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Volltext: Die Ausstellung oesterreichischer Kunstgewerbe 4. November 1871 - 4. Februar 1872

chene künstlerische Individualität, ohne alle Frage das erste lalent aut 
dem Gebiete der kleinen figuralen Plastik in der gesammten deutschen 
Kunst. Ausgestattet mit einem reichen Fonde schaffender Phantasie, zeich 
nen sich alle seine Arbeiten durch eine eigenthümliche Poesie aus, einen 
feinen Schönheitssinn in den Linien, eine keusche aber doch lebens 
volle Behandlung des Nackten und durch eine bis ins Kleinste gehende 
vollendete Durchführung im Detail. In der Ausführung in Bronze lassen 
sich oft die Vorzüge seiner plastischen Entwürfe nicht vollkommen beur- 
theilen; denn so grosse Fortschritte auch unser Bronzeguss in den letzten 
Zeiten gemacht hat, so geht er doch nicht immer auf alle Feinheiten des 
Originales ein; auch stören häufig im Bronzeguss allzugrelle Metall-Lichter 
den Genuss des plastischen Kunstwerkes. Professor König hat daher 
schon Recht gehabt, ausser seinen von Hanusch, Grüllemeyer und 
Turbain ausgeführten Bronzearbeiten, noch einige Compositionen in 
Gyps zur Ausstellung zu bringen, darunter einige, die für den in Bronze 
ausgeführten, vom Kaiser bestellten Tafelaufsatz gehören, ausserdem noch 
eine Venus mit einem Amor, der einen Spiegel in der Hand hält und 
eine trauernde Victoria, bestimmt für ein Kaiser Max-Monument. Hoffent 
lich wird es dem Künstler in nicht zu ferner Zeit möglich sein , seine 
sämmtlichen Modelle und Entwürfe , von denen die wenigsten noch aus 
geführt wurden, zur Ausstellung zu bringen. 
Seit den Zeiten Grassi’s*), also seit mehr als einem halben Jahrhun 
dert, hat es in Wien kein entschiedenes Talent für kleine figurale Plastik 
gegeben. Professor König füllt diese Lücke in einer wahrhaft glänzenden 
Weise aus. Die Arbeiten Grassi’s lehnen sich an die Antike und an 
die Richtung Füger’s an, nicht ohne einen gewissen Beigeschmack von 
jener weiblichen Grazie, die in der barocken Zeit an der Tagesordnung 
war. Die Arbeiten von Professor König gehören mit ihrer ganzen Welt 
anschauung der modernen deutschen Schule an und stehen mit jener 
eigenthümlichen neudeutschen Romantik und Stilistik in Verbindung, die 
speciell in den Werken Semper’s, Hähnel’s, Rietschel’s, Schnorr’s 
und Ludwig Richter’s in Dresden zum Durchbruche gekommen ist. Ein 
eminenter Zeichner, wie König es ist, fehlt es ihm auch nicht an Ge 
wandtheit des Geistes, um den zartesten Gemüths- und Seelenstimmungen 
in seinen plastischen Werken einen sprechendea Ausdruck zu geben. 
Voll von Hingebung an seine Kunst und auch an den Gegenstand, 
welchen er darstellt, führt er seine plastischen Arbeiten mit grösster Voll 
endung aus. Er weiss es auch seine Schüler in die Geheimnisse des Pla 
stischen einzuführen und sie zu einer gleich gewissenhaften Durchbildung 
anzueifern. Mehrere von seinen Schülern sind auch mit ganz achtbaren 
Erfolgen auf der Ausstellung aufgetreten, wie die Modelleure Kusch- 
*) Mehrere Gruppen nach Modellen Grassi’s und seiner Zeit befinden sich, von 
De Cente ausgeführt, auf der Ausstellung.
	        

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