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und der wilden Verwandlung des Privatlebens angesichts, 
aber auch in Verbindung mit der Verpflichtung zur sozialen 
Veränderung des urbanen Lebens - all das ist in Lebeis Buch 
Anthologie de ta poesie de la Beat Generation (1966) nachzu 
lesen. 
All diese Aspekte von Lebeis intellektuellem Werdegang tra 
ten auf den Festivals de la Libre Expression, die er zwischen 
1964 und 1967 organisierte, deutlich zutage. Lebel gelang es 
besser als irgendeinem anderen Aktionskünstler, ein interna 
tionales Umfeld für seine Kunstaktionen zu schaffen und einen 
Querschnitt von Leuten aus Fluxus und Nouveau Realisme zu 
versammeln, die Happenings mit Beat-Poeten und Dichtern 
der Konkreten Poesie, mit Dramatikern, Jazzmusikern, Film 
stars, Intellektuellen, Dadaisten und Surrealisten wie Man 
Ray und Duchamp veranstalteten. Auf dem ersten Festival 
führte Carolee Schneemann AJeaf Joy vor, eine Aktion, die von 
der Pariser Presse als »Orgie« bezeichnet wurde. Im Rahmen 
des zweiten Festival de la Libre Expression im American 
Center in Paris inszenierte Lebel die Zerstörung eines Autos 
als rituelle Opferung. Während die Künstler dem Wagen mit 
Äxten und Hämmern zu Leibe rückten, bahnte sich eine nackte 
Frau auf einem Motorrad ihren Weg durch die Menge hinauf 
auf die Bühne. Der Saal verwandelte sich in ein frenetisches 
Spektakel aus Lichtern, Klängen und Bewegung. Syste 
matisch drapierte man Spaghetti auf den Körper einer Frau und 
schleuderte die Nudeln anschließend in die Menge, während 
Lawrence Ferlinghetti ein Gedicht über Revolte vortrug. 
Aus der Perspektive der späten Neunziger waren die Männer 
und Frauen, die solche ästhetischen Mittel zur »Befreiung« 
ersannen, völlig blind gegenüber der potentiellen Frauen 
feindlichkeit ihrer Praktiken, Der damalige historische Kontext 
war da schon kritischer. In dem 1966 erschienenen Buch Le 
Happening breitet Lebel seine Ideen weiter aus. Er zitiert 
Herbert Marcuses Eros and Civilization'. »Psychologische 
Probleme werden zu politischen Problemen«, und Batailles 
L’Eros et ta Fasclnation de la Mort: »Erotik wird aus dem 
Verbotenen geboren und lebt vom Verbotenen.« Lebel verur 
teilte Merleau-Pontys Bemerkung, daß »halluzinatorische 
Phänomene weder Teil der Welt noch zugänglich seien«, als 
ein »Verdammen der Kunst und ihrer Ausdrucksweisen«.'^ Er 
setzt dem entgegen: »Happenings geben sich nicht damit 
zufrieden, das Leben zu interpretieren, sie sind vielmehr an 
der Entfaltung des Lebens beteiligt.« Am Beginn jeder 
Umwandlung steht das Übertreten von Regeln und die 
Subversion, erklärt Lebe! und erinnert daran, daß Kandinsky 
zur Abstraktion kam, indem er sich ein auf den Kopf gedreh 
tes Bild von Monet anschaute, und wie Marx Hegel bekehrte. 
Seine zentrale Aussage lautet, daß »jedem Happening ein 
Geflecht von Bedeutungen innewohnte, die aus genau dem 
sozialen und psychologischen Kontext abgeleitet wurden, in 
dem sie sich ereignen«, und daß es aus diesem Grund »keine 
allgemeine Theorie des Happenings geben kann«. »Auf das 
Action painting«, argumentiert er weiter, »konnte nur noch 
ACTION folgen...Wir tragen ein Gefühl der Apokalypse in 
uns,...einen unüberwindlichen Ekel vor einer »glücklichen 
Zivilisation« und ihrem Hiroshima.« Das Happening bot Lebel 
eine »psychosoziale Umgebung««, es war eine »geistig-kör 
perliche Erfahrung«, die durch Halluzinogene wie LSD noch 
verstärkt werden konnte, die »Voyeure in Seher verwandeln 
mußte« (IL FAUT ETRE VOYANT, PAS VOYEUR); und 
schließlich: »Im Mittelpunkt der zeitgenössischen Kunst steht 
heute die Erneuerung und Intensivierung der Wahrnehmung.« 
Ganz gleich, ob man solche Bilder und Aktionen bejubelt oder 
verflucht, es ist ihnen auf jeden Fall gelungen, die Mauern 
einer erstickenden, heuchlerischen, konventionellen Moral 
und somatischer Phobien (Angst vor dem Körper und daraus 
resultierende Unterdrückung des Körperlichen) nieder 
zureißen, um - öffentlich - frischen Wind hereinzulassen. Die 
Diskurse, an denen solche Aktionen beteiligt waren, gehörten 
zu einem weiten Feld von Positionen einer Befreiungs 
ideologie, wie sie in erster Linie von der Neuen Linken vertre 
ten wurde, einer Bewegung, die paradoxenweise Ende der 
sechziger Jahre dem Feminismus zum Durchbruch verhalt. 
Aber weder Lebel noch die Frauen, die in solchen Happenings 
mitwirkten und wie bei Yves Klein beispielsweise als »lebende 
Pinsel«« dienten, noch die Kultur im allgemeinen waren damals 
in der Lage, Fragen zu stellen, wie sie ein Jahrzehnt später 
möglich waren. 1974 hatte Lynda Benglis das Problem 
Sexismus soweit erfaßt, daß sie mit kritischer Distanz, Ironie, 
Humor und Parodie auf ein Photo von Robert Morris reagie 
ren konnte, das er im April desselben Jahres aut dem Plakat 
für seine Ausstellung in der Castelli-Sonnabend Gallery in 
New York venwendete und das den nackten Künstler von der 
Hüfte an zeigte, um den Hals ein metallenes Hundehalsband 
und schwere Eisenketten, und auf dem Kopf einen 
Metallhelm; das Gesamtbild wirkte wie ein gigantischer, glän 
zender Phallus mit bewehrter Eichel. Wie Mira Schor richtig 
feststellt, funktioniert dieses Bild nur deshalb, weil Morris sei- 
72 Jean-Jacques Lebel, Le Happening, Paris 1966, S. 22.
	        

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