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Objekt: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 5)

man nach seinem neuerfundenen Titel hinzufügen darf). Er hat auch das grundmoderne 
Geschäftshaus der Firma Ponzois und Fix in der Ungargasse erbaut, das wir an dieser 
Stelle (Jahrgang 1901, Heft 6-7) schon gewürdigt haben. Dort ist sein Material für die 
beiden unteren Geschosse schwedischer Granit, für die oberen Flächen Zsolnay'scher 
Pyrogranit; die Fläche ist absolut, sogar mit Verzicht auf das Hauptgesimse, einfach linear 
eingeschnittene Fenster, vorkragend bloss die Metallmontierung in einer Reihe mächtiger 
Beleuchtungskörper und in der eisernen Spangenreihe des Dachgeschosses. Es ist eine 
von selbst durchaus wetterfeste Facade, die keine Schutzteile braucht und nach Bedarf 
reingescheuen werden kann, wie die Grabsteine in England. Das Haus am Kohlmarkt ist 
nach Stoff, Stil und Bestimmung mehr dem Intravillan angemessen. Die äussere Bekleidung 
durchaus Marmor, im Erd- und Zwischengeschoss roter ungarischer, weiter hinauf Platten 
von hellgrauem Carrara, von dem die zierlichen Fensterrahmen und zwei mächtige 
Eckpilaster gleichfalls in Rot abstechen. Die dreifachen Fenster, nur drei in jedem 
Stockwerk, heben sich mit kaum noch merklichem Anklang an barocke Erkerform etwas 
hervor. Die Pfeilerköpfe des Untergeschosses haben ein vergoldetes Zierglied, das 
zahnschnittartig aus kleinen kubischen Konsolen besteht. An den breiten Eckpilastem 
wachsen in halber Höhe zwei kolossale Halbhguren von Canciani im höchsten Relief 
hervor, eine weibliche und eine männliche, die sich als Natur und Kunst geben. Zu oberst 
ladet ein flaches Vordach von gewalzten eisernen Trägern mit zwischengeschobenen 
Marmorplatten weitaus und schützt die Betrachter der Schaufenster vor atmosphärischen 
Unannehmlichkeiten. Die innere Einteilung wurde durch die seltsamen Verhältnisse des 
tiefen, schmalen, in scharfen Winkeln immer spitzer zulaufenden Baugrundes erschwert. 
Trotzdem hat der Architekt darin Elemente der Symmetrie zu finden gewusst. Der Vorder- 
raum ist ein schönes, geräumiges Viereck und als Verkaufslokal ruhig und kräftig in natur- 
hellem Eichenholz (Portois und Fix) eingerichtet. Die Schränke mit ihren Fächern oder 
Läden und Türen, der lange Schautisch und die Armsessel mit halbkreisförmigen, in Reifen 
aufgelösten Lehnen sind Muster jener soliden Eleganz, die eine der besten Früchte der 
modernen Versuche ist. Nach innen schliesst sich der glasgedeckte Hof an, in den sich 
von rechts die Kurve des elliptischen Treppenhauses einbaucht, der Langwand gegenüber, 
die mit ihr zu einem schliesslich doch symmetrischen Grundriss verbunden ist. Der hinterste 
spitze Winkel des Baugrundes ist als Lesenische verwertet. 
Im Glashofe sieht man jetzt die Eröffnungsausstellung, die dem glücklichen Zufall 
einen Clou ungewöhnlicher Art verdankt. Beim Ausräumen des alten Hauses fanden sich 
unter den Vorräten des Depots drei aufgerollte alte Leinwanden, die sich unverweilt als 
Meisterwerke Tiepolos entpuppten. Seit dreissig Jahren lagen sie vergessen, nachdem der 
Vater der jetzigen Firmainhaber, August Artaria sen., sie aus der Villa Girola bei Blevio 
am Comersee mitgebracht, die sein in Como ansässiger Grossvater Francesco im Jahre 
1798 erworben hatte. Francesco und sein Bruder Carlo sind die Gründer der Firma Artaria 
(1770). Ein noch erhaltener Brief des Sohnes Tiepolo (Giovanni Domenico) an Francesco 
Artaria zeigt, dass dieser mit der Familie des Malers, wohl auch mit diesem selbst, in 
Verbindung gestanden. Villa Girola ist den Wienern nicht ganz terra incognita; sie wurde 
anno dazumal sogar von Jakob und Rudolf Alt in Aquarell gemalt. Eine eingehende Publi- 
kation über Tiepolo und die neuentdeckten Bilder, mit Text von Heinrich Modern, wird von 
Artaria soeben vorbereitet. Nach einigen Aushängebogen, die wir benützen, verspricht sie 
reichliches und kritisch behandeltes Material. Von den drei Bildern ist das Hauptbild ein 
„Triumph der Amphitrite", in der Art der seit Raffael sogenannten Triumphe der Galatea; das 
andere zeigtJuno auf dem Pfauenwagen durch die Luft einherfahrend; das dritte Bacchus, 
rittlings auf einem Fasse, Ariadne mit einem Sternenkranze bekränzend. OiTenbar gehören 
die Bilder einem Zyklus der vier Elemente an, von dem sich nur Luft, Wasser und Erde 
erhalten haben. Sie sind dermalen von Professor Viktor Jasper sorgfältig gereinigt und 
restauriert, so dass ihre prächtige dekorative Wirkung, die Phantasie und der Humor der 
Einzelheiten, das Luftige der in manchem Motiv (wie den Lichtreliexen des Sternenkranzes
	        
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