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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 83)

 
(leinschmidt 
irbeiten von Helga Aichinger 
ch zupackende Kraft. mit der Helga Aichinger ihre Illustrationen den Texten gesellt, springt sogleich ins Auge. Sie verliert sich nicht an die Vielfalt möglicher 
tände. sondern greift immer nur wenig, eine Figur, eine Situation heraus, aber die selbstverständliche WiFkllChkEil und der gestaltete Anspruch dieses wenigen 
Jnd verlebendigt den Text. indem sie dem Leser zu einer Schau verhelfen, die auch das nicht Dargestellte sichtbar werden läßt. Das Bild regt mit wenigen 
Akzenten und lmpulsen die Schaufähigkeit lenkend an. Auch das Ausgesparte beginnt zu leben, der Leser nimmt auf schöpferische Weise teil. Die Formen? 
: ist einfach. frei von verspieltem Getue und narrativem Getändel w was könnte einer Leserschaft intelligenter Kinder zuträglicher sein? Nichts Süßliches, keine 
Unverbindlichkeit, kein Kunststoffpuppenlächeln, sondern die echte, blühende, zarte und harte lnnenwirklichkeit des Märchens, wie es ist. Für neue Themen- 
antwickelt Helga Aichinger mit Vorliebe auch eine diesen gemäße und ihrer Art entsprechende Technik. ihre Bilder begnügen sich nicht mit Begleitung oder 
ung. sondern wollen adäquater Ausdruck sein. Sie verkörpern und erzählen auf ihre Weise, intensiv und klar. ia auch spröde um der Wahrhaftigkeit willen. 
ites Märchen kehrt in ihrer Schau nicht selten den mythischen Kern hervor und gewinnt so die Großheit. die ihm entspricht. Die rosenrote Brille. die gezierte 
die parfümierte Zutat sind ihr verhaßt, das leere Puppengesicht des gefälschten und verstümmelten Märchens ist verbannt. Sie weiß. dal} manches Märchen in 
iderseele eine ähnliche Reinigung bewirken kann wie die Tragödie in der Seele des Erwachsenen. 
tsich einem Thema selbstvergessen hin, verloren wie ein Kind in sein Spiel. Sie liefert sich aus. bis die Gestalt ans Licht zu treten fordert. Die Dinge treten selbst 
l, die formende Hand dient ihnen nur, gibt ihnen Leib und Sprache. Darum wird man in diesen Arbeiten nichts von Sentiment und eitler Selbstbespiegelung 
die einem so oft die Freude an Illustrationen verleiden. Solche Figuren, im Kosmos formaler Gesetze, die zwanglos und natürlich wirken, weil eine starke 
n ihnen aus freien Stücken gehorcht, sind Kerle. keine blassen Schemen, keine Klischee-Gespenster. Helga Aichingers sehr persönliche Formensprache ist keiner 
g und keiner Einzelerscheinung verpflichtet. Die Künstlerin ging aus der Klasse für Schrift und angewandte Graphik an der Linzer Kunstschule hervor, hat aber 
n Graphiken, Holzschnitten. Radierungen, Applikationen usw. bald ihre unverkennbar eigene Weise gesucht und gefunden, ohne sich einem Vorbild sichtbar 
iließen oder den Regeln einer Schule hörig zu sein. Ihre Figuren, fern von jeder Abbildlichkeit, gewinnen durch Stilisierung und Reduktion auf die einfachsten 
ind Fügungen verdichtetes Wesen, kreatürliche lntensität gerade dann, wenn sie ,.reine Erfindung" sind. Nichts bleibt Staffage. Nebensache, Folie. alles gliedert 
n den inneren Schwerpunkt. Hier herrscht natürliches Wachstum und freies Spiel im Raume einer Gesetzlichkeit. die innen nicht anders waltet als außen. 
alles Lebendigen fühlt man. großen Zusammenhang. Aus dem Vorrat an Formen zu schöpfen, in dem Schatz an Vorstellungen und Möglichkeiten zu wühlen 
wählen, ist ihr Schauder und labyrinthische Verlockung, unergründliches Vergnügen und strenge Erprobung zugleich. Außen und Innen. Makro- und Mikrov 
.sind eins. - Die Welt ihrer Teppiche ist vorwiegend dem Wasser. dem Mond, dem Nächtigen zugeordnet. Das Chthanische wird mächtig. Kaum iemals herrscht 
:ller Tag. eine schwarze Sonne scheint. und dennoch ist es blühende Dunkelheit, Der Tod ist ein Teil des größeren Lebens. 
Aichinger schafft nicht Masken und Kostüme für ihre Vorstellungen. sie halt die Gestalt aus der Materie selbst. Alles ist in Papier und Farbe, in Stoff und Griffel 
enthalten. Sie muß es nur aus dem Ungestalten lösen, befreien zur Gestalt. Das Alphabet der Formen könnte auch "abstrakt" gelesen werden. aber es gewinnt 
Gestaltung eines Themas wesenhafte Bedeutung, umschreibt den Raum. in den es einzutreten gilt. Man kann sich gleichwohl in den Räumen dieser Bilder frei 
n. auch ohne durch das Thema auf den Gegenstand festgelegt zu sein. Das Ungesagte, Ausgesparte schafft erst ihre Ganzheit. Das innere Maß mag manchmal 
erlocken. sich solcherlei Figuren groß zu denken. Man wird vergebens nach Effekten. nach kleinlichern Beiwerk forschen, der Zug zum ElÜfCIChEGFOÜEU hir 
t zu übersehen. Die billige Schönrednerei des nur Dekorativen. die Eleganz des Vortrags wird man oft vermissen. Frische und lebensvolle Eigenart aber sinc 
eingetauscht. Wieviel längst Bekanntes meint man so zum erstenmal zu sehen, wie am ersten Tag. mit Kinderaugen. die sich die Welt in Bildern erobern. 
auigkeiten, die gleichwohl organisch und rhythmisch richtig sind, wie sie ein Blatt oder einen Kristall beleben, sind niemals Widersprüche gegen das Gesetz. 
n Ausblicke in das Spiel unendlicher Möglichkeiten. Durch Fugen und spröde Flächen, durch das schwingende Geäst der Striche bricht die Fülle des Ungesagten 
blickt der Urgrund selbst. 
 
algu Aichinger. Figurnle und 
bilder aus Kinderbücharn 
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