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Objekt: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 1)

vor sich ging. War der erfindende Künstler - und das ist bei sehr vielen 
der Fall gewesen - nicht in der Lage, sein Werk selbst für den Holz- 
schneider in die entsprechende Zeichen-Technik zu übertragen, so 
ging seine Arbeit vor dem Drucke durch die Hand zweier Interpreten. 
Was dann von individueller Ausdrucksweise übrig blieb, hing rein nur 
von diesen beiden ab. Seit die Photographie hier überall eingriff, ist 
es wesentlich anders geworden. Sie gibt die Handschrift so wie sie ist, 
nicht besser, nicht schlechter, vielleicht oft etwas abgeschwächt (davon 
später), sie ist zum zwingenden Umstand für das Facsimile geworden. 
Sie hat aber nicht bloss nach dieser Seite eine Umwälzung fundamen- 
taler Art nach sich gezogen, sie hat auch in unzähligen Fällen den 
Künstler selbst, ob er es wollte oder nicht, in neue Bahnen gedrängt. 
Über den guten oder gegentheiligen Einfluss der Photographie 
auf die Kunst im allgemeinen sich auszulassen, ist dies nicht der 
Ort. So viel steht fest, dass sie dem illustrirenden Künstler, und mit 
diesem haben wir es hier in allererster Linie zu thun, zu ungleich 
schärferer Beobachtung der Wirklichkeit zwang, als sie früher gang 
und gäbe war. Freilich, ein Menzel zeichnete seine Illustrationen zum 
Leben Friedrichs des Grossen schon mit einer sozusagen photographi- 
schen Schärfe, lang ehe die Camera in den Dienst des Illustrators trat. 
Aber Menzel war eben Menzel und neben ihm gab es keinen anderen 
von gleich scharfem Beobachtungsvermögen für die gesammte 
Erscheinungswelt. Heinrich Lang, der geniale Zeichner, stellte 
Bewegungsmomente am Pferde fest, deren Richtigkeit später durch 
die Momentphotographie erwiesen wurde, indes sind solche Fälle 
äusserst selten geblieben. Das künstlerische Benützen der Photographie 
erst hat zu manchem geführt, was vordem einfach nicht existirte; es 
hat vor allem den Anstoss zu einer verallgemeinerten Präcisirung der 
Form gegeben und damit die Ansprüche speciell im Gebiete des 
Illustrationswesens nach vielen Seiten hin erhöht. Wir geben uns 
heutzutage, zumal wo es sich um ganz concrete Erscheinungen 
handelt, nicht mehr mit dem „ungefähr so", wie es noch vor dreissig 
Jahren genügte, zufrieden; wir verlangen scharfe Charakteristik und 
wäre sie auch nur durch ein paar Striche gegeben, wir verlangen sie 
selbst da, wo kein actueller Gegenstand vorliegt. Was andere Zeiten 
durch die unausgesetzte Schulung des Auges erreichten, wir gewannen 
es - ein wenig schmeichelhaftes Factum - wieder durch die Ver- 
mittlung des maschinellen Sehens. Daraus ist nach und nach eine 
Rückwirkung auf das künstlerische Sehen (starke Individualitäten 
gingen natürlich trotzdem ihre eigenen Wege, indes sind sie ja 
„Ausnahme-Fälle") überhaupt entstanden, die den diesbezüglichen
	        

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