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Object: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 83)

kostümlicher Details übernommen, das Kopfe 
tuch und die Sandalen. Sandalen tragen fast 
alle Figuren Engelbrechts und ihm folgend 
auch die Brauns. 
Die „GerechtigkeiW (Abb. 4) hält bei Engel- 
brecht ein gesenktes Schwert und, nach oben, 
eine ausgeglichene Waage, bekannte Symbole 
der Allegorie seit dem Mittelalter. Gewichte 
und Maße, Pfunde, Scheffel und Elle liegen 
auf dem Tisch und am Boden 11. Das Emblem 
einer Wasserwaage mit den Worten „Ohne 
Schmeichelev" ist wohl eine Erfindung Engel- 
brechts. Gleichnis der Gerechtigkeit ist das 
Gericht Samuels über die Kinder Israels in 
Mizpa (1. Sam. 7, 12) 13. --- Oben steht: „jage 
nach der Gerechtigkeit. 1. Tim. VI. 11." 
Brauns Allegorie (Abb. S) hat nur die Waage, 
das gesenkte Schwert als Zeichen wiederher- 
gestellter Eintracht und eine Binde vor den 
Augen als Zeichen ihrer Lhbeeintlußbarkeit 13. 
Die Augenbinde ist ebensolange im Gebrauch 
wie Waage und Schwert und auch Burgkmair 
und Ripa in dieser Verbindung bekannt. Die 
Figurenkomposition und Gewandmotive lassen 
nhne weiteres die Abhängigkeit vom Stich 
erkennen. 
Die „Wahrheit" in der Form Engelbrechts ist 
offensichtlich ein Unikum. Sie trägt eine 
brennende Kerze. Eine Hand liegt auf ihrem 
llerzen. W ie diese Gebärde bedeutet das Herz 
vor ihrer Brust, sie folge frei und offen den 
Regungen ihres Herzens. Sie tritt auf eine 
Larve, Symbol der Verstellung und Falschheit. 
lhr Sonnendiadem ist gleich der Kerzen- 
Hamme das Licht, das die Wahrheit an den 
Tag bringt. lhr Wesen ist wie ein offenes 
Buch W es liegt auf der Mauer i und rein 
wie die Tauben, die dort sitzen. Emblem ist 
ein Spiegel, das übliche Symbol der Wahrheit, 
mit dem Wort: „L'ngeheuchelt". Alttesta- 
mentliches Beispiel sind Äloses und die Kinder 
lsraels. Oben steht: „Redet die Wahrheit ein 
jeglicher mit seinem Nächsten. Ephes. IV. 
Z5." 
Die Attribute sind teils den verschiedenen 
Varianten der „Veritalf Ripas entnommen, 
teils eine Kompilation von Attributen ver- 
wandter Allegorien. Die „Xl('ahrheit" Ripas ist 
von und Spiegel gekennzeichnet, 
„lfl-lalita", die Redlichkeit, von einer zer- 
brochenen Larve, die sie gegen einen Stein 
schleudert, und der „Sinceritaß der Auf 
richtigkeit, sind eine Taube 7 nicht zwei H 
und ein Herz beigegeben. 
Sonne 
Braun folgte in seiner „Aufrichtigkeif der 
lkonogrtiphie und der Figurenktimposition 
llngelbreclits bestinders genau, doch ohne 
Kerze und limhlem einzubeziehenl-f. Die 
Älosesgeschichte belindet sich, als Relief, an 
der Seitenwand des Stützpfeilers. Brauns 
Gestalt lehnt sich auf den Pfeiler, ein Motiv, 
das den lebhaften Bewegungsrhythmus er? 
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H) lNl. lzttgelbrccltt, Der Geiz 
1! M. U. Braun. Der (icil 
baewaiatamaaarams... m. 
junge weibliche Gesichter; vielleicht soll das- 
jenige, um dessen Kinn das Band der Haube 
gebunden ist, das einer reifen Frau sein. Die 
Haube unterscheidet die Frau vom Mädchen. 
Das Motiv der um den Arm gewundenen 
Schlange, die ein geläufiges Symbol der 
Klugheit ist, erwähnt Ripa in mehreren 
Varianten der Allegorie. 7 Fiir das Emblem- 
bild, eine (ilücksgöttin mit Ruder, die auf 
einer geflügelten Kugel steht, war eine Quelle 
die Fortuna aus Andreas Alciati Emblemata; 
ihr fehlen jedoch das Ruder und die Flügel 
der Kugel 16. Diese Symbole kannte aber die 
Renaissance in Verbindung mit der Fortuna, 
wie eine Fortuna obsequenz auf dem Revers 
einer Medaille des Andrea Gritti Zacchi aus 
dem Jahre 1536 bezeugtV. Engelbrechts 
Lemma heißt: „Durch kluges lencken." Der 
Fatto histnrico sacro ist „Abigail vor David" 
(1. Sam. Z5, 32) und das Bibelzitat: „Klugheit 
ist ein lebendiger Brunn dem, der sie hat. 
Prov. XVl. 22." 
Die Figur des Stiches zeigt die Rückansicht; 
Braun hat sie gleichsam umgedreht (Abb. 7), 
l1'1.' 
. Engcllirctht. Der Neid min kllrt Nlillgtmsi 
. B. Braun. lmidia (Der Ncitl otlcr tlir Milßgtlvist] 
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