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Volltext: Die Ausstellung oesterreichischer Kunstgewerbe 4. November 1871 - 4. Februar 1872

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Fabrik^ eine grosse Anzahl ganz lehrreicher und charakteristischer Zeich 
nungen ausgestellt haben, nach denen sie arbeiten. 
Fabriken, denen Zeichner fehlen, können auf Ausstellungen der Art, 
wie es die Musealausstellung ist, gar nicht erscheinen. 
Nach dem Zeichner ist der Arbeiter ein wichtiges Moment für den 
Grossindustriellen. Der Fabrikant ist wesentlich interessirt, dass gewisse 
Arbeiter geschult, wenigstens einige Kenntnisse im Zeichnen, in der Wahl 
der Farben und dergleichen haben, insbesondere muss ihm daran liegen, 
dass die Zeichner oder Maler, welche die betreffenden Abtheilungen in 
der Fabrik dirigiren, eine gute Schulung haben. Von welchem Einflüsse 
solche Werkführer sind, davon gibt die Ausstellung der Schlaggenwalder 
Porcellanfabrik ein treffendes Beispiel. Die Herren Haas&Czizek haben 
den Malervorstand der Fabrik, Herrn Schmid, schon einige Male an die 
Kunstgewerbeschule des Museums geschickt und dabei die Erfahrung ge 
macht, dass sie in ihrer Fabricationsart dadurch einen bedeutenden Schritt 
nach vorwärts thun konnten. Wo die Grossindustrie der Hausindustrie 
bedarf, ist sie in noch höherem Grade von der Geschicklichkeit und 
Schulung der zahlreichen, aber vereinzelten Arbeitskräfte abhängig, welche 
zu Hause sich mit der Ausführung der Aufträge beschäftigen. 
Hier sind wir also schon auf einem' Punkte angelangt, wo die Kunst 
mit der Grossindustrie in Berührung kommt. Der Grossindustrielle wird 
schon erwägen müssen, woher und aus welchen Instituten er brauchbare 
Zeichner beziehen kann und was er thun müsse, um der gänzlichen 
ästhetischen Verwahrlosung der minderen Arbeiter entgegenzuarbeiten. 
Es versteht sich von selbst, dass für die letzteren Fragen für ihn Alles 
von Wichtigkeit ist, was sich auf Volks-, Gewerbe- und Fabriks-Zeichen 
schulen und auf jene Popularliteratur bezieht, die sich mit der elemen 
taren Bildung der Arbeiter abgibt. 
Bei der grossen Abhängigkeit des Grossindustriellen von den Ein 
flüssen des Weltmarktes, von den Fortschritten der Maschine, von den 
Eigenthümlichkeiten des Massenbetriebes, ist es daher für denselben un 
endlich schwerer als für andere Kunstindustrielle, sich in Geschmacksrich 
tungen selbstständige Geltung zu verschaffen und sich von den Einflüssen 
der Mode unabhängig zu machen; ferner darf nicht ausser Acht gelassen 
werden, dass es einem Grossindustriellen ausserordentlich schwer wird, 
auf ein neues System von Fabrication in stylistischer Richtung überzu- 
gehen, auch dann, wenn mit neuen Vorlagen die technische Fabrications 
art nicht verändert wird. Diese Schwierigkeiten liegen theils in der Natur 
des Absatzgebietes und Absatzumfanges, in den Rücksichten auf vorhan 
dene Vorräthe, in den commerziellen Beziehungen eines Grossgeschäftes. 
Dass es aber für einen Grossindustriellen überhaupt möglich ist, mit den 
Vorurtheilen der Mode zu brechen, und dass dies geschehen kann, nicht 
blos ohne Nachtheil, sondern auch zum Vortheile desselben, davon liefert 
die gegenwärtige Ausstellung mehr als Einen Beleg.
	        

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