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Volltext: Katalog der Wiener-Congress-Ausstellung 1896

anstalten, die ganz allein dem Congresse gewidmet ist. Sie wird 
vor Allem eine Galerie von Bildnissen sein — eine Fülle von In 
dividualitäten wird sich uns in seiner äusseren Erscheinung dar 
stellen; dann wird sie zeigen, wie diese Menschen wohnten, in 
welchem Schmuck sie sich gefielen, was sie für eine Kunst hatten, 
was sie lasen und schrieben. Und so wird sie — wir hoffen es 
— das, was sonst nur als die Frucht jahrelanger Mühe aus ver 
gilbten Acten und alten Büchern geholt werden kann, in einigen 
Stunden behaglichen Anschauens gewähren: ein Mitgefühl ver 
gangenen Daseins. Dieses Mitgefühl nannte Ranke einmal den 
höchsten und letzten Gewinn, den alle historischen Studien geben 
können. 
Yon den Schriftstellern der Congresszeit hat einer es ver 
sucht, die geistigen Tendenzen, die in der zu Wien damals ver 
sammelten Gesellschaft lebten, sich kreuzten und bestritten, in 
typische Persönlichkeiten zu fassen. Das war Görres, der in seinem 
„Rheinischen Merkur“ zu Anfang 1815 ein Gespräch, „Der Kaiser 
und das Reich“, veröffentlichte. Seine eigene Gesinnung — schwung 
voll national, grossdeutsch, kaiserlich, conservativ aber nicht re- 
actionär — personificirt er in einem „Fürsten“. Dieser leitet das 
Gespräch, sucht die Gegensätze zu vermitteln und Alles auf einen 
Standpunkt zu erheben, indem er mit weitem Blicke das Interesse 
der ganzen Nation und der einzelnen Staaten und Stämme, der 
Fürsten und der Völker umfasst Ein preussischer General tritt 
ihm entgegen, scharf, schneidend, auf das Schwert des Siegers 
gestützt. Dieser will nichts wissen vom historischen Rechte, 
Eisen und Blut regiert nach ihm die Welt, und der Waffenfähigste 
ist auch der Berechtigste. Ein pr eussischer Staatsrath stimmt ihm 
bei und unterstüzt ihn, doch ist er massiger, klüger, streitet mit 
Gründen, wo jener nur mit Waffen klirrt. Ein bayrischer Graf, 
ein Landvogt von Würtemberg, ein sächsischer Landstand ver 
treten den süd- und. mitteldeutschen Particularismus, sie verthei- 
digen die Haltung ihrer Fürsten und Länder in den napoleonischen 
Kriegen, sie suchen aus der Geschichte die Berechtigung ihrer 
Sonderstellung zu beweisen, sie fordern aus Gründen der Vernunft 
und der Billigkeit diese Sonderstellung auch für die Zukunft. Der 
Fürst aber, der diesen Tendenzen gegenüber das Interesse der 
Gesammtheit verficht und darauf verweist, dass die ruhmvollste 
Zeit Deutschlands die gewesen sei, wo eine starke Kaisermacht
	        
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