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Volltext: Heinrich Freiherr von Ferstel

die im Manuscript gedruckt vorliegt, und keine seiner literarischen Enunciationen ist 
bedeutsamer als jener Brief, den er auf dem Sterbebette an Hansen geschrieben hat. 
Die literarischen Leistungen Fersteis sind weniger bekannt, als sie es ver 
dienen, und sind an und für sich höchst bedeutsam, wenn man erwägt, dass einer der 
ersten Architekten der Gegenwart es ist, der sich über die Aufgaben der Architektur 
ausgesprochen hat. Nicht bloss Fachmänner, sondern alle Kunstfreunde haben daher 
begründeten Anlass, was ein solcher Mann dachte und schrieb, mit voller Aufmerksam 
keit zu betrachten. Auch zeigen uns die Schriften Ferstels den denkenden Künstler, 
der mit klarem Bewusstsein die Zielpunkte und die Aufgaben der Architektur feststellt 
und diese Aufgaben der praktischen Lösung entgegenführt. Die literarischen Arbeiten 
Ferstels sind auch darum wichtig, weil sie die intimsten Grundgedanken der Bau 
werke des Künstlers beleuchten. Jetzt, wo durch den geistvollen Brief Ferstels 
an Hansen auch die Aufmerksamkeit des Publicums auf die literarische Thätigkeit 
Ferstels gelenkt wurde, darf man hoffen, dass die in seinen Schriften niedergelegten 
Ansichten auch ferner nicht unbeachtet bleiben werden. 
Ferstel gehörte nicht zu den gelehrten Architekten, wie z. B. Gottfried 
Semper, Viollet-le-Duc, Carl Bötticher und Hittorff solche gewesen sind. Aber 
er gehörte zweifelsohne zu den hochgebildetsten Architekten deutscher Nation der 
Gegenwart. Von Hause aus hatte er keine gelehrte Bildung und beklagte es manch 
mal, dass er, entsprechend den damaligen Lebensgewohnheiten, keine humanistischen 
Studien an einem Gymnasium durchgemacht habe. Aber er besass eine umfassende 
Belesenheit nicht bloss der Fachwerke, sondern auch der Klassiker aller Nationen, 
speciell der deutschen Nation, und es entging ihm nichts, was auf dem Gebiete der 
Kunstliteratur Hervorragendes erschienen war. Fr hinterliess deshalb eine ausge 
wählte Bibliothek moderner und alter Literatur und nebenbei eine ganz ausgezeichnete 
Kunstsammlung von Gemälden und Kupferstichen. Wenn er schrieb, so schrieb er 
für seine Fachgenossen, und dann, wenn er im praktischen Bauleben einem Princip 
huldigte, das er auch mit der Feder zu vertheidigen für seine Pflicht hielt. Sein über 
aus reges Pflichtgefühl war es auch, das ihm noch auf dem Sterbebette die Feder er 
greifen hiess, um mit zitternder Hand das niederzuschreiben, was wenige Stunden vor 
seinem Tode seine innerste Seele bewegt hat. Er war noch voll von Zukunftsplänen, 
die Todesgefahr nicht ahnend, in der er schwebte, und nur ein dunkles Gefühl sagte 
ihm, dass er sehr schwer krank sei, weshalb er nicht unausgesprochen lassen durfte, 
was ihn erfüllte. Er schrieb ohne Schwulst, einfach, bestimmt und klar, stets nur zur 
Sache und liebenswürdig in der Form, wie er selbst einer der liebenswürdigsten 
Menschen und Charaktere gewesen ist, den Wien geboren hat. Selbst dort, wo er
	        

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