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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Sonderheft Europäisches Denkmalschutzjahr 1975) (1975)

Schwanzer 
:hitektur von heute - 
udenkmäler 
1 morgen? 
Bestreben unserer Zeit, Baudenkmäler als 
rische Monumente zu würdigen, diese zu er- 
n, zu pflegen und auch zu revitalisieren, 
ieden im Heute lebenden Architekten pri- 
erfreuen. Die Anregungen, die von diesen 
nissen früherer Bauepochen an uns weiter- 
ben wurden, waren und sind immer Vorbil- 
ür die Aufgabenstellung der Gestaltung un- 
Zeit. Das Erkennen historischer Schönheit 
ir die Bewußtmachung der gestalterischen 
e der Architektur auch für Gegenwarts- 
aben von eminenter Bedeutung. Die Formu- 
ig der Bauprogramme als Ausgangspunkt 
Architektur kann so neue Aspekte erhalten. 
Vorwurf an die Architekten, in der Gegen- 
monotone, phantasielose Bauten zu errich- 
'eflektiert doch auch auf den Auftraggeber, 
auswechselbare, neutrale, typisierte Archi- 
r verlangt und sozioökonomische Faktoren 
den Begriff der Funktion mit dem Aspekt 
slutzungsrelevanz mit optimaler Sparsamkeit 
ndet. Bauen als ausschließlich ökonomisch 
ündeter Zweck läßt den irrationalen Auf- 
der Architektur degenerieren. 
Jos Verständnis der für das Bauen öffent- 
Verantwortlichen sind die technisch-wirt- 
itlichen Faktoren im allgemeinen allein so 
zeugend, daß das bauauslösende Argument 
. bestimmten Nutzungsbedürfnisses die Bau- 
ramme noch immer vorrangig beherrscht. 
schaftlichkeitsnachweise entscheiden zuerst, 
die Gestaltung wird von vornherein zum 
teuernden" gestempelt und zum „Einsparen" 
mmt. Was man Gebäuden von gestern zu- 
it und gesetzlich schützt, wird dem Architek- 
ler Gegenwart nicht mehr zur Aufgabe ge- 
. Im Gegenteil, häufig muß die formale Ge- 
mg eines Baues vom Architekten dem Bau- 
l mühsam abgerungen werden. Dafi die 
nheit unserer alten Bausubstanz als unwie- 
ringlicher Wert im „Denkmalschutz]ahr" all- 
ain bewußt gemacht wird, kann uns Archi- 
n von heute nur recht sein. Der gesteigerte 
sch zum Wiederbewohnbarmachen alter 
tviertel und Gebäude geht allerdings oft 
ur kritiklosen Verherrlichung des „Alten" an 
ohne daß tatsächlich die heute geforderten 
nqualitäten in den zu schützenden Objekten 
äkonomischen Kosten erbracht werden kön- 
Dies weist auf ein neues, starkes, emotio- 
s Verlangen der Gesellschaft hin. Auf ein- 
tritt die Bedeutung der Funktion und des 
zens", iene Begriffe, die unsere heutigen 
iufgaben gesellschaftspolitisch vorrangig be- 
chen, zurück, wenn es um das Bewahren 
rischer Bauwerke geht. Die Bemühungen 
n sogar so weit, neue Nutzungsbegründun- 
zu suchen und diesen alten Gemäuern ein- 
dnen, um auch Verantwortlichkeit für die 
ltungskosten zu schaffen. Plötzlich bestimmt 
re Umwelt von vorgestern unser ietziges 
n - ohne Rücksicht auf Kosten, die ihre Re- 
arung und Erhaltung erfordert - entschei- 
l mit. 
r Politiker erhält Beifall von links und rechts, 
i er sich für die Erhaltung alter, liebgewor- 
ir Umgebung einsetzt. Viel schwieriger ist es 
ch, Verständnis für die „Form" in der Ge- 
vartsarchitektur zu gewinnen. Besonders in 
ischen Kerngebieten ist die Unsicherheit, 
arungen zuzulassen, groß. Immer sall Neues, 
i überhaupt zugelassen, möglichst unauf- 
fällig und untergeordnet angepaßt werden. Der 
Architekt von heute soll geistig in Gehrock und 
Schnallenschuhe schlüpfen, fünf bis zehn Fas- 
sadenentwürfe entwickeln, die dann durch „Ko- 
mitees" kritisiert und ausgewählt werden. Da- 
mit ist für die architektonische Lösung letztlich 
eine anonyme Gruppe verantwortlich. Der ur- 
sprüngliche, persönliche Entwurf des Architekten 
wurde verwässert und entkräftet. Wir laufen 
Gefahr, daß ängstliche Frustration im kreativen 
Schaffen, in der Formensprache und im Gestal- 
ten Platz greift und die Identität der Leistung in 
die Anonymität, d. h. in die Verantwortungs- 
losigkeit, gedrängt wird. Welche Aussagekraft 
kann dann unsere Zeit noch haben? Was wird 
von ihr übrigbleiben? Karge Monotonie in Beton 
oder neuer Eklektizismus? 
Wir Architekten von heute können doch der Mu- 
mifizierung unserer Städte nicht tatenlos zu- 
sehen. Wir müssen uns doch unseres Auftrages 
als Baukünstler des „Heute" bewußt sein. Wir 
brauchen den „Denkmalschutz" generell als Mo- 
bilisation des Bewußtmachens der Bougestaltung 
als „historische" Aufgabe „unsererZeit", um eine 
Krise der ldeenlasigkeit und des persönlichen 
Mutes zu überwinden und der lnitiative zur 
„Form" in der Gestaltung freie Bahn zu öffnen. 
Die Furcht vor der Spitzhacke, die Unwertes zer- 
stört, um Neuem Platz zu machen, muß dem Ver- 
trauen zum Können unserer Gegenwartsarchi- 
tekten weichen. Diese haben ein Recht, Zeugnisse 
vom Heute für das Morgen zu schaffen, die ge- 
nauso aussagekräftig sind wie die Beispiele der 
Vergangenheit. Jede Epoche hat auch Substanz 
geopfert, um Neues entstehen zu lassen. Die 
Sehnsucht nach Schönheit darf nicht nur mit 
Altem, Bewährtem gesättigt werden. Der Begriff 
ihres Wertes ist zeitungebunden. Die Sehnsucht 
nach Schönheit ist uns allen angeboren und ist 
Ausdruck eines undefinierboren ästhetischen Ver- 
langens. Architektur ist primär als Ausformung 
eines Hohlraumes, der uns umgibt, zu sehen; 
eines Raumes, den der schöpferische Mensch 
nicht nur zu seinem physischen Schutz, sondern 
auch aus emotionellen Gründen rings um den 
eigenen Körper als Gestalt aufbaut. Mit diesem 
Gebilde berührt er seinen Mitmenschen geistig 
und formal. Seine über die Architektur ausge- 
strahlte Mitteilung über Inhalt und Wollen sei- 
ner Persönlichkeit bereichert oder reduziert die 
Qualität unseres gemeinsamen Lebens. Identifi- 
katian, Erkennbarkeit, Unterscheidung und Un- 
verwechselbarkeit, „Schönheit" sind Eigenschaften 
einer Architektur, die mehr als nur rationalen 
Bedingungen gehorcht. Der Griff in die Bei- 
spielsammlung der Vergangenheit und die Nach- 
ahmung von vergangenem Gestaltungsgut in der 
Gegenwartsaussage ist kein Ausweg. Leben 
heißt, in die Zukunft schreiten. Daher muß die 
Sorge um den Denkmalschutz sich auch um das 
Margen bemühen, vor allem durch Schaffung 
von Vertrauen in die Kraft der Künstler von 
heute. 
Die Jugend braucht neue Ziele und muß zu Lei- 
stungen herausgefordert werden. Denkmalschutz 
darf nicht zur Ausrede der Ratlosigkeit und der 
Erschöpfung vor neuem Handeln werden. Wenn 
die Flucht in die Revitalisierung alter Werte 
Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes ge- 
genwärtiger Kreativität ist, so zeigt dies ein 
alormierendes Schwächezeichen unserer Epoche. 
Zu den Funktions- und Rationalisierungshyper- 
trophien ökonomischer Zielbestimmungen in den 
Bauprogrammen der Gegenwart steht die emo- 
tionstriefende Bewahrung von Altem zum Schutz 
wohlererbter, gewohnter, mit Respekt als heil 
festgestellter Werte, ohne einer der heutigen 
Zeit mehr entsprechenden ökonomischen Brauch- 
barkeit im krassen Gegensatz gegenüber. Nichts 
könnte deutlicher die kulturelle Schwäche unse- 
rer Zeit manifestieren als diese Diskrepanz. Wo 
sind die Bauaufgaben von kulturellen, staatli- 
chen oder privaten Bauten mit eindeutigen for- 
malen Forderungen? Gute Architektur hat einen 
bestimmenden emotionellen Gehalt, der die ver- 
standesmäßig nicht immer faßbare, umgreifende, 
von einer bestimmten Welteinstellung herrüh- 
rende, eine bestimmte Lebensform ankündigen- 
de Stimmung wiedergibt. Diese Aussage an die 
Benützer von Bauwerken zu übermitteln, kann 
nur durch den Einsatz eines entsprechenden 
Formpotentials gelingen. Der Zwang zur Form 
ist ein menschliches Bedürfnis, Botschaften zu 
geben und zu empfangen, die anders als durch 
Formen unzureichend oder überhaupt nicht mit- 
geteilt werden können. Da wir alle vorwiegend 
durch Sprache gewohnt sind, miteinander zu 
kommunizieren, bereitet uns die Weitergabe 
von „Unaussprechlichem" Schwierigkeiten. Die 
Musikist ein überzeugendes Beispiel für ein nicht- 
sprachliches Kommunikationssystem. Analog da- 
zu ist Architektur in der Lage ' Unaussprechliches 
durch Artikulation des Rauriifs und der Gestalt 
auszudrücken. Empfindunger werden ausgelöst, 
die verbal nur schwer zu übermitteln sind. Ar- 
chitektur als stummes Kommunikationsmittel 
kann ihre Mitteilungsfähigkcit nur dann behal- 
ten oder noch erweitern, VtEDfl sie als Mittel 
ständig gebraucht wird. Auf Architektur in ihrer 
ursprünglichen Bedeutung zu verzichten und nur 
zu „bauen", würde im Begriff der Sprache be- 
deuten, daß wir darauf verzichten, sie auch 
poetisch zu gebrauchen. Wer gegen die Ver- 
armung unserer Existenz eintritt, muß nicht nur 
für die Erhaltung von architektonischen Werten 
der Vergangenheit, sondern auch für deren Ent- 
wicklung in der Gegenwart eintreten, will er 
nicht der heutigen Zeit ihre Lebensäußerung ab- 
sprechen. Bauen darf nicht nur zur Befriedigung 
der Minimalbedürfnisse und des Nutzens in er- 
ster Linie führen, sondern mufi in der Verantwor- 
tung gegenüber unserer Epoche zur Schaffung 
künstlerischen Erbes von übermorgen wiederent- 
deckt werden. Wir dürfen nicht in die Vergan- 
genheit blicken, um uns der Verantwortung zur 
Äußerung in der Gegenwart zu entziehen. Die 
Angst der Auftraggeber, dem Können unserer 
Zeit freien Ausdruck zu lassen, muß dem Animo 
zu künstlerischer Beflügelung unserer Architek- 
ten weichen. Gerade im Denkmalschutziahr soll 
uns dies bewußt werden. 
Die Prosperität der Gegenwart sollte fähig sein, 
die Kräfte zu mobilisiern und zu animieren, die 
notwendig sind, dem letzten Viertel des zwan- 
zigsten Jahrhunderts eine eigene, ihm adäquate 
Prägung zu ermöglichen. Dafür muß auch das 
Bemühen, Altes zu schützen, noch Kraft erübri- 
gen, sonst ist auch dieses vergebens, denn es 
wäre ohne Fortsetzung. 
Et Unser Autor; 
Architekt Prof. Dr. Karl Schwanzer 
Seilergasse 16 i 
1010 Wien
	        

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