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Volltext: Heinrich Freiherr von Ferstel

romantischen Charakters beschäftigt, hatte er an der Concurrenz um den Plan der 
Stadterweiterung keinen anderen Theil genommen, als dass er Mitglied der Jury ge 
wesen war. Ja, er hatte im Gegensatz selbst versucht, das Familienhaus gegenüber 
der Zinscaserne zu empfehlen und am Franz Joseph-Quai eines der ersten Privathäuser 
noch im gothischen Style gebaut. Er musste sich bald überzeugen, dass weder das 
Eine noch das Andere im Geschmack der Zeit und im Geist der Epoche lag. Diese 
drängten unaufhaltsam zur Renaissance. Vielfache Reisen, welche in diese Zeit fallen, 
ein öfterer Aufenthalt in Italien hatten ihn mit der Renaissance befreundeter und ver 
trauter gemacht, und so machte er entschlossen die Wandlung mit, wie ausnahmslos 
alle Baukünstler dieser Zeit, und bald stand er an der Spitze der neuen Richtung als 
ihr reinster Vertreter im Geist der italienischen Hochrenaissance. 
Eine grosse Reihe privater und öffentlicher Gebäude von der zweiten Hälfte 
der sechziger Jahre bis zur Gegenwart sind die Stufen auf dem ^Vege des unermüdlich 
schaffenden Künstlers, das Palais des Erzherzogs Ludwig Victor, die Gruppe des 
Palais Wertheim, das österreichische Museum zugleich mit der Kunstgewerbeschule, 
das chemische Laboratorium, die Häuser Leon und Weiss, bis hin zu den gewaltigen 
Bauten des österreichischen Lloyd in Triest und der Wiener Lniversität. Sie alle sind 
Schöpfungen desselben Geistes und Stiles, wie verschieden auch in Ausdruck und 
Erscheinung, alle von demselben reinen und massvollen Schönheitssinne beherrscht, 
der sie gleich weit entfernt hält, einerseits von der zaghaften Schwäche einer noch ver 
suchenden Kunst, anderseits von der Ueberladung, Schwere und Willkür der Barocke. 
Schon mit dem ersten der genannten Gebäude, dem Palais des Erzherzogs 
Ludwig Victor, zu dem das Wertheim-Palais das Gegenstück bildete, bestimmte er 
die Consignation eines ganzen Platzes, der auch, nach Hinwegfall der ursprünglich 
beschlossenen Arkaden mit seiner Aussicht auf Garten und Fontaine und dem Palais 
Schwarzenberg als Schluss, heute noch, wenn nicht den grossartigsten, doch den 
edelsten und reinsten Eindruck macht, architektonisch betrachtet, unter allen Plätzen 
von Wien. 
Wichtiger noch in seinen Folgen, bedeutender in der Anregung, die von ihm 
ausging, wurde der Bau dieses unseres österreichischen Museums. Ferstel hatte die 
Umwandlung und Einrichtung des provisorischen Gebäudes auf dem Ballhausplatz 
geleitet; er war Mitglied des Curatoriums von Anbeginn gewesen, hatte alle Bedürf 
nisse der Anstalt kennen gelernt, und so fiel ihm dieser Bau, nicht in Concurrenz, son 
dern wie sein Recht zu. Es war zugleich sein erster Staatsbau. Wir selbst konnten 
in keine besseren Hände kommen; keiner hatte, wie er, mit uns die ersten Jahre des 
Werdens und Wachsens durchlebt; keiner harmonirte in gleicher Weise mit unseren 
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