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Skandinavien trug wesentlich zur Ausbildung neuer Her 
stellungsmethoden und in der Folge zur Entwicklung daraus 
abgeleiteter Möbelformen bei, die auch den heutigen 
Sesseln ihr Gepräge geben. Der Aufschwung, den dort 
gerade dieser Handwerks- und Industriezweig genommen 
hat, beruht auf dem Zusammenwirken verschiedener 
günstiger Umstände; doch hatten sich diese nicht zufällig 
ergeben, sondern — und das ist als wesentlich zu betonen — 
jede Komponente war in ihrer Bedeutung für die gestellte 
Aufgabe wahrgenommen und zielbewußt eingeplant 
worden. 
In Dänemark war bereits in den zwanziger Jahren der 
soziale Aspekt für die Gestaltung der Möbel als bestimmend 
erkannt worden; die vom Bauhaus vertretenen Theorien 
wurden wirksam und der Funktionalismus zum ausschlag 
gebenden Leitmotiv. Aber — und hier liegt eine deutliche 
Parallele zu den Wiener Verhältnissen vor — Funktionalis 
mus und Bauhaustendenzen wurden wohl in ihrer Bedeu 
tung richtig erkannt, doch ging man nicht so weit, sie in 
Bausch und Bogen zu übernehmen. Man entschloß sich 
vielmehr zu dem gewiß weniger spektakulären Weg der 
kontinuierlichen Entwicklung. 
Das vielfältige Interesse an einer Reform des Mobiliars 
führte 1924 zur Gründung einer eigenen Möbelschule an 
der Königlichen Akademie der schönen Künste in Kopen 
hagen. Zu ihrem Leiter wurde der sechsunddreißigjährige 
Architekt Kaare Klint bestellt. Auch für ihn war die Analyse 
der Funktion, die optimale Zweckmäßigkeit, ausschlag 
gebend. Bei der praktischen Verwirklichung vermied er 
jedoch, im Gegensatz zum Bauhaus, das Experimentieren 
mit neuen vom Anspruch künstlerischer Autonomie 
beeinflußten Formen, sondern hielt es für rationeller, sich 
auch bisherige Erfahrungen und bewährte Lösungen 
zunutze zu machen. Diese Einstellung bildete die Aus 
gangsposition. Denn mehrere der bekanntesten Entwerfer 
sind durch Klints Schule gegangen. 
Unter den in der Ausstellung vertretenen Entwerfern fanden 
die einen, wie P. Hvidt, F. Juhl, 0. Molgaard-Nielsen, 
V. Panton, A. Thygesen, K. Vedel und 0. Wanscher, über 
die Architektur dazu, sich mit den Gestaltungsproblemen 
von Sesseln zu befassen, andere wieder kamen aus dem 
Tischlerhandwerk, wie B. Mogensen, N. 0. Möller, A. Wahl 
Iversen, H. J. Wegener und I. Wikkelso, darunter Namen 
von internationalem Rang. Gerade ihr Beitrag warbesonders 
bedeutsam, weil zu ihrer künstlerischen Begabung noch 
die aus der Praxis gewonnene Vertrautheit mit dem Material 
und mit der Herstellung hinzukam. 
Schon im Jahre 1927 hatten die Kopenhagener Tischler 
die Bildung einer Ausstellungsorganisation beschlossen, 
in deren Rahmen es im Laufe der Zeit zu einer intensiven 
und ungemein fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen 
Erzeugern und Entwerfern kam. Dabei stand, im Gegensatz 
zur herkömmlichen Möbelindustrie und zum Möbelhandel, 
stets der soziale Aspekt des guten, soliden, schlichten und 
erschwinglichen Möbels im Vordergrund. Seit 1930 wurde 
es dann zur Regel, vor jeder Ausstellung einen Wettbewerb 
für neue Möbelentwürfe auszuschreiben. Dieser bot den 
Entwerfern noch mehr als bisher Gelegenheit, ihre schöpfe 
rischen Fähigkeiten in den Dienst der Sache zu stellen 
und immer wieder neue Vorschläge beizusteuern. Das 
Bestreben, die Produktionsmethoden möglichst zu ratio 
nalisieren, bedingte auch eine Zunahme der industriellen 
Fertigung. Das altbewährte Verfahren des Biegens massiver 
Rundhölzer oder Schichtholzleisten für die Gestelle und 
des Formens von Sperrholzplatten für die Sitze und Rücken 
lehnen führte gegen Ende der vierziger Jahrezu Ergebnissen, 
die nicht nur wegen ihrer Neuartigkeit, sondern auch 
wegen ihrer formalen Qualitäten in Verbindung mit wohl 
durchdachter Brauchbarkeit der dänischen Sesselerzeu 
gung internationalen Erfolg einbrachte. Vieles trug freilich 
auch die vorbildliche Organisation bei: die gruppenweise 
Zusammenarbeit gleichartiger Betriebe, die Leistungs 
steigerung durch Einführung der Quaiitätsmarke, die mit 
strengen Kontrollen verbunden ist, und nicht zuletzt die 
Investitionen sowie die verschiedenen staatlichen, zumal 
den Export fördernden Maßnahmen. 
Was am Beispiel Dänemarks erläutert wurde, gilt im wesent 
lichen auch für die übrigen skandinavischen Staaten. Wie 
die Länder historisch und kulturell eng miteinander ver 
bunden sind und ihre Lebensweise viele Gemeinsamkeiten 
aufweist, so wirken die dort erzeugten Möbel — schon gar 
für den Ausländer — als Glieder einer großen Familie. 
Aber Verwandtschaft besagt noch lange nicht Gleich 
förmigkeit, sondern läßt Unterschieden und Variations 
möglichkeiten einen breiten Spielraum. 
In Schweden hat sich B. Mathsson einen weithin bekannten 
Namen gemacht. Er ist gelernter Tischler und Autodidakt; 
sein Interesse gilt aber hauptsächlich der Verwertung 
industrieller Herstellungsmethoden, also der Schicht 
verleimung, Biegung und Formung. Dabei findet er oft zu 
recht eigenwilligen Lösungen, die aber stets ein sehr 
angenehmes und entspannendes Sitzen ermöglichen. Das 
zu erreichen, war stets sein vordringliches Bemühen, dem 
er eingehende Studien widmete. K. E. Ekselius erweist sich 
mit seinen präzise ausgeführten Stühlen, die herkömmliche 
Formen mit modernen Ansprüchen verbinden, als Schüler 
des Altmeisters Carl Malmsten, während C. E. Ekström 
und Y. Ekström eine mehr der industriellen Produktion 
zugewandte Richtung vertreten. Ähnlich wie in Dänemark 
wurde auch in Schweden größtes Gewicht auf eine enge 
Zusammenarbeit zwischen Entwerfern und Herstellern 
gelegt. Auch die in der Ausstellung vertretenen Designer 
stehen mit bestimmten Produzenten, Fabriken und Be 
trieben, in mehr oder weniger ständiger Verbindung,
	        

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