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Volltext: Die Ausstellung oesterreichischer Kunstgewerbe 4. November 1871 - 4. Februar 1872

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Sie theilt den Teppich wie ein Feld kunstmässig ein, verziert ihn mit 
rahmenartigem Ornament und bringt nur dazwischen Blumenbouquets in 
kunstgerechter Vertheilung an. Hat es die erste Richtung auf Nach 
ahmung der Natur als Kunstprincip abgesehen, so verlangt die zweite 
bestimmte Zeichnung, künstlerische Anordnung und Einhaltung eines be 
stimmten Styls, der speciell den letzten drei oder vier Jahrzehnten des 
18. Jahrhunderts angehört. Die dritte Richtung ist die orientalische, deren 
Princip, die Zeichnung mehr oder minder aufgebend oder verhüllend, 
darauf ausgeht, verschiedene Farben so zusammenzustellen, dass sich für 
das Auge eine angenehme, wohlthuende Harmonie, so zu sagen in einem 
einzigen gefärbten Klange ergibt. Aus verschiedenen Gründen, die wir 
hier nicht auseinander setzen wollen, ist das für Fussteppiche ästhetisch 
die angemessenste Weise. 
Von diesen Richtungen ist die erste, die naturalistische, bereits so 
weit veraltet, dass sie nicht mehr ausstellungsfähig ist und auch auf 
grösseren Ausstellungen kaum noch hervorragt. So sah man kein Beispiel 
auf der Londoner Ausstellung des Jahres 1871. Die zweite Richtung, die 
specifisch französische, wird auch noch von Frankreich gehalten, aber 
neben der orientalischen. Beide waren in der französischen Abtheilung 
der genannten Ausstellung vertreten, während die englische Teppich- 
fabrication nur mit orientalisirenden Arbeiten erschienen war. 
Das letztere ist auch auf unserer Ausstellung der Fall. Im Gefühle 
dessen, dass der orientalische Styl hier das Richtige trifft und dass ihm 
auf diesem Gebiete die Zukunft gehört, hat die Firma Ph. Haas & Söhne 
diesen Styl gepflegt, wie vielleicht kein anderes Etablissement, und die 
Ausstellung legt davon, sowohl was die Schönheit, die Mannigfaltigkeit 
wie die Kolossalität betrifft, das glänzendste Zeugniss ab. Es muss dabei 
zugleich ihres Künstlers, Herrn Hatzinger’s, gedacht werden, von dem 
die meisten Zeichnungen zu diesen Teppichen wie zu den verschiedenen 
Decken und Möbelstoffen, die wir später zu besprechen haben werden, 
herrühren. Manche dieser Gewebe sind mehr oder weniger genaue Co- 
pien, andere Umarbeitungen von echten orientalischen Motiven, wofür 
sich alte Original-Beispiele, mitunter der allerschönsten und reichsten Art, 
im Oesterr. Museum finden; andere wieder sind freie Compositionen, die 
nur das orientalische Princip festzuhalten suchen. So sehen wir Anklänge 
und Motive der verschiedensten Art, alle jedoch aus demselben Princip 
geschaffen; wir erkennen die indische, die persische, die türkische Weise, 
und unterscheiden von ihnen gar leicht jene Art, in welcher das orien 
talische Princip dem europäischen Gefühl unterworfen ist. In Bezug auf 
die letztere haben wir eine Bemerkung zu machen. Die echten orienta 
lischen Teppiche haben, wie Jedermann weiss, Zeichnung und Anordnung, 
aber diese ordnen sich der Farbenwirkung unter; bei den europäischen 
Geweben orientalisirenden Styls aber tritt die räumliche Anordnung häufig 
zu stark heraus, geometrische Figuren machen sich als solche geltend,
	        

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