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Volltext: Die Ausstellung oesterreichischer Kunstgewerbe 4. November 1871 - 4. Februar 1872

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den Zeitgeschmack traf, und es hat dies in den ersten Jahrzehnten seiner 
Existenz fast einzig gethan. Alsdann aber stürzte es sich mit vollem Be 
hagen, als ob es seinen rechten Weg, sein Fahrwasser gefunden hätte, in 
den Geist, den Styl und die Formen des Rococo und zwar so, dass man 
selbst die ebenso kühne wie unhistorische Behauptung hat aufstellen 
können: das Porcellan habe das Rococo geschaffen. Man stellte, die Be 
deutung des Porcellans schon an sich weitaus überschätzend, diese Behaup 
tung auf, ungeachtet das Rococo in Geist und Form mindestens drei 
Jahrzehnte fertig war, ehe das Porcellan, das sich während dieser Zeit 
mit der Imitation der asiatischen Arbeiten begnügt hatte, zu seiner 
eigentlichen Entfaltung kam. Seitdem, um die Mitte des achtzehnten 
Jahrhunderts, hat sich allerdings das Porcellan, so zu sagen, seinen 
eigenen Rococostyl geschaffen, der um einer gewissen Lebendigkeit und 
Naivetät willen, womit er die ornamentalen Kunstformen der Zeit sich 
assimilirt hat und womit er sich im capriziösen, spielenden Geiste der 
Zeit bewegt, seine eigentümlichen Reize hat. 
Damit ist aber keineswegs gesagt, dass dieser Rococostyl des Por 
cellans auch der Styl des Porcellans ist, d. h. die formelle und orna 
mentale Ausdrucksweise, welche den Eigenschaften des Materials und der 
feststehenden Bestimmung der Gegenstände einzig oder nur vorzugsweise 
entspricht. Allerdings haben die grossen Porcellanfabriken in der zweiten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts zahlreiche Gegenstände geschaffen, die, 
obwohl heute unendlich überschätzt, doch viel Reiz an sich besitzen und 
jedenfalls allem vorzuziehen sind, was in den letzten fünfzig Jahren von 
der europäischen Porcellanfabrication geschaffen worden ist. Nichts desto- 
weniger wäre es schlimm, wenn irgend ein Material, irgend ein Gefäss 
oder sonstiges Geräth durch seine inneren Eigenschaften mit Nothwendig- 
keit an die Formen des Rococo gebunden wäre, was auch in keiner 
Weise der Fall ist. Diese willkürlichen, von der Symmetrie und aller 
Gesetzmässigkeit abweichenden Formen haben immer nur einen bedingten 
Werth, und wir können, soweit sie Werth und Geltung haben, wohl an 
ihnen Vergnügen finden und wir mögen manche Lehre, manches Motiv 
ihnen entnehmen, niemals aber können wir sie als unbedingtes Muster 
für eine Reform des Geschmacks, auch nicht in Bezug auf das Porcellan, 
aufstellen. Wir dürfen den Reiz und die Gefälligkeit dieser Gegenstände 
nicht mit Schönheit verwechseln. Wirkliche Schönheit besteht nur in 
Verbindung mit der Gesetzmässigkeit, und so müssen wir auch an dieser 
in Bezug auf das Porcellan festhalten, wie immer wir sonst auch die ge 
stellten Aufgaben zu losen gedenken. Ob wir uns nun an die chinesisch 
japanischen oder an die Rococoformen halten, immer müssen wir sie 
ihres bizarren oder capriziösen Charakters zu entkleiden, trachten voraus 
gesetzt, dass wir es mit einer Reform zu thun haben und uns nicht da 
mit begnügen, unter den obwaltenden Umständen relativ Gutes zu 
schaffen.
	        

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