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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 73)

Werke von ihm. Die Anerkennung war aber nicht 
von irgendwelchem materiellen Erfolg begleitet. 
Ludwig Mestler wurde am 25. August 1891 in Wien 
geboren. Sein Vater sang im Chor der Wiener Hofoper 
und in einer von Wiens ältesten Synagogen. Auch 
seine Mutter war musikalisch begabt: er wuchs in 
einem schlichten. von Musik und Wärme erfüllten 
Wiener Haushalt der Lueger-Zeit heran. Nachdem 
er 1910 die Realschule beendete. begann er an der 
Wiener Technik Architektur zu studieren. 1916 ging 
er als Offizier an die Front. Als er zuriickkehrte. fand 
er eine Stellung in einer Wiener Architekturlirma. 
1923 entschloß er sich, nach Amerika auszuwandern. 
Sieben Jahre arbeitete er als Architekt in New York; 
er empfand diese Zeit trotz mancher Leistung. von 
der er nicht ohne Stolz sprach. als Fron. in der er 
ähnlich wie Joseph in der Fremde bei Laban gedient 
hatte: sein Lohn waren die Ersparnisse. die es ihm, 
dem jetzt Vierzigjührigen, ermöglichten. nach Wien 
zurückzukehren und sich ausschließlich dem Kunst- 
studium hinzugeben. Er begann seine neue Lehre 
bei Arthur Paunzen und wurde später in Karl Sterrers 
Meisterklosse an der Akademie der Bildenden Künste 
aufgenommen. Die Machtergreifung im März 1938 
machte auch seinem Studium in Österreich ein Ende; 
die amerikanische Staatsbürgerschaft, die er früher 
erworben hatte. ermöglichte es ihm. in die Staaten 
zurückzukehren. Er wählte Boston. diße damals doch 
noch etwas altmodische Stadt an der Ostküste. ent- 
schlossen. nunmehr seiner Kunst zu leben. was immer 
es bedeute: seine Ersparnisse waren längst auf- 
gebraucht. in dieser nun folgenden entscheidenden 
Phase seines Lebens und Kiinstlertums gab es noch 
eine neue spüle Wendung. die zur Musik. Bedingt. 
teils durch ein Augenleiden. das seine Arbeit an Bild 
und Graphik erschwerte, wurde seine Neigung zur 
Musik immer intensiver. und er begann selbst zu 
komponieren. Im Winter 1958159. gesundheitlich 
sehr geschwächt. verunglückte Mestler auf dem Eis; 
er starb in Bostons Beth Israel Spital am 20. Mürz 
1959. 
Heute. wo wir das Gesamtwerk Mestlers übersehen 
können. fügt sich dieses zu einem überraschenden 
Bau. dem Stufe für Stufe nachzugehen erregende 
Einsicht in eine bedeutende Entwicklung vermittelt. 
So wird eine von Anfang an festgelegte Grundlinie 
sichtbar. und wir werden von den sich immer stei- 
gernden Verwandlungen mitgerissen. Daß diese Ent- 
wicklungslinie aber in einem andern Sinne eine 
Bewegung von spielerischer Fülle zu einer kargen 
Formwelt ist. macht sie nicht nur zum Ausdruck dieses 
individuellen Künstlerdaseins. sondern auch zum 
Symbol der Zeit. die sie markiert. 
Der vierzigjöhrige Architekt. der als Schüler begann 
und sich als solcher immer fühlte. trotz inneren 
Meisterstolzes. war. das beweisen seine Aquarelle 
aus diesen Jahren. kein Anfänger. ..Das Mondschein- 
haus in Hallein" (September 1931) zeugt von dieser 
architektonischen Schulung. mit der Mestler die 
sichere Gliederung in eine von Flüche zu Flüche 
gleitende Hiziusergruppe bringt. Jedes Fenster hat sein 
eigenes Leben, ohne daß dadurch Unruhe erzeugt 
wird; ja. die Belebtheit der hellgrünen Wände steht 
in bewußtem Gegensatz zu dem schweren. unbe- 
weglichen Holzkarren unter dem Torbogen. die 
Ochsen. gar nicht mehr realistisch gesehen - und 
doch unverkennbar in ihrer Ochsenheit -. davor 
geschirrt. Betrachtet man neben diesem geglückten. 
aber doch konventionellen Bild die nur zwei Jahre 
später gemalte Ansicht von "Lauflen an der Traun". 
so erschließt sich uns der Beginn einer eigenwilligen 
Stilschöpfung. Nicht mehr ein gefülliges. in einer 
allgemein impressionistischen Methode gemaltes Bild 
bietet sich uns. sondern Mestler hat den Versuch ge- 
wagt. die organische Zusammengehörigkeit von Dorf 
und Fluß. Wald und Brücke durch ein eigenes Stil- 
element zum Ausdruck zu bringen. Dieser Versuch 
allein ist nicht originell. und Mestler ist dem großen 
Vorbild Seurats hier nachgegangen. In dieser Arbeit 
noch nicht völlig erfolgreich. ging es Mestler schon 
damals im Gegensatz zu Seurat. der eine Trans- 
position des sozialen Gebildes erreichte. darum. daß 
dieses sein neues Stilelement intensiver in die gegebene 
Landschaft hineinführt. Es erscheint dies beinahe als 
eine paradoxe Aufgabe. eine Überwindung des 
Impressionismus. die nicht zur Abstraktion. sondern 
Iu einem gesteigerten Realismus führen soll. S0 ist 
1 
Ludwig Mestler. 
Das Mondscheintiaus in Hallein. Aquarell, 1931. 
Joan Peterson Gallery. Boston 
Ludwig Mestler. 
Lnuffen an der Traun. Aquarell. 1933. 
Warcster Art Museum. Mass. 
Ludwig Mestler. 
Sugar House in Vermont. Aquarell. 1950. 
Privatbesitz. Conway. Mass. 
 
37
	        

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