6. Jahrhundert. 
Stadtebaulich war die Stellung dieser be 
Objekte besonders markant: 
Das „Bürgermeisterhaus" stand neben dem 
haus unmittelbar an der Salzach und bei 
(früheren) Salzachbrücke, 
das „Hofchargenhaus" unmittelbar gegen 
dem (früher nach Norden zur Stadt gerichte 
Hauptflügel der Residenz am äußersten 
winkel der Bürgerstadt. 
Das „Bürgermeisterhaus" (später nach s: 
Besitzern im "I9. Jahrhundert auch „Duschl-H 
genannt) stand unmittelbar neben dem „Ch 
turm", dem Wohnhaus einer Familie Cheuz 
einem turmöhnlichen Eckbaukörper, der l 
noch im Rathausturm zu erkennen ist. B: 
auf der Darstellung in „Schedels Weltchrr 
aus dem Jahr 1493 ist dieser Turm als Vt 
zeichen der Stadt deutlich zu erkennen.
	        

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