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fullscreen: Monatszeitschrift XIX (1916 / Heft 1 und 2)

Einen ähnlichen Umschwung - nur ist er in der Praxis weit 
weniger durchgeführt - zeigen auch die Spitzen von Bollarth und die 
Stickereien von Kunz 8c Mössrner. Diese Spitzen sind auf Grundlage 
der alten Techniken von dem unter Storck's Leitung stehenden nSpitzen- 
cursu ausgegangen, aber echt österreichisch nach Stylgefühl und Zeichnung. 
Diese Art ist hier begonnen und nirgendwo anders, und wenn sie gegen- 
wärtig noch sehr langsam Boden gewinnt, so wird doch einmal die 
Zeit kommen, wo sie die herrschende sein wird, leider vermuthlich dann, 
wenn sie von Belgien und Frankreich aufgenommen worden. Man glaubt 
ja nur der Fremde. Die Stickereien von Kunz 81 Mössmer haben mit 
Glück die Motive der buntfarbigen südslavischen Stickereien industriell 
verwerthet, wiederum ein Beweis, wie anregende, befruchtende und ver- 
wendbare Motive in unserer nationalen Hauskunst schlummern. 
Mit Kunz 8c Mössrner sind wir schon in die vier kleineren Räume 
unserer Ausstellung gedrungen, welche der eigentlichen Ausstattung und 
Decoration der Wohnung gewidmet sind. Nur ein einziges Möbelstück, 
ein überaus reich mit Schnitzerei verzierter Kasten von Würfel, steht 
im großen Saale. Das erste dieser Gemächer ist voll und ganz von einer 
Einrichtung eingenommen, die aus den Tischlerwerkstätten von Michel 
hervorgegangen ist. Alles, was wir hier sehen, die verschiedenartigen 
Möbelstücke, Bett und Kasten, Tische und Sitzmöbel, dazu Teppiche und 
Decken, Vorhänge und Bettüberzüge, der Ofen selbst, Alles ist von einer 
Hand entworfen und gezeichnet, wenn auch von sehr verschiedenen Händen 
ausgeführt. Der reich verzierte Ofen z. B. ist ein Werk von Bernhard 
Erndt, die Stickerei von C. Giani. Alle die Zeichnungen hat nicht 
eine fremde Hand geliefert, sondern der Inhaber und Leiter des Geschäftes 
der junge Michel, ein Schüler des Museums, der in der Kunstgewerbe- 
schule seine Ausbildung erhalten hat. Hier zeigt sich glänzend die Frucht, 
wenn Theorie und Praxis in der künstlerischen Erziehung neben einander 
gehen. Alles erscheint so vollkommen, so sachgemäß, so harmonisch. 
Eine schöne, dem Materiale und Zwecke entsprechende Zeichnung steht 
zur Seite der genauesten, sorgfältigsten Ausführung. Und noch Eines ist 
es, was uns vom Standpunkte des Museums aus diese Gegenstände be- 
merkenswerth macht. In der Feinheit der Profile, in den Motiven der 
Ornamente, in der zarten Behandlung des flachen Reliefs nach Weise der 
Frlihrenaissance sind sie so im Geiste dessen geschaifen, was von früh 
an im Museum und seiner Schule gelehrt worden, dass sie dafür als 
Repräsentanten zu betrachten sind und im vollen Gegensatze zu den. 
schweren und derben Formen stehen, die man jetzt in Deutschland als 
deutsche Renaissance bezeichnet. 
Den nächstfolgenden Raum, das ehemalige Kaiserzimmer aus dem 
Pavillon der Weltausstellung von 1873, hat der Tapezierer Schen_zl 
mit einer Reihe moderner Sitzmöbel von phantasievollen, einladenden 
Formen und milden Farben salonartig eingerichtet; ein großer Flügel von
	        

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