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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 72)

 
London: Von lngres bis Picasso und 
Cezanne: Französische Gemälde und 
Handzeichnungen des 19. und 20. Jahr- 
hunderts. Herbstausstellung bei The 
Lefevre Gallery, London W. I., 14. No- 
vember bis 19. Dezember 1963, Die 
Ausstellung umfaßte 40 Exponate. die 
die Strömungen der französischen Kunst 
des zur Diskussion stehenden Zeitab- 
schnittes verdeutlichten, Porträts - 
vornehmlich Bleistiftzeichnungen - von 
Chasseriau und lngres. Illustrationen 
von Constantin Guys waren gewisser- 
maßen ein Präludium zu großartigen 
Landschaftsgemälden von Carot, Jong- 
kind. Pissarro, Renoir, Monet und Sisley. 
Sladlansichten von Utrillo. eine An- 
sicht von Klippen und Felsen von Redon 
sowie Landschaften von Vuillard und 
eine für den letztgenannten Künstler 
besonders charakteristische Portrötstu- 
die einer Frau ergänzten das Bild. Von 
Picasso gab es die Bleistiftzeichnung 
eines bärtigen Mannes von 1903. 
Als Vertreter der französischen Ro- 
mantik wurden Zeichnungen von Geri- 
cault und Delacraix gezeigt; besonderes 
Interesse erweckten drei Zeichnungen 
von van Gogh (eine davon nach Millet. 
die andere nach Holbein !), Das Aquarell 
von Cezanne. ..Apotheose de Dela- 
croix". war u. a. auch bei der großen 
Wiener Cezanne-Ausstellung zu sehen 
gewesen. Ebenso gehörte Pierre Bon- 
nards ..Place PigaIle" zu den promi- 
nentesten der gezeigten Werke. 
London: lm Vicloria Ei Albert Museum 
war im Oktober und November eine 
Ausstellung ..Opus Anglicanum" zu 
sehen. Es handelte sich um die erste 
internationale Schau englischer mittel- 
alterlicher Slickereikunst. Etwa 17OStük- 
ke aus 11 Ländern wurden gezeigt. 
Englische Stickereiarbeiten waren var- 
nehmlich im 13. und 14. Jahrhundert 
ein äußerst beliebter Exportartikel in 
ganz Westeuropa. Das Vatikan-Inventar 
von 1295 zählt weit mehr Stickereien - 
.,opus angticanum" - aufals Exemplare 
anderer kunstgewerblicher Produkte. 
Die Hauptmasse der Produktion stammt 
aus Londoner Manufakturen, das ein- 
zige signierte Stück der Kollektion 
wurde allerdings von einer Nonne an- 
gefertigt, Die Stickfäden waren zu- 
meist aus Seide, zum Teil auch mit 
Silber- und Galdfoliierung. Perlen und 
Edelsteine wurden eingearbeitet. Die 
Einbeziehung kostbarer Materialien 
Iößt darauf schließen, daß solche Ar- 
beiten vielfach als Kapitalsanlage dien- 
ten. In ihrer Mehrzahl waren die Stik- 
kereien allerdings dazu bestimmt. Pa- 
ramente zu schmücken. woraus sich 
vielfach ihr bildhafter Charakter (Hei- 
lige. Legenden) erklären lüßt. 
Die wichtigsten Leihgaben kamen aus 
dem Vatikan, Pienza. Bologna. Vich, 
Wien und New York. die Leihgeber- 
5') 
AUSSTELLUNGEN 
länder sind: Österreich. Belgien. Frank- 
reich. Deutschland. Island, Italien. Spa- 
nien, Schweden und die Vereinigten 
Staaten. Selbstverständlich stammt We- 
sentliches auch aus englischen Kirchen- 
schützen und Museen. 
London: Die Royal Academy zeigte im 
Oktober im Burlington House ihr ge- 
hörige Kunstwerke aus der Zeit vor 
1850. 
London: Im Commonwealth Institute 
fand vom 19. September bis 13. Oktober 
die erste Commonwealth-Biennale für 
abstrakte Kunst statt, 16 Künstler aus 
Mitgliederstaaten des Commonwealth 
und 11 englische Künstler nahmen an 
der Veranstaltung teil. Unser Photo 
zeigt eine Ausstellungskoje mit Gemal- 
den des neuseeländischen Malers James 
Boswell. (Abb. 5) 
 
5 
Zürich: In der ersten Septemberhölfte 
wurden im Rahmen der British lndustrial 
Fair auch eine Kollektion moderner 
Silberschmiedearbeiten und Juwelen 
gezeigt. (Abb. 6)_ 
 
Berlin-Charlottenburg: Mitte Oktober 
wurde eine Ausstellung im Schloß er- 
öffnet, die des zweihundertjährigen Be- 
standes der Berliner Porzellanmanu- 
faktur als eines staatlichen Institutes 
gedachte. Nach seiner Heimkehr vom 
Siebenjährigen Krieg. am 19. Septem- 
ber 1763. hatte Friedrich II. dem Ber- 
liner Kaufmann Friedrich Ernst Gotz- 
kowsky dessen .,aechte PorceIaine- 
Manufacture" nebst einer Belegschaft 
von 146 Arbeitern. 10000 weißen und 
4866 bemalten Porzellanobjekten ab- 
gekauft. 
Die Porzellanherstellung als solche war 
in Berlin schon 17. Jahre vor diesem 
Zeitpunkt durch Wegely aufgenommen 
worden. Die Ausstellung im Charlotten- 
IN ALLER WELT 
burger Schloß gab Aufschluß über die 
Stilgeschichte des Berliner Porzellans; 
von den ersten. noch an Meißen sich 
anlehnenden Figuren Wegelys über die 
seltenen Stücke aus der kurzen Zeit 
Gotzkowskys. von den kostbaren Tafel- 
servicen der friderizianischen Zeit (das 
herrliche ,.Bleu Mourant"l) über die 
klaren Formen des Klassizismus. von 
den Berliner und Potsdamer Prospekten 
auf Tassen und Vasen des Bieder- 
meiers bis hin zu den Versuchen der 
zwanziger Jahre, eine neue Sachlich- 
keit auch im Porzellan zu gewinnen. 
Heute umfaßt die Produktion von KPM 
sowohl die Nachbildung historischer 
Service und Figuren als auch industrielle 
Porzellane. 
Berlin. Schloß Charlottenburg: Anlüß- 
Iich der Berliner Festwochen fand im 
Oktober eine Ausstellung ..Die Ile de 
France und ihre Maler" statt, die von 
der angesehenen Wochenschrift ..Die 
Zeit" als ..eine der schönsten Aus- 
stellungen, die es seit Jahren gegeben 
hat" gekennzeichnet wurde. Man sah 
über 60 Meisterwerke der Malerei des 
19. und frühen 20. Jahrhunderts, der 
Bogen reichte zeitlich von Corot und 
die Angehörigen der Schule von 
Barbizon über die lmpressionisten hin- 
weg bis zu Cezcinne. van Gogh.Gauguin 
und Vlaminck. Die Idee. eine Land- 
schaft zum Thema einer Ausstellung 
zu machen und damit das Topographi- 
sche zu betonen. stammte von Professor 
Reidemeister. dem Generaldirektor der 
Berliner Museen. 
Hamburg: Die erste deutsche Aus- 
stellung futuristischer Malerei erregte 
die Gemüter. Es ist das Verdienst des 
Kunstvereins. "Futurismus und pittura 
metafisica - Italien 1905-1925" nach 
Hamburg gebracht zu haben. Der 
Katalog weist auf die erstaunliche Tat- 
sache hin. daß bis zum heutigen Tag 
keine deutschsprachige Publikation zu 
dem Thema vorliegt. Carra, de Chirico. 
Balla, Boccioni. Rosai. Severini, Rus- 
solo - sie alle konnten in Hciuptwerken 
versammelt werden: Hamburg hat sich 
seine .,Beunruhigenden Musen" (de 
Chirico) redlich und hart verdient. 
Hannover: Am 17. November wurde 
im Kunstverein eine Ausstellung des 
Gesamtschaffens von Karl Schmidt- 
Rottluff eröffnet. Der Künstler. einer 
der Mitbegründer der Gruppe ..Die 
Brücke", in deren Mitte der Expressio- 
nismus geboren wurde, vollendet 1964 
sein 80. Lebensjahr. lm Anschluß an 
Hannover wandert die Ausstellung ans 
Falkwang-Museum in Essen. zum Frank- 
furter Kunstverein und schließlich in 
die Akademie der bildenden Künste in 
Berlin. 
Karlsruhe: Bis 17. November war eine 
hochbedeutsame Ausstellung von Beck- 
mann-Portrüts geöffnet. Sie umfaßte. 
von Dr. Klaus Gallwitz sorgfältig ge- 
plant, 72 Gemälde van 41 Leihgebern 
und über vierzig zu den einzelnen 
Bildern gehörenden Vorstudien. meist 
Zeichnungen. aber auch bildmößig aus- 
geführte Aquarelle. Gouachen und 
Pastelle. Sie stammen zu einem großen 
Teil aus amerikanischen Museen. Pri- 
votsammlungen (zwölf) und dem Nach- 
laß im Besitz von Frau Mathilde Qu. 
Beckmann in New York, der zweiten 
Frau des Malers. 
Die Frühzeit ist in der Hauptsache 
durch Bildnisse aus dem Besitz von Frau 
Minna Beckmann-Tube-Gauling. der 
ersten Frau des Malers, und dem Sohn 
Dr. Peter Beckmann, die beide von 
München zur Eröffnung gekommen 
waren, vertreten. Das riesige. Fragment 
gebliebene Auferstehungsbild aus den 
Jahren 1917118 wurde zum erstenmal 
in der Öffentlichkeit gezeigt. 
Köln: Am 14. Oktober 1963 wurde im 
Gürzenich die Ausstellung .,Monumenta 
ludaica - 2000 Jahre Geschichte und 
Kultur der Juden am Rhein" eröffnet. 
Gezeigt wurden ausschließlich histo- 
rische Denkmäler, darunter auch Zeug- 
nisse des Antisemitismus und des jüdi- 
schen Alltagslebens. Im Mittelpunkt 
standen die Themen: Jüdische Geistes- 
geschichte, jüdische Künstler, Wissen- 
schcifter und Schriftsteller. Geographisch 
umfaßte die Ausstellung den Lauf des 
Rheins von Basel bis Emmerich. doch 
die Exponate wurden zum Teil von 
fernen Ländern. u. a. auch aus New 
York. San Francisco. Jerusalem und 
Moskau herbeigeholt. Ein besonders 
reizvolles Stück jüdischer Volkskunsl 
befindet sich in der Abteilung "Das 
jüdische Jahr". eine Laubhülte. Sie ist 
um 1825 von einem bäuerlichen Dorf- 
schreiner im augsburgischen Schwaber 
errichtet worden. Die Familie des 
Eigentümers hat sie viele Jahrzehnte 
benutzt, bis sie wegen Baufülligkeit au 
den Heuboden kam. In einer Nach 
des Jahres 1938 wurde sie in Teilt 
zerlegt, ist illegal nach Jerusalem ge 
langt und befindet sich heute im Na 
tianalmuseum Bezalel. Idyllische deut 
sche Landschaftsszenen des heimischer 
Lebens sind in den Malereien diesei 
Hütte mit den Bildern des jüdischer 
Ritus vereinigt. 
München: Mitte Oktober wurde in 
"Haus der Kunst" die große Georges 
Braque-Ausstellung mit etwa 300 Ge 
mälden. Graphiken, Plastiken unrl 
Illustrationen eröffnet. Die Ausstellunü 
wurde unfreiwilligerweise zu einer 
posthumen Ehrung des Künstlers. der 
neben Picasso einer der Väter dCS 
Kubismus war. Die Varbereitungsor- 
beiten reichten noch tief in die Lebens- 
zeit des Künstlers zurück und wurden 
etwa zwei Jahre vor seinem Tod i" 
Angriff genommen. Köllßl
	        

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