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Realists« teil, die in derSidney Janis Gallery stattfand, und an 
einer Ausstellung in der Galerie Internationale d'Art Contem- 
porain, für die er mehrere seiner Bücherarbeiten zur Verfügung 
stellte, darunter auch Skoob Box. Wie Walker schreibt, war 
dieses Werk »eine Environmentskulptur, ein Würfel, der groß 
genug war, eine stehende menschliche Gestalt darin unter 
zubringen und der aus mit Leinwand bespannter Hardfaser- 
pappe bestand. Es gab drei plastische Reliefmassen, die sich 
von den Wänden und der Decke erstreckten, wo sich von rechts 
eine Spirale zwischen sie schob. Die Arbeit war vollendet, wenn 
sich jemand in die Box stellte und seine Aufmerksamkeit 
beitrug. Über dem Kopf des Zuschauers befanden sich ein 
einziges Buch und zwei Lichter-ein weißes und ein »schwar 
zes- (das heißt ultraviolettes) -, die mit einem Dimmer verse 
hen waren, der eine 3-Phasen-Sequenz von »schwarzem- und 
weißem Licht und Zwielicht erzeugte (wobei jede Phase fünf 
zehn Sekunden dauerte).«“^ Latham schuf 1962 zahlreiche 
andere Arbeiten, darunter auch Skoob Dress, das aus einer 
besprühten Leinwand bestand, in die Bücher genäht worden 
waren, und das von seiner Frau Barbara getragen wurde, aber 
auch Kinetic Sculpture, das aus drei ramponierten Koffern 
bestand, einem Verbindungsstab und zwei Elektromotoren, die 
die Koffer jeweils neun oder elf Sekunden lang in Bewegung 
versetzten. Der Koffer, der wie ein vergrößertes Buch geformt 
war, stellte eine unbeholfene und entschieden unraffinierte Ant 
wort auf Tingueiys elegantere und ausgeklügeltere mechani 
sche Objekte dar. 
1963 hatte Latham mit seinen Assemblagen schließlich die Auf 
merksamkeit wichtiger Kunstkritiker auf sich gezogen. In einer 
Besprechung seiner und anderer Arbeiten mit dem Titel 
»Sculpture - Inside and Outside«, die im Juni des gleichen Jah 
res in der angesehenen englischen Zeitschrift Apo//o erschien 
und die es wert ist, ausführlicher zitiert zu werden, schreibt 
der Kritiker Edwin Mullins: 
Man kann sagen, daß John Latham (Kasmin) einer der 
wenigen lebenden Künstler ist, die in der Lage sind, die 
Grenzen der visuellen Erfahrung auszuweiten. Betrach 
tet man Lathams Konstruktionen aus Büchern und 
Metall, so hat man das Gefühl, daß die Reaktionen, zu 
denen die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts uns bis 
lang erzogen hat - selbst unsere Reaktionen auf Schwit- 
ters und Duchamp - insgesamt unangemessen sind. 
40 lbid.,S.62. 
41 Edwin Mullins, »Sculpture - Inside and Outside«, in: Apollo 77, 
16. Juni 1963, S.504. 
Auf der einfachsten Ebene können sie wie das Bild eines 
abstrakten Expressionisten gewürdigt werden: als 
impulsive Gesten, die eine Unzahl unmittelbarer Empfin 
dungen wie Zerstörung, Verzweiflung, Metamorphose, 
die Bewegung und Konzentration von Objekten im 
Raum und ähnliches vermitteln. Aber das genügt nicht; 
warum denn sonst die Verwendung von Büchern... von 
wirklichen Maschinen, und warum die stillschweigende 
Einladung, an ihnen herumzufummeln? Eben diese intel 
lektuelle Anziehungskraft seiner Arbeiten - fast eine phi 
losophische Botschaft - befindet sich außerhalb des 
Bereichs rein abstrakter Kunst, wenn nicht der visuellen 
Kunst überhaupt. Mit Kitaj, der Kunst der Neuen Reali 
sten im allgemeinen und nun mit Latham wird der 
Betrachter immer stärker dazu aufgefordert, intellektu 
elle, oft literarische Bezüge als legitimen Teil unseres 
Vergnügens an der Kunst zu betrachten.'" 
Dennoch trugen die Tatsachen, daß dieser Kritiker ihn auch 
als »fehigeleiteten Intellektuellen« bezeichnete, daß sein 
Händler glaubte, er sei »zu theoretisch geworden« und daß seine 
Ausstellung im gleichen Jahr in der Bear Lane Gallery in Oxford 
extrem umstritten war und mit ein Grund war, daß er sich von 
der John Kasmin Gallery trennte, dazu bei, daß Latham von 
einer tiefen persönlichen Verzweiflung ergriffen wurde. 
Aus dieser Verzweiflung, und sicher auch bestärkt durch das 
heftige Anwachsen der Zerstörungsbewegung in der Kunst 
(die von der bedeutenden, wenn auch exzentrischen Ge 
schichte der Gewalt bei englischen Künstlern von Francis 
Bacon bis Gustav Metzger legitimiert wurde), wandelte Lat 
ham im Juli 1964 seine filmischen Experimente, die auf dem 
Element der Zeit basierten, in eine Reihe öffentlicher Events 
um, bei denen er wolkenkratzerartige Büchertürme in Flam 
men aufgehen ließ: die Skooö Towers. Nach dem Vorbild von 
Metzgers South Bank Demonstration schuf er biographisch 
orientierte Arbeiten, die auch mit dem allgemeinen politischen 
Nachkriegskontext des Erbes von Nazideutschland und dem 
Bewußtsein des Holocaust in Verbindung standen. Latham erin 
nerte sich 1994: »Die Türme waren eine Lösung für das Pro 
blem der konstitutionellen Anomalie, derzufolge das Recht auf 
freie Rede und schweigende Konstruktionen durch die An 
wendung von Paragraphen klammheimlich abgeschafft wer 
den kann.«'*^ 
42 John A. Walker {wie Anm. 39), S. 65.
	        

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