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Helio Oiticica, mit Parangole P22 Umhang 18, 
»Nirwana«, mit Antonio Manuei, 1968. 
Centro de Arte Helio Oiticica, Rio de Janeiro 
25 Jahren schrieb, spricht von Mondrians künstierischer 
Zieisetzung: seine Kunst solle »weder Wandgemälde noch 
angewandte Kunst sein, doch etwas Expressives, das wie 
die »Schönheit des Lebens« sein würde, etwas, das er nicht 
definieren könne, weil es noch nicht existierte««.’“ Die klare 
Schönheit und die reinen Farben in Oiticicas frühen Gemälden 
hätten vermuten lassen können, daß er im zeitgenössischen 
Modernisierungsenthusiasmus Brasiliens eine technizisti- 
sche, konstruktivistische Position einnehmen würde. Doch er 
selbst identifizierte sich mit jenen Gruppen, die von der 
Gesellschaft am meisten an den Rand gedrängt werden: mit 
den Fave/a-Bewohnern, den Gesetzlosen, den Vagabunden. 
Nicht in einem modernen Utopia, sondern in der »verzweifel 
ten Suche nach Glück««, in den Akten der Rebellion, in der 
Sehnsucht und Raffinesse des Samba, in den Impro 
visationen der Barackenbauer, in der Erde und den weg 
geworfenen Objekten auf dem Brachland der Stadt fand er 
Anzeichen für eine neue Kultur. Oiticica kombinierte seine 
sinnliche Antwort auf die Umgebung mit einem sehr phanta 
sievollen System aus konzeptuellen Ordnungen, die einen 
16 »Helio Oiticica««, Tagebucheintrag, 16. Februar 1961, in: 
Helio Oiticica, Rotterdam 1992, S. 42. 
kreativen Nukleus darstellen sollten, der sowohl ästhe 
tisch/strukturell als auch ethnisch/sozial definiert war und auf 
jeder Erfahrungsebene, vom Objekt bis zum gesamten 
Environment Gültigkeit besaß. Zwei suggestive Konzepte 
umrahmten das Ganze: Weltschutz, der Begriff einer bewohn 
baren Welt, und Crelazer oder Creleisure, ein Neologismus 
aus dem portugiesischen crer (glauben), criar (erschaffen), 
lazer (Muße) und vielleicht creole. Crelazer war die Wider 
legung des ganzen Wertesystems, das Kolonialismus und 
Rassismus zugrundeliegt, die Vorstellung von einer »Welt, die 
sich selbst durch unsere Muße, in ihr und um sie herum, 
erschafft, nicht als Flucht, sondern als Erfüllung der höchsten 
menschlichen Wünsche«.” 
Parangole war vielleicht Oiticicas schönste Erfindung: ein ver- 
änderiiches Kunstwerk, das sich mit dem Körper und der 
Ausstrahlung jedes einzelnen Wesens verbindet. Jeder seiner 
Umhänge hat eine andere Struktur, einen anderen Charakter, 
der meist durch ein bestimmtes Individuum oder eine Gruppe 
inspiriert ist. Wenn der Performance-Teilnehmer ihn anzieht 
oder darin tanzt, ver- und entschleiert er seine verschiedenen 
17 lbid.,S.136.
	        

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