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fullscreen: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 6, 7 und 8)

Einstweilen ist er auf der Suche nach Ausdruck für eine eigene Empfindungswelt und 
wählt dazu eine Art der. Konstrulhiom-die wohl nur begrenzte Möglichkeiten in sich birgt. 
Eine eigene reiche Welt allein aufzubauen, sind wohl auch diese Versuche noch 
nicht stark genug, wenn sie auch gewisse Wege weisen. Eine Unterbrechung im Alltag 
herbeizuführen und Ausblicke auf unentdecktes Land zu eröffnen, sind sie wohl fähig, und 
auch das ist eine tüchtige Leistung. Sie erweckt Erwartungen, die erst zu erfüllen sein 
werden. Wer der alten ausgetretenen Pfade müde ist, die häufiger wohl von bequemen 
Spaziergängern, seltener aber von Aufwärtsstrebenden, Suchenden beschritten und gepflegt 
werden, wird es begrüßen, wenn Mutige und Begabte neue Wege eröffnen. 
Das Nachwirken großer Veränderungen, mächtiger Erlebnisse drängt zu neuen 
Ausdrucksformen. An das abgeschlossene Werk einer Generation reiht sich das kühn 
erwachende Schaffen einer neuen Jugend. Was in ihr gärt und drängt, will andere Mittel 
benutzen, als bisher Gepilogenheit war. Sie bezieht neue Sensationen, bisher unaus- 
gesprochene Stimmen in ihren Gesang ein. Johannes Itten gehört wohl zu den Stärksten 
unter jenen, die "sich bisher bei uns um die Fahnen einer neuen Jugend geschart haben; 
viele sehen ihn als ihren Bannerträger an. 
HAUS DER JÜNGEN KÜNSTLERSCHAFT. An mehreren Stellen treten 
jetzt gleichzeitig kleine Künstlergruppen auf, die ein gemeinsamer Weg zusammen- 
geführt und die doch gering an Zahl und noch ohne öffentliche Geltung sind. Sie meiden 
zumeist die größeren Verbrüderungen, deren Programm und Urteil sie sich nicht fügen 
wollen, und irren noch heimatlos umher, sind auch untereinander gesondert. 
jenes alte Palais, das H. O. Miethke einst der Kunst gewidmet hat, birgt einen Aus- 
stellungsraum, der so vielen für unser Kunstleben wertvollen Ereignissen den Rahmen 
bot - in diesem hellen Saal wird nun die junge Künstlerschaft ein neues Heim finden. 
O. M. Miethke jun. hat sie bei sich zu Gast gebeten und damit den l-Ieimatlosen eine 
würdige Unterkunft eröffnet. 
Als erste Ausstellung erscheint eine Kollektion von Werken des „Sonderbundes", in 
dem wir auch ältere Gäste des Hauses wiederfinden: Faistauer, Gütersloh, Harta, Fischer, 
Zülow. Die warme satte Farbe Faistauers, die besonders in einem ruhenden zarten Frauen- 
akt leuchtend wird, die helle, kühle, schillernde Buntheit Güterslohs, die in iigurenreichen 
Aquarellen flimmert, betonen die stärksten Gegensätze, ebenso wie der breite, schwer- 
iiüssige Pinsel des Malers und die spitze, phantasievolle Feder des Zeichners verschieden 
sind. Unter Hartas flüchtigen Visionen fesselt besonders ein frisches männliches Porträt. 
Ihm steht am nächsten Johannes Fischer mit Landschaften und Porträten von stärkster 
Leuchtkraft in heller Buntheit. Robin C. Anderson bringt die tonige, auf farbige Einheiten 
und Flächenhaftigkeit reduzierte Natur mit starkem, sicherem Umriß. Hier fühlt man 
Ansätze zu monumentaler Kunst auch in kleinem Format. 
Ähnliches strebt auch H. Schröder mit seinen Häusern und Höfen an, die so ganz 
vom Gegenständlichen losgelöst als große, fein zusammengestimmte Töne im Rahmen 
nebeneinanderstehen. Hier fühlt man ein Drängen zu einfacher Größe, das manche 
Unzulänglichkeit vergessenmacht und in dem man die richtige Wertung der bemalten 
Leinwand ahnt. Sie soll wieder über' den engen Rahmen hinaus eine Einfügung in 
das bauliche Kunstwerk ermöglichen, sie will nicht die Wand zerreißen, sondern sie 
schmücken. Selbst die breiten Holzschnitte Zülows mit ihrem reichen und doch Hächenhaft 
stilisierten Detail wachsen zu wertvollem Wandschmuck heran. So ist hier der Maßstab 
ein größerer, das Ziel ein höheres als bei dem durchbildeten, präzisen, technisch korrekten 
Tafelbild, das bisher das Ziel so zahlreicher Maler war. Diese haben in ihrer Eigenliebe und 
sachlichen Gegenständlichkeit keinen hohen Wert für die Raumgestaltung und bereiten 
ihr öfter Verlegenheiten als Gewinn. 
Die helle weiße Wand ist ein strenger Prüfstein für die flächenbildenden Werke und 
es ist ein Vorzug dieser kleinen Bilderschau, daß so viele Arbeiten diese Prüfung bestehen.
	        

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