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Volltext: Die Ausstellung oesterreichischer Kunstgewerbe 4. November 1871 - 4. Februar 1872

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lieh durch die reichen geschnittenen, ciselirten, gravirten und emaillirten 
Metallornamente, die edlen Steine, den Luxus an Sammt, Seide und ge 
presstem Leder etc. in Anspruch genommen wird, und die durch die 
Zweckmässigkeit vorgeschriebenen Bedingungen für die Ornamentation gar 
nicht in Frage zu kommen scheinen, so sind dieselben doch bei allen 
guten Stücken vollauf berücksichtigt und haben hie und da orginelle Leistun 
gen veranlasst. So z. B., wenn der im Aufträge des Herzogs Philipp von 
Württemberg von Aug. Klein nach dem Entwürfe des Prof. Storck 
ausgeführte Einband einer Folioausgabe der Bibel als Rücken ein Ketten 
geflecht erhielt, das durch seine Solidität und Beweglichkeit ganz vor 
züglich zu den Grössenverhäitnissen des Buches und dem schweren, aufs 
reichste mit Email ausgestatteten Deckel passt. 
Einer sorgfältigen und mehr künstlerischen Behandlung der eigent 
lichen Bucheinbände wirkt die fabriksmassige Herstellung solcher seitens 
der Verlagsbuchhandlungen entgegen. Vor wenig mehr als einem Men 
schenalter kamen die meisten Bücher noch »roh«, »in albis«, das ist in 
ungefalzten und ungehefteten Bogen, in den Handel, man las sie wie eine 
Zeitung oder schickte sie sofort zum Binden. Jetzt bürgert sich nach und 
nach die englische Sitte ein, ganze Auflagen gleich binden zu lassen, zu 
welchem Zwecke der für den Ueberzug bestimmte Kattun gleich im Stücke 
gepresst und bedruckt wird. Auf diese Weise werden unsere Bibliotheken 
von einer Uniformität bedroht, aber zum Glück auch wieder durch eine 
andere Eigenschaft der Fabrikswaaren, den Mangel an Solidität, geschützt. 
Ausgestellt hatten ausser den Obengenannten die Buchbinder MÖssl 
in Innsbruck (ein Canon Missale nach der Zeichnung des Prof. Stolz), 
Wolf in Gmunden, welcher mit gutem Geschmack sein Geschäft zu einer 
Specialität für Ledermosaikarbeiten gemacht hat, und F. Hollensteiner, 
dessen Exposition sehr gelungene Nachbildungen aller Pergament- und 
Lederbände aufzuweisen hatte. 
Die vornehmste von allen graphischen Künsten, der Kupferstich, hat 
um so mehr Vorrecht auf eine selbstständige Besprechung in unserem 
Berichte, als gegenwärtig von verschiedenen Seiten zusammenwirkende 
energische Anstrengungen gemacht werden, ihn dem Zustande arger Ver 
nachlässigung, in welchen er sich so lange Zeit in Oesterreich befunden 
hat, wieder zu entreissen. Vor der Berufung des Professor L. Jacobi an 
die Akademie der bildenden Künste (vor etwa zehn Jahren) fehlte es für 
die Pflege dieses Kunstzweiges in Wien an allem: an Stechern, an 
Druckern, an Auftraggebern. Die Stiche, welche etwa ein Kunsthändler 
für den Handel machen liess, die Nietenblätter der Kunstvereine, die 
sporadischen Unternehmungen der Hof- und Staatsdruckerei, waren nicht 
genügend, tüchtige Künstler heranzubilden und zu beschäftigen, und die 
Photographie machte selbst dieser bescheidenen Thätigkeit fast ganz ein 
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