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Full text: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 83)

seits Dante und Milton, er liest abwechselnd 
über Astrologie und Astronomie, Chemie und 
Alchimie, es erregen ihn die okkulten Wissen- 
schaften ebenso wie die exakte Physik. Eine 
Zeitlang unterliegt er der Mode eines Teils 
der Wiener jugendlichen Boheme und schließt 
sich der Natursehule des Maler-Philosophen 
Diefenbach in Hütteldorf an; er versenkt sich 
dort w in Toga und Sandalen - in Kontem- 
plationen und versucht, den Sinn des Lebens 
zu ergründen. Aber er meditiert nicht lange, 
sondern versucht bald den Sinn des Lebens 
anderswo zu finden. - Auf der Szene er- 
scheint die erste für ihn verhängnisvolle 
Frau, das „blonde Fluidum", wie sie Kupka 
in einem Brief nennt: Frau Brühl, eine reife, 
walkürenhafte Dänin, viel älter als der Maler, 
seine erste Liebe, die ihn materiell unterstützt. 
Kupka unterrichtet sie zuerst im Zeichnen, 
später entwirft er für sie Kostüme. Ihre 
Beziehungen entwickeln sich recht exaltiert. 
Anfangs - im Geist der damaligen Mode -, 
liest Kupka seinem grauäugigen Dämon aus 
Plato und den Veden vor. Als die Dänin im 
Jahre 1894 Wien verlaßt, verfolgt sie Kupka 
auf einer sentimentalen Reise nach Berlin und 
weiter über Bornholm, Sylt nach Norwegen, 
Schweden und Dänemark. Trennungen und 
Wiedersehen verleihen dieser ungleichen Be- 
ziehung Spannung. Frau Brühl wohnt eine 
Zeitlang bei Kupka in Paris und unterstützt 
ihn, aber dieses hysterische Glück dauert 
nicht lange. Die Dänin kehrt definitiv nach 
Österreich zurück und stirbt bald darauf an 
einem Krebsleiden in einem Sanatorium in 
der Hinterbrühl. Sie verschwindet zwar aus 
Kupka: Leben, taucht aber noch einige Male 
in seinen Bildern auf, zuletzt in der Ballade 
von den Freuden des Lebens, in einem in 
der Art des Rubens naturalistisch aufgefaßtcn 
Akt, einer blonden Frau zu Pferd (Abb. 2). 
Kupkas Abgang von Wien, die augenblickliche 
Lösung seiner moralischen und ökonomischen 
Lebenslage, bedeutete für ihn keinen Abbruch 
seiner Beziehungen zu diesem Kulturzentrum: 
auf Einladung des Wiener Hagenbunds stellt 
er dort einige Male aus, er behält seine alten 
Freunde, vor allem Hanus Schweiger, an dem 
ihm einerseits das kritische soziale Empfinden, 
anderseits der Sinn für groteske Phantastik 
imponieren. Er knüpft auch neue Freund- 
schaften an, die bemerkenswerteste unter 
ihnen ist die langjährige Beziehung zu J. S. 
Machar, dem tschechischen Dichter und 
Schriftsteller, der damals in Wien Bank- 
beamter war. Die zehnjährige Korrespondenz 
der beiden gibt einen recht guten Einblick 
über ihre Beziehungen. Kupka vertraut sich 
Machar mit allem an H mit seinen Liebes- 
affären, seinen politischen Ansichten, seiner 
Meinung über Literatur und seinen künst- 
lerischen Planen. Er betrachtet Machar als 
einen Gleichgroßen, zu denen er um das Jahr 
1900 Leonardo, Baudelaire, Krapotkin und 
sich selbst zählt. Er hat zu dieser Zeit mit 
Machar denselben philosophischen Ausgangs- 
punkt: der Kultus des Genies und der starken 
Persönlichkeit, inspiriert von Nietzsche, ist 
beiden gemeinsam. Beide verehren heidnische 
Helden und sind Anhänger des Antikleri- 
kalismus, sie lieben Symbolik, üben Kritik 
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an der Gesellschaft und hassen das Spießer- 
tum 
Im Jahre 1901 verbringt Kupka beinahe drei 
Wochen bei Machar in Wien. Diese Zeit 
genügt ihm, um bequem alles besichtigen zu 
können, was dort auf dem Gebiet der Kunst 
geschieht. Ein neuer Stern erster Größe beginnt 
auf dem Kunsthimmel zu strahlen: Klimt. 
Nach seiner Rückkehr nach Paris schreibt 
Kupka an Machar: „Nehmen Sie dort in 
Wien die Sezessionisten ein bißchen aufs 
Korn, sie äffen den Engländern skandalös 
nac ." Trotzdem ist der latente Einfiuß 
Klimts bei Kupka vor allem in seinen biblio- 
philen Illustrationen zum Lied der Lieder 
(1905) und zu den Erinnyen (1906) zu spüren. 
Klimt und Kupka gelangen nach und nach 
bis an die Grenzen afigurativer Bilder. Auf 
anderen Wegen und aus anderen Quellen. Der 
Charakter von Kupkas Talent kann nie Klimts 
Raffinement im Vortrag und im Material er- 
reichen, Kupkas etwas schwerfällige Philo- 
sophie bleibt bei ihm primär. Trotzdem 
verbindet beide das Bewußtsein der Zeit 
und das Bewußtsein verwandter Gedanken- 
strömungen. 
Kupkas Wiener Jahre sind also vor allem 
seine philosophische Vorratskammer. Er ent- 
scheidet sich damals für Schopenhauers und 
Nietzsches Auffassung der Persönlichkeit, er 
beginnt damals das Schlagwort zu prägen, 
der Mensch sei identisch mit der Natur, die 
sich ihrer selbst bewußt ist. Damals inter- 
essieren ihn kosmologische Theorien sehr, 
damals entwickelt sich aus seinem unbewußten 
Rebellentum seine Sympathie für Anarchie. 
Der Keim für sein ganzes künftiges reifes 
Werk, das in umfangreichen Zyklen bald auf 
die Entwicklung der lebenden Materie, bald 
auf das Problem der Bewegung oder auf die 
Frage der Geometrie des Kosmos reagiert, 
war bereits in seinen Wiener Jahren im Suchen 
der Gefühle und Ideen gelegt worden. Es 
macht nichts, daß die Erkenntnisse, zu denen 
er gelangte, nicht sofort und reif in seinen 
Bildern realisiert werden konnten, aber diese 
Erkenntnisse waren so tief und stark, daß sie 
das Rückgrat seines Lebenswerkes werden 
konnten, das nur auf den ersten Blick kontra- 
diktorisch ist. Erst bei näherer Betrachtung 
erkennt man das Streben nach innerer Ge- 
schlossenheit und Verantwortung. Für Kupka 
war das Niederreißen eine etwas zu billige 
Geste. Er schrieb schon im Jahre 1902 sehr 
präzis an Machar: „Hier in Paris sind g 
ausgenommen den offiziellen Charakter der 
Tätigkeit -, die, die erfinderisch sind, deka- 
dent, während ein Mensch slawischen Cha- 
rakters heute mit der allgemeinen Über- 
sättigung nicht einverstanden sein kann, ihm 
scheint es immer, daß Erde und Menschheit 
noch lange weiter existieren werden, und daß 
das alles etwas Neuem zustrebt. Daß wir auch, 
wenn wir alte Traditionen niederreißen, die 
Kraft haben können, etwas Neues aufzubauen. 
Und wenn ich alles zu kritisieren verstehe, 
habe ich doch auch das Bedürfnis, etwas zu 
schaffen, selbst etwas zu bauen." Diese Worte 
haben für alle seine Realisationen Geltung. 
Sie sind auch der Schlüssel zu seinem ganzen 
Werk.
	        
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