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Volltext: Heinrich Freiherr von Ferstel

Grösse, in der Einfachheit und Klarheit, und damit lässt sich richtige Zeichnung und 
ein harmonisches Colorit wohl vereinen. So athmen diese Bilder an den Gewölben 
der Kirche den Geist mittelalterlicher Frömmigkeit; in Formen und Farben aber # 
stehen sie auf der Höhe moderner Kunst, und niemand wird sagen können, dass sie 
sich nicht den Bauformen harmonisch einfügen. 
Und so ist es mit der übrigen Ausstattung der Votivkirche. Es sind überall in 
Holz, in Stein und Eisen und Erz und Silber die Motive der gothischen Kunstepoche, 
aber die Gegenstände sind frei componirt unter der Herrschaft eines reinen gelauterten 
Schönheitsgefühls. Der Künstler schreckte selbst nicht zurück vor fremden Steinarten, 
vor Marmor und Alabaster, wie sie nie in gothischen Kirchen diesseits der Alpen 
vorgekommen. Und nun rings das Letzte, die farbigen Fenster. Die Auflösung der 
Mauern in Pfeiler, die vielen grossen, zum Theil sehr breiten Fenster, sie würden all 
zuviel Licht für den geweihten Raum in die Hallen hineingelassen haben, aber die 
Gemälde und die musivische Decoration der Fenster dämpfen dasselbe und geben 
ihm Weihe und Stimmung. 
So mag dieser Bau in jeder Beziehung als ein Muster seiner Art gelten, treu den 
Formen und dem Geiste des Baustils, dem es angehört, und doch unserer heutigen 
Empfindungsweise, unserem Schönheitssinn, unserer Andacht entsprechend. 
Am 24. April 1856 war der Grundstein der Votivkirche gelegt worden. Gerade 
zu dieser Zeit, als alle Vorarbeiten zum Bau im Gange waren, gewann unser Freund 
und Meister seinen zweiten Sieg in der Concurrenz um das Bankgebäude in der Herren 
gasse. Diesmal hatte Ferstel den romanischen Stil erwählt, den blühenden Vorgänger 
der strengeren Gothik. Es war damals unter den Leuten, die sich mit mittelalterlichen 
Kunststudien befassten, die Meinung verbreitet, dass die Gothik der Kirche gezieme, 
der romanische Stil aber, der Stil der Hohenstaufenzeit, des Minnegesangs und des 
ritterlichen Epos, dem Palaste angemessen sei. Romanisch waren die Palaste Bar 
barossas und die fürstlichen Burgen, wie das Landgrafenhaus auf der Wartburg, die 
Stätte des Sängerkrieges, aber romanisch sind auch die Dome von Bamberg, Mainz, 
Speier, die wohl mit den gothischen Kirchen sich messen können. 
Diese Meinung ist also jedenfalls unklar und in ihrer Ausschliesslichkeit nicht 
zu halten. Dennoch huldigten ihr bedeutende Köpfe unter den Kunstgelehrten und 
den gelehrten Künstlern, und so trug auch Ferstel ihr Rechnung. Die Aufgabe war 
durch die Lage und Gestalt des Bauplatzes eine sehr ungünstige. Kaum zur Hälfte 
in seinen Gränzen frei, schief und winklig, mit zwei Seiten in engen Gassen und nur 
mit einem schmalen Stückchen an einen freien Platz stossend, darauf sollte ein praktisch 
bequemes und ein imponirendes Gebäude geschaffen werden. Dass das grosse Talent 
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