MAK
AI Hansen, AI Does a Newspaper Snow Job (Hansen läßt es Zeitungen schneien), 
aus: McLuhan Megillah, Time Space Theatre, 12. Februar 1966 
zieren, wie Teiie der Vorgänge in der Natur - von tatsächiich 
existierenden bioiogischen Systemen bis hin zu innergeseii- 
schaftiichen Beziehungen - mit einem größeren Ganzen in 
Verbindung gebracht werden könnten. 
Kurzes Leben auf der Dritten Schiene 
»Poie-vauiting around« - Stabhochspringen - so beschrieb AI 
Hansen seine Art zu leben. Hansen war eine unerschöpfliche 
Energiequelle für die internationale Kunstszene und wurde 
zum Informationskanal, der die europäischen und amerikani 
schen Künstler verband, die sich mit Happenings, Fluxus und 
später mit Performance befaßten.'“ Er selbst sagte von sich, 
er sei »ein >Naturtalent< und ein bißchen ein Primitiver«. 
Hansen lebte die meiste Zeit von der Hand in den Mund, er 
trat als Straßenkünstler auf, reiste viel und war immer dabei, 
immer unterwegs, er bestimmte »die Szene«, in den Ver 
einigten Staaten wie in Europa. »Ich habe einfach ständig 
kommuniziert, mitgemischt und was nicht alles, ich habe was 
bewegt«, erklärte er. Und das hat er tatsächlich getan.'® 
Hansen war elektrisch. Er sprühte vor Energie, die er in 
Information umwandelte. Seinen »Lebens-Happenings- 
Raum« nannte er »Third Rail Gallery of Current Art« (Galerie für 
Aktuelle Kunst, Dritte Schiene). Manchmal »3rd Rail Gallery« 
geschrieben, bezog sich der Name auf die gefährliche dritte 
Metallschiene eines Bahngleises, über die der Hoch 
spannungsstrom zu den Motoren elektrischer Loks fließt. Mit 
dem Beginn seiner »Maschinenkunst« taufte Hansen sein 
Zuhause »Lebensquartier«. Die Tatsache, daß Hansen seinen 
Lebens-Ausstellungsraum als »third rail« sah, kommentierte 
Allan Kaprow folgendermaßen: 
Wir sahen darin eine Art Gefahrenmetapher dafür, daß man 
sich jederzeit einen tödlichen elektrischen Schlag holen 
konnte; wenn er sein eigenes Zuhause als dritte Schiene 
bezeichnete, so empfand er sein restliches Leben mit all 
den Kraftverschiebungen vielleicht als eine gefährliche 
Welt. Deshalb mußte er ständig in Bewegung bleiben.'® 
Und wieder war es Kaprow, der den Unterschied zwischen 
Hansen und vielen anderen Happening-Künstlern am ein 
dringlichsten formulierte: »AI war impulsiv, Happenings hin 
gegen waren poetisch. AI war ein offenherziger Abenteurer, 
Happenings waren stille Forschungen. AI war ein Draufgänger, 
der die Leute dazu brachte, ihn zu bewundern, aber auch zu 
fürchten. Sein Trick war die Anziehungskraft der Gefahr.«'®^ 
Hansen war zwar in das Umfeld und die Events von Fluxus 
involviert, seine extrem instinktive Arbeitsweise und seine 
unverblümten Verweise auf Sex und Gewalt jedoch eckten in 
diesem Kontext überall an. Im Fluxus wurde Sexualität stär 
ker sublimiert als in den unverhohlen hedonistischen Per 
formance-Praktiken von Happening und Pop art - drei Kunst 
richtungen, die in den sechziger Jahren koexistierten, sich 
überschnitten und zeitweise auch vermischten. 
In gewisser Weise lavierte Hansen also irgendwo zwischen 
den Künstlern herum, die im Bereich von Happening, Fluxus, 
Pop art und später Performance und Rockmusik aktiv waren. 
Als ewiger Außenseiter war seine Persönlichkeit maßgeblich 
für seinen kommerziellen und persönlichen Erfolg. Während 
andere Künstler an ihrem Ruf arbeiteten, scherte sich Hansen 
einen Dreck darum: »Ich flippe gerne aus und führe mich auf, 
und ich verschwinde auch mal aus der Szene. Ein, zwei Jahre 
später tauche ich dann wieder auf und provoziere die ganzen 
Typen und Tussies, die immer auf Zack sind und in der 
Zwischenzeit an ihrer Karriere gebastelt haben.« 
Hansen ließ sich nie von der kommerziellen Kunstgemeinde 
benutzen. Er produzierte weder einen verkäuflichen Werk 
korpus (so originell und wundervoll seine Collagen auch sind) 
oder ein ordentliches Happening (er selbst räumte ein, seine 
Events seien derart unberechenbar, daß schon mal jemand 
körperlich dabei zu Schaden kommen könnte)'®, noch schuf 
er eine kommerzialisierbare Person als Performance-Künstler 
(obwohl er auf diesem Gebiet kommerziell etwas erfolgreicher 
war). Hansens Happenings hatten etwas Rohes. Er arbeitete 
mit Abfällen, die Schneemann als »Müll, mit dem nachher 
nichts mehr anzufangen war«, bezeichnete, »ganz im Gegen 
satz zu den magischen, eingebetteten Objekten, die Olden 
burg aus weggeworfenen Materialien schuf, von denen nach 
einem Event noch etwas übrig blieb«. »Am Ende eines 
Hansen-Happenings«, erklärte sie lachend, »sah es aus, als 
wäre im Restaurant die Kloschüssel übergelaufen.«'® 
Der Kunstmarkt hat nie begriffen, daß Hansen die Fähigkeit 
besaß, das zu sein, was man theoretisch als Happening 
194 Sofern nicht anders angegeben, stammen sämtliche Zitate von 
Hansen aus seinen unveröffentlichten Briefen an die Autorin 
(1979-80). 
195 AI Hansen im Gespräch mit Jan Van Raay, »Interview«, 7. 
August 1979, in: Artzien, 1,9, Amsterdam, September 1979, o. 
S. 
196 Allan Kaprow im Gespräch mit der Autorin, 12. November 1996, 
State College, Pennsylvania. 
197 Ibid. 
198 Nach Hansens Beschreibung muß beispielsweise das »Hall 
Street Happening« der helle Wahnsinn gewesen sein. Siehe A 
Primer of Happenings and Time/Space Art, New York 1965, S. 
11-20. 
199 Schneemann im Gespräch mit der Autorin, 4. August 1997.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.