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Volltext: Heinrich Freiherr von Ferstel

der Jugend, als Schriftsteller. Im öffentlichen Leben hat Ferstel eine reiche vielseitige 
Thätigkeit entwickelt; er war der Mittelpunkt seiner zahlreichen und liebenswürdigen 
Familie. Alle diese Punkte müssen erörtert werden, soll das Bild des Künstlers in seinen 
Flauptumrissen deutlich vor unsere Seele treten. 
Die Bauten, welche Ferstel in den letzten Jahren durchgeführt hat, sind eben 
so zahlreich als mannigfaltig. 
Mit den Entwürfen einiger dieser Bauten hat sich Ferstel schon in den Jahren 
vor der Einweihung der Votivkirche beschäftigt. Die Anzahl der Baudenkmale, die 
von ihm in der letzten Zeit seines Lebens projectirt und ausgeführt wurden, ist sehr 
gross; es gibt kaum einen zweiten Architekten der Gegenwart, dessen Thätigkeit eine 
so productive gewesen ist. Ihm kam dabei die Leichtigkeit der künstlerischen Com- 
position zu statten und seine ungewöhnliche Fertigkeit im Zeichnen. War er sich 
einmal über einen Entwurf klar, so brauchte er nur kurze Zeit, um die Ideen, welche 
seinen Geist erfüllten, zum sichtbaren Ausdruck zu bringen. In der letzten Zeit 
seines künstlerischen Schaffens ist es ihm klar geworden, dass für Profanbauten die 
Bauformen der italienischen Renaissance den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft 
am besten entsprechen. Bei kirchlichen Bauten hat er aber fortwährend an dem 
gothischen Stil festgehalten, weil er überzeugt war, dass dieser Stil für den Cultus 
der katholischen Kirche der bei Weitem geeignetste ist. 
In der hier zu besprechenden Periode seiner künstlerischen Thätigkeit ist ihm 
weiter keine Gelegenheit geboten worden, gothische Kirchenbauten auszuführen, und 
es hat den Erbauer der Votivkirche schmerzlich berührt, dass er von der katholischen 
Geistlichkeit seines Vaterlandes so wenig beachtet wurde. Zwar wurde ihm vom 
Kaiser der Auftrag gegeben, den Entwurf für eine Kathedrale in Serajewo anzu 
fertigen, aber zur Durchführung des Baues ist es nicht gekommen, weil die Geld 
mittel hiefür nicht ausreichend vorhanden waren. In den letzten Jahren vor seinem 
Tode wurde ihm von einem Freunde der katholischen Kirche in England, Sir Tatton 
Sykes in Sledmere (York), der Auftrag zu Theil, eine gothische Kirche ähnlich der 
Votivkirche zu bauen. Ursprünglich handelte es sich um den Bau einer solchen Kirche 
auf dem Landsitze des Sir Tatton in der Grafschaft York. 
Die Art, wie Sir Tatton die Bekanntschaft mit Ferstel angeknüpft hat, ist 
ebenso charakteristisch für- den Künstler wie für den englischen Kunstfreund. Letz 
terer hatte bereits längere Zeit Europa bereist, um irgend einen modernen Kirchenbau 
zu finden, der ihm gefiele und der als Vorbild für jene Kirche zu dienen hätte, die 
auf seinem Landsitz erbaut werden sollte. 
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