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Volltext: Die Ausstellung oesterreichischer Kunstgewerbe 4. November 1871 - 4. Februar 1872

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obenerwähnten Werken in technischer Beziehung auch darin aus, dass 
man die einzelnen Glasstücke in kleinen Dimensionen Zuschnitt und ver 
bleite, so dass die Gemälde, getreu ihren alten Vorbildern, den mosaik 
artigen Charakter behielten. Das Nachgeben an eine Verlockung, welche 
aus den mechanischen Fortschritten auf dem Gebiet der Glasbläserei 
erwuchs, die Aenderung nämlich, durch welche man allmälig immer 
grössere Platten anwendete, hat die gesammte Kunst der Glasmalerei im 
Lauf der Jahrhunderte dem Verfalle entgegengeführt. Sie kam dadurch bald 
in die Gefahr das Oelbild nachäffen zu wollen und erlag auch derselben. 
Die ausgestellten grossen Kirchenfenster aus der Glasfabrik von Meyer’s 
Neffe in Adolf bei Winterberg in Böhmen besitzen den Vorzug eines 
schönen, starken Glases und haben ihre Verbleiungen dem Zug der Linien 
und Schatten klug angepasst, wodurch ihr störendes Zerschneiden der 
bemalten Flächen vermieden ist, in der Zeichnung aber ahmen sie leider 
völlig den Styl der barocken Altartafeln nach, die unglücklichsten Vor 
lagen für unsern Zweig der Malerkunst. 
Die Arbeiten C. Geyling’s in Wien für die Lothringer-Capelle 
in Nancy erfreuen durch den satten Ton, der allerdings an der Grenze 
steht, wo die Nachahmung der Oelmalerei im Glase anfängt. Die Cartons 
dazu rühren von der Hand Michael Ri es er’s, Professor an der Kunst 
gewerbeschule, her und zeugen von einem klaren Verständnisse für die 
einfache Linienführung, welche das Haupterforderniss eines Entwurfes tür 
Glasgemälde ist. Ein Blick auf diese neuesten Leistungen der Geyling- 
schen Anstalt lässt einen erheblichen Fortschritt, namentlich im Colorite, 
gegen die früheren Arbeiten nicht verkennen. Von Josef Heilig in Wien 
sehen wir drei verschiedene Arbeiten, die thronende Maria in dem Ca 
pellenfenster ist eine recht gefällige Figur, auch die Kraft der Fabentöne 
verdient Anerkennung, die Architektur jedoch gemahnt noch an die spie 
lende decorative, nicht constructive Auffassung der Gothik, welche die 
erste Hälfte unseres Jahrhunderts charakterisirt. Dagegen begrüssen wir 
gerne die Wiederaufnahme der Wappenmalerei auf Glas, in welcher das 
16. und 17. Jahrhundert, Deutschland, die Schweiz und die Niederlande 
Vorzügliches geleistet haben. Vor Allem wäre diese Richtung der Glas 
malerei geeignet, dem fremdgewordenen Genre wieder die Thüre zu 
Öffnen, die Thüre des Wohnhauses nämlich, durch welche heutzutage der 
ganze wieder erstandene Chor der schönen alten Künste in’s Leben 
eintreten zu sollen scheint. I.
	        

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