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Volltext: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 73)

der modernen Kunst zu den Antiqui- 
täten hin verlagert. vollzieht sich in 
Rom seit etwa zwei Jahren eigenartiger 
Weise eine Gegenbewegung. Diese 
außert sich aber nicht etwa in einer 
Abkehr vom weithin bekannten kon- 
servativen Geschmack der Römer. son- 
dern in einer konziliariten Koexistenz 
beider Einstellungen. 
Die Urheber und schließlich auch die 
Profitierenden an dieser Entwicklung 
sind jene Kunsthändler. die sich wäh- 
rend der genannten Periode in Rom 
niedergelassen haben. Sie trachten in 
den Ausstellungen ihrer Galerien nicht 
so sehr Kunstpolitik zu betreiben als 
ganz bestimmte Publikumskreise anzu- 
sprechen. Der Erfolg ist vor allem auch 
einer kosmopolitischen Einstellung zu 
danken. indem nicht engstirnig nur 
römische oder italienische Künstler zum 
Zuge kommen, sondern solche aus aller 
Welt. 
Zu Beginn dieser Saison zeigte die 
.,Galleria dell'Obelisco" Werke des 
polnischen Malers Jan Lebenstein. die 
..Galleria 63" Malerei und Graphik 
des Amerikaners Byron Browne. die 
„Galleria Fogliani" die goldbelegten 
Tafelbilder des Japaners Domoto und 
die Galerie ..La Nuova Pesa" die 
deutschen Expressionisten von 1907 bis 
1931. Vier römische Galerien eröffneten 
die Saison 1963,64 mit der Ausstellung 
von Werken österreichischer Künstler. 
Den Anfang machte die Galerie ..San 
Luca" mit Ölbildern von Linda Grabner 
gero". hob vor allem den sakralen 
Charakter der Stahlplastiken Kagras 
hervor. die in ihrer aufstrebenden, der 
Gotik verwandten Kraft durchaus hu- 
mane Proportionen bewahren. 
Das große Ereignis wurde die Aus- 
stellung des österreichischen Malers 
Andre Verlon. mit welcher die ..Gal- 
leria Penelope" die Saison begann. 
..Eine Ausstellung. die niemand gleich- 
gültig lassen kann". schrieb Duilio 
Morosini in ..Paese Serci" und wies 
vor allem auf die Eigentümlichkeiten 
im Werk Verlons hin. die ihn von den 
Neo-Dadaisten oder Neu-Surrealisten 
Frankreichs und Amerikas unterschei- 
den. Jene konstruieren im leeren Raum 
monströse Hypothesen der Soziologie 
und der Kunst. während Verlon unter 
Vermeidung des zufälligen Effekts einer 
Ordnung zustrebt. Sandra Orienti (..ll 
Popolo") nennt Dürer und Grosz als 
die beiden Pole der geistigen Welt 
Verlons. und Marisa Votpi (..Avanti") 
zeigt sich vor allen von den reichen 
kulturellen Bezügen in der Malerei 
Verlons beeindruckt. die ihrer Meinung 
nach von De Chirico zu Ernst. Grosz 
und Dubuffet reichen. 
Die Werke Verlons wurden in etwas 
geringerem Umfang bereits vorher iri 
der ..Galleria Schwarz" in Mailand 
ausgestellt. In der ..Galleria Traverso" 
ebenfalls in Mailand. machte im Spät- 
herbst die Ausstellung ..Zeichnungen 
der Wiener Secession 1908-1963". die 
von Rom ihren Ausgang genommen 
der Wiener Malerin lsolde Jurina. die 
einen ehrlichen und interessanten Auf- 
schluß über das Heranreifen eines 
starken Talents bot. Nach der lyrischen 
Bedachtsamkeit in den Arbeiten lsolde 
Jurinas um 1961 nehmen zunächst ihre 
Themen und damit auch die Ausdrucks- 
mittel polemischen Charakter an (1962). 
In der gegenwärtigen Phase sind die 
Lehren du Dada und des Surrealismus 
überwunden. und eine klare architek- 
tonische Formgebung hat Gestalt ge- 
wonnen. 
Im Frühjahr werden Ausstellungen von 
Egon Schiele in der ..Galleria dell'Obe- 
lisco". von Alfred Hrdlicka und Paul 
Meissner in der ..Galleria Penelope" 
folgen. Die römische Niederlassung der 
..Marlborough-Gallery" wird Litho- 
graphien von Oskar Kokoschka brin- 
gen. 
Die Tatsache. daß Werke österreichi- 
scher Künstler gleichsam zum ständigen 
Repertoire italienischer Galerien ge- 
hören. hat außer der erfreulichen Be- 
hauptung aufeinem tatsächlichen Kunst- 
markt noch andere positive Wirkungen: 
nämlich den Ausbruch aus Enge und 
Selbstzufriedenheit eines geistigen Ghet- 
tos. in dem viele Künstler der letzten 
Generationen befangen waren und ihre 
neue Einschätzung durch ausländische 
Kunstkritiker. welche immer wieder 
zeigt. daß die Wertskala ihrer heimi- 
schen Kollegen außerhalb der Landes- 
grenzen nicht unbedingt Geltung be- 
sitzen muß. Walter Zettl. Rom 
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Andre VEFlOVl. Figure, 19s1. t 
Collage.81 x 35 cm 
Franz Katzgrober (Kagra), 
Farm. Stahl. 1962. H. 40 cm 
lsolde Jurina. Analyse eines Si 
Collage. 1963. 60 x 7B cm 
Kurt Mikula. Basilisk. 1. Preis ir 
bewerb der Basilisk '63 
Kurt Regschek. Basilisk. 2. Preis ii 
bewerb der Basilisk '63 
Reinhilde Anqelica Kauffmann. 
3. Preis irn Wettbewerb der Bus 
Fred Novok. Basilisk. 3. Preis e) 
im Wettbewerb der Basilisk '63 
AUSSTELLUNGEN IN ALLER WELT 
Berlin: Der Leiter der Skulpturen- 
abteilurig. Dr. Peter Metz. setzte sich 
bei einem Varlrag in Frankfurt mit 
Verve für die Echtheit der berühmten 
Flora-Büste ein. die seiner Ansicht nach 
eine Arbeit des Leonardo-Schülers 
Rustici ist. Das von Wilhelm v. Bode 
erworbene Stuck war SGIHBFZCll als 
Falschung hingestellt worden. um dem 
Ruf Bades zu schaden. 7 Im übrigen 
ist die Berliner Skulplurenabteilung zu- 
versichtlich. in diesem FFÜhjGilF einen 
Flügel im Dahlemer Museum beziehen 
zu können. 
Berlin (Ost) und Leipzig: Das zeich- 
nerische Werk von Otto DIX wurde 
zum 72. Geburtstag des Künstlers in 
großen Ausstellungen gezeigt. 
Bern: Das Kunstmuseum präsentierte 
eine höchst beachtliche Delacroix-Aus- 
slellung. in der neben Exponaten aus 
Paris und Bordeaux auch bisher niemals 
öffentlich gezeigtes Material aus Privat- 
besitz zu sehen war. 
Bielefeld: Zum 100. Geburtstag von 
Edvard Munch hatte das Kunsthaus 
100 graphische Blätter des Meisters 
vom Manch-Museum in Oslo zu Aus- 
stellungszwecken entlehnt. Auch das 
Berliner Kupferstichkabinell ehrte 
Munch durch eine Graphikausstellung 
worden. der mit ihr sein neues Haus 
eröffnete. 
Bonn: Die Kulturabteilung der ameri- 
kanischen Botschaft hat eine Wander- 
ausstellung von Kartkaturen des Deutsch- 
amerikaners Lyonel Feininger zusam- 
mengestellt. Alle Arbeiten stammen aus 
den Jahren 1898-1910. Feininger. einer 
der wichtigsten Bauhaus-Leute. ar- 
beitete für den „Ulk". die "Lustigen 
Blätter". ..Das Narrenschiff".aber auch 
für die ..Chicago Sunday Tribune". Die 
Ausstellung ging von Bonn über Ham- 
burg nach Köln. Nürnberg und Regens- 
burg. 
Braunschweig: Anfang November 1963 
wurde hier eine Ausstellung von Werken 
des ..gr0ßen Unbekannten" AdolfHölzel 
(185371934) abgehalten. die via Bre- 
men. Karlsruhe. Aarau und Heidelberg 
auch nach Wien kommen soll. Hölzel 
ist gebürtiger Altösterreicher. 
Dortmund: Lübeck. Berlin, Trier: In 
diesen Städten wurde eine Ausstellung 
von Werken Serge Poliakoffs abge- 
halten. 
Dresdner Kunslnuchrichten: Der Deut- 
sche Kulturbund stellte eine Wander- 
ausstellung ..Das grafische Blatt" zu- 
sammen. 7 Mit Wirkung vom 15. Ok- 
tober 1963 wurde in den Staatlichen 
Kunstsammlungen Dresden eine "Direk- 
tion Museumspüdagogik und kulturelle 
Massenarbeit" geschaffen. Leiter ist 
Dr. Christian Emmrich. i Das Alber- 
linum Dresden zeiqte ab B. Dezember 
Warschau gewidmet ist. Die Ausstellung 
bleibt bis August 1964 in Dresden und 
wandert dann in die Volksrepublik 
Polen. - Das Dresdner Kupferstich- 
kabinett zeigte im Spätherbst eine Aus- 
stellung ..Die Radierung. ihre Ge- 
schichte und Technik". 
Essen: lm Folkwang-Museum wurde eine 
große Retrospektivausstellung für den 
..Brücke"-Maler Erich Heckel abge- 
halten. Das Kabinett G. D. Baedecer 
zeigte eine Auswahl des graphischen 
Werkes. 
Hamburg: Ein enthusiastisches Echo 
fand die Ausstellung des Kunstvereines. 
die dem Lebenswerk von Franz Marc 
gewidmet war. Der Besucherandrang 
lag weit über den Durchschnitts- 
werten. 
Hannover, FrankfurtlM.. Berlin: Die 
Wanderausstellung Karl Schmidt-Rott- 
luff aus deutschem und ausländischem 
Besitz erregt berechtigtes Aufsehen und 
größtes lnteresse. 
Köln: Die Dom-Galerie zeigte Aquarelle 
van Maurice Esteve. der heuer 60 Jahre 
alt wird. 
London. Dezember 1963: Goya und 
seine Zeit, Ausstellung der Royal 
Academy im Burlington Hause, Diese 
Ausstellung wurde mit den Mitteln 
tinanziert. die durch den Verkauf des 
Leonardo-Kartons flüssiggemacht wer- 
den konnten. Sie ist daher die erste. 
die nicht unter dem Druck der Geldnot 
stand, und gleichzeitig die umfassendste,
	        

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