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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 141)

Udo Kultermann 
Der Rot-Blau-Stuhl 
von Rietveld 
ln der modernen Möbelkunst verdient ein Werk, 
in dem sich die neuen Gestaltungstendenzen kri- 
stallisiert zu haben scheinen, besondere Beach- 
tung, der Rot-Blau-Stuhl von Gerrit Thomas Riet- 
veld. Der 1888 geborene Architekt und Möbel- 
künstler Gerrit Rietveld gehört der Generation 
Le Corbusiers und Mies van der Rohes an und 
hat sich wie diese beiden großen Baumeister ne- 
ben der architektonischen Arbeit auch in grund- 
legender Weise der Möbelgestaltung für das 
moderne Haus gewidmet. Sein Vater war Möbel- 
tischler. Schon im Alter von elf Jahren trat er als 
Lehrling in die Werkstatt seines Vaters ein, wo 
er etwa sieben Jahre lang, also bis um das Jahr 
1906, tätig war. 
Bereits um 1900 arbeitete Rietveld die Tische und 
Stühle für das Schlaß Zuilen, die somit Arbeiten 
eines Zwölfjährigen sind. Überraschend ist schon 
hier die Einfachheit und Klarheit der Konstruk- 
tion und Reduktion der Grundformen aufden rech- 
ten Winkel. Deutlich sind auch die Verbindungs- 
linien zu den späteren Stühlen Rietvelds,etwa zum 
Berliner Stuhl und zum Millitary-chair von 1923. 
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Erstaunlich und beinahe unbegreiflich wirkt da- 
neben die weitere Entwicklung des Lehrlings in 
der väterlichen Werkstatt, die zu einem immer 
stärkeren Kontrast zwischen den genialen Lei- 
stungen von 1900 und den übrigen in [ener Zeit 
entstandenen Werkstattarbeiten führt, die noch 
in historisierender Art prunkhaft gestaltet waren 
und selbst von der Linearität des Jugendstils 
noch nicht berührt waren. Sa zeigen die Möbel 
für die lnnengestaltung der Hypothekenbank in 
Utrecht, die Rietveld etwa um 1906 gearbeitet 
hat, den Fehlgang seiner weiteren Entwicklung, 
der erst durch den großartigen Rot-Blau-Stuhl 
überwunden scheint. 
Da weitere Vergleichsstücke aus den Jahren von 
1900 bis 1915 fehlen, ist es schwer, eine exakte 
Untersuchung des Rietveldschen Frühwerkes vor- 
zunehmen. Der Rot-Blau-Stuhl erscheint als ge- 
niales Ergebnis ohne Vorstufen, er steht unver- 
mittelt da und kann lediglich durch die Beschäf- 
tigung Rietvelds mit den Arbeiten des großen 
amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright 
erklärt werden. 
Das Werk Wrights war in Europa erstr 
durch die beiden Veröffentlichungen des ' 
muth-Verlages in den Jahren 1910 und 
bekannt geworden. Darüber hinaus hat 
Reihe von europäischen Architekten die wir 
sten Bauten Wrights auch in Amerika ges 
(Adolf Loos, Hendrik Petrus Berlage, R: 
van't Hott). Die Beeinflussung dieser Archit: 
war in allen Fällen nachhaltig. 
Auch Rietveld muß von dieser Welle des Wi 
Einflusses ertaßt worden sein. Im Jahre 
lernte er den Architekten Robert van't Hoff 
nen, der ihn mit den Ideen und Forrngeda 
Wrights vertraut gemacht haben könnte. E 
einen speziellen Auftrag kann diese Verbin 
jedoch noch enger gesehen werden. Der ß 
tekt Robert van't Haft hatte für die Familie 
loop in Huis ter Heide, Ruysdaellaan 2, ein 
gebaut, dessen Formgestalt deutlich die Nac 
kungen des Werkes von Frank Lloyd Wrigl 
kennen lüßt. 
Der Bauherr, der vom Werk Wrights tasz 
war und es aus Fotografien gut kannte, wün
	        

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